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US Open : Murray und das Wetter gewinnen

  • -Aktualisiert am

Alles Gute kommt von oben - zumindest wenn man gewinnt: Andy Murray Bild: AFP

Andy Murray und Tomas Berdych liefern bei den US Open einen bizarren Auftritt - wetterbedingt. Der Schotte siegt, der Tscheche schlägt eine neue Regel vor. Das Duell zwischen Ferrer und Djokovic wird sogar abgebrochen.

          3 Min.

          Am Samstag sah Andy Murray manchmal aus wie ein Tölpel, der verzweifelt Tennisspielen will. Wenn der Schotte den Ball zum Aufschlag in die Höhe warf, landete die Filzkugel fast einen Meter neben seinem Körper. Wenn er einen Schlag seines Gegenübers returnieren wollte, verrenkte er sich eigenartig.

          Thomas Klemm

          Redakteur im Ressort „Geld & Mehr“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Was auf der anderen Seite des Netzes Tomas Berdych bot, sah ebenso ungelenk aus. Der Tscheche stand oft schlecht zum Ball, verschätzte sich mehrmals, brach ständig seinen Aufschlag ab. So miserabel wie an jenem New Yorker Nachmittag haben die beiden Topten-Profis selten zuvor gespielt.

          Doch diesen bizarren Auftritt kann man ihnen nicht vorwerfen, war doch ein dritter Mitspieler auf dem Platz, der den Verlauf der Handlung maßgeblich bestimmte: der Wind, der im Athur-Ashe-Stadion pfiff und dafür sorgte, dass die Halbfinalpartie phasenweise zu einem Lotteriespiel wurde. Eine Böe war so stark, dass sie Murray die Kappe vom Kopf wehte, eine andere warf seinen Stuhl samt Schlägertasche um.

          „Ich glaube, die Zuschauer mögen es, wenn sich Profis unter harten Bedingungen abmühen“, sagte der Weltranglistenvierte. Angeblich genieße auch sein Trainer Ivan Lendl Schadenfreude, wenn er bei Golfturnieren zuschaut und die Schläge der Stars vom Winde verweht werden. „Dann fühlt er sich besser“, behauptete Murray.

          Vom Winde verweht: Andy Murray kommt besser mit den Bedingungen zurecht Bilderstrecke

          Der Schotte hatte gut lachen, er erreichte nach der stürmischen Begegnung mit Berdych zum zweiten Mal nach 2008 das Endspiel der US Open. So konnte er nach dem 5:7, 6:2, 6:1 und 7:6 (9:7) locker und leichthin behaupten, dass „diese Bedingungen zu den brutalsten gehörten, bei denen ich jemals gespielt habe. Und das will etwas heißen - ich komme aus Schottland.“

          Im Gegensatz zu dem Briten bezweifelte Berdych, dass Zuschauer dieser notdürftig improvisierten Spielweise etwas abgewinnen können. „Hier in den Vereinigten Staaten lieben sie die Show. Aber das heute war keine Show, sondern der oft unmögliche Versuch, einen Ball übers Netz zu bringen.“

          48 erzwungene und 64 unerzwungene Fehler

          Amerikanische Sportsfreunde mögen bekanntlich auch Statistiken. Doch die Zahlen, die ihnen nach dem ersten Halbfinale vor Augen geführt wurden, erschienen absurd. 48 erzwungene und 64 unerzwungene Fehler von Tomas Berdych - wie hätte man zwischen den beiden Kategorien unterscheiden sollen, angesichts der vielen Bälle, die vom Winde umgelenkt wurden? Murray fand sich nach anfänglichen Anpassungsschwierigkeiten indes gut zurecht; er gewann ab der Mitte des zweiten Satzes 14 von 15 aufeinanderfolgende Spiele und legte die Grundlage für seinen Finaleinzug nach vier Stunden Spielzeit.

          Sein unterlegener Halbfinalgegner aus Tschechien mochte die windige Angelegenheit nicht so einfach hinnehmen, sondern regte die Einführung einer neuen Regel an, wonach ein Spiel bei derartigen Witterungsbedingungen verlegt werden sollte: „Wenn wir bei einem so großen Turnier spielen und auf ein Dach verzichten müssen, dann sollte man zumindest mal drüber nachdenken.“ Hätte der amerikanische Tennisverband beim Bau des Arthur-Ashe-Stadiums 1997 auf Gigantismus verzichtet und ein kleineres Stadion mit Dach errichtet, wäre ihm manche Peinlichkeit erspart geblieben.

          Super Saturday wird zum Super Sunday

          Zum Beispiel, dass das Herren-Endspiel nun im fünften Jahr nacheinander an einem Montag ausgetragen werden muss, weil die beiden Halbfinals am „Super Saturday“ nicht über die Bühne gingen. Das Duell zwischen Titelverteidiger Novak Djokovic und David Ferrer musste beim Stand von 2:5 nach 32 Minuten wegen einer Unwetterwarnung abgebrochen werden. Es wurde ebenso um einen Tag auf Sonntag verschoben wie das Damenfinale zwischen Serena Williams und Viktoria Asarenka.

          Die Möglichkeit, die beiden Vorschlussrundenspiele der Herren am Samstag gleichzeitig in verschiedenen Stadien anzusetzen und die US Open weitgehend planmäßig über die Bühne zu kriegen, hatte Turnierdirektor David Brewer nicht einmal erwogen. Über die Verzögerung gefreut hat sich nur Andy Murray. Er bekam zwischen seinen letzten beiden Turnierspielen einen Tag zum Entspannen. Die Gefahr, dass er vor seinem fünften Grand-Slam-Finale die Ruhe verliert, ist nicht mehr groß, seit er mit Lendl zusammenarbeitet.

          „Heute haben wir Schotten den Wind erfunden“

          Auch der Meister früherer Tage benötigte einen Anlauf von fünf Finalteilnahmen, ehe er erstmals bei einem der großen Turniere siegte. Er weiß also, wie sich sein Nachfolger fühlt und wie damit umzugehen ist. Erleichternd kommt hinzu, dass der 25 Jahre alte Schotte die Bürde unerfüllter Erwartungen losgeworden ist, seit er sich bei den Olympischen Spielen auf dem Rasen von Wimbledon als Champion präsentiert und Gold geholt hat: „Seither fühle ich mich viele besser. Ich habe weniger Zweifel an mir und an meinem derzeitigen Platz im Tennis.“

          Wie anziehend Erfolg macht, durfte Andy Murray nach seinem Halbfinalerfolg erleben. Mitten in seine Pressekonferenz hinein platzten zwei offensichtlich weinselige Schotten, die noch berühmter sind als er, und priesen ihre Heimat. „Heute haben wir Schotten den Wind erfunden“, sagte Alex Ferguson rückblickend auf Murrays stürmisches Tennisspiel. „Heute erobern wir die Welt“, sagte ein anderer „Sir“, nämlich Sean Connery. Wer solche Freunde hat, braucht seinen Finalgegner nicht fürchten.

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