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US Open : Die spanische Armada

  • -Aktualisiert am

Rafael Nadal ist als erster der Weltrangliste der Anführer der spanischen Armada Bild: AFP

Früher konnten sie nur auf Sand spielen, aber nun wollen die Iberer die Tennisplätze von Flushing Meadows erobern: Gleich als Sextett stehen die Spanier im Achtelfinale der US Open. Mit Anführer Rafael Nadal an der Spitze.

          3 Min.

          Früher hießen die Männer Ayala, Cortés, Diaz, Leon oder Narváez. Sie durchkreuzten den Atlantik, um jenseits von Europa neues Terrain zu erobern. Sie besetzten Amerikas Süden, sie bemächtigten sich Kaliforniens und Floridas, sie entdeckten den Grand Canyon. Die Spanier beherrschten weite Teile der neuen Welt, nur ein bestimmtes Fleckchen Erde, das blieb ihnen fast ein halbes Jahrtausend verwehrt.

          Thomas Klemm

          Redakteur im Ressort „Geld & Mehr“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Im New Yorker Stadtteil Queens, dort, wo sich die größte Tennisanlage befindet und alljährlich das letzte Grand-Slam-Turnier ausgetragen wird, haben sie noch kein Bein auf den Boden bekommen. Manuel Santana gewann zwar in New York 1965 und Manuel Orantes zehn Jahre später – allerdings auf der alten Anlage in Forest Hills. Einen Feldzug kann man das nicht nennen.

          In diesen Tagen des Jahres 2010 nun schickt sich eine neue Generation von Konquistadoren an, sich die New Yorker Hartplätze zu eigen zu machen. Neun spanische Tennisprofis hatten bei den US Open die dritte Runde erreicht, schon das war ein Rekord, mit dem sie ihre eigene Bestmarke bei den French Open übertrumpften. Sechs von ihnen sind im Achtelfinale übrig geblieben: Rafael Nadal, Feliciano Lopez, David Ferrer, Tommy Robredo, Albert Montanes und Fernando Verdasco heißen die jüngsten Eroberer in der neuen Welt.

          Spanisches Duell: im Achtelfinale versucht sich Feliciano Lopez an Nadal

          So viele Ausländer waren seit 1969, als ein halbes Dutzend Australier die Runde der letzten sechzehn bei den US Open erreichte, nicht mehr so weit vorgestoßen. „Seit 15, 20 Jahren gewinnen wir fast alles“, sagt Lopez, der als nächstes auf seinen Kumpel Nadal trifft, „wir waren die Besten auf Sandplätzen, jetzt gewinnen wir eben auch auf Rasen und jedem anderen Belag.“

          Eine verschworene Gruppe

          Die Tenniswelt verabschiedet sich nur langsam von der Vorstellung, dass die Spanier, die daheim auf dem roten Ziegelmehl groß geworden sind, nur in der europäischen Sandplatzsaison alles abräumen, aber in der Ferne meistens scheitern. Zwar hat Nadal in diesem Frühjahr tatsächlich jedes Sandplatzturnier gewonnen, bei dem er antrat, darunter zum fünften Mal seine geliebten French Open; aber seine anderen Grand-Slam-Titel beweisen, dass er auch auf Hartplatz (Australian Open 2009) und auf Rasen (Wimbledon 2008 und 2010) erfolgreich sein kann. Ein Triumph bei den US Open wäre „etwas Besonderes für uns“, sagt der Weltranglistenerste aus Mallorca, der mit einem Erfolg auf den schnellen Hartplätzen von Flushing Meadows seinen Karriere-Grand-Slam perfekt machen könnte: „Wegen der Bälle und wegen des Belags ist es das schwierigste Turnier für uns.“

          Dass sich die Spanier in der Fremde als starke Gemeinschaft präsentieren, kommt nicht von ungefähr. Dreizehn Landsleute stehen unter den Top 100 der Weltrangliste, sechzehn ATP-Turniere haben die Iberer in dieser Saison schon gewonnen. Sie sind keine Einzelkämpfer wie die meisten Tennisprofis, sondern bilden eine verschworene Gruppe. Tagsüber trainieren sie zusammen, abends gehen sie zusammen essen. „Wir sind ein großer Freundeskreis, das hilft uns“, sagt Robredo, als 41. der Weltrangliste der am niedrigsten eingestufte Spanier unter den Achtelfinalteilnehmern. In New York messen sie ihre Kräfte nicht mehr länger nur im Training, sondern auch im Achtelfinale: Nadal gegen Lopez, Ferrer gegen Verdasco, dann spielen die jeweiligen Sieger gegeneinander: einen Halbfinalteilnehmer hat Spanien also schon sicher. „Das ist eine sehr gute Nachricht für das spanische Tennis“, sagt Nadal.

          Spanischer Sport-Sommer

          Die „spanische Armada“, wie die Spieler in New York mittlerweile genannt werden, setzt in Übersee den nahezu unvergleichlichen Sport-Sommer fort, den das Land mit seinen 45 Millionen Einwohnern erlebt. Basketballprofi Pau Gasol holte mit den Los Angeles Lakers den Titel in der amerikanischen Profiliga NBA, Radrennfahrer Alberto Contador hatte bei der Tour de France die Nase vorn, und die Seleccion gewann in Südafrika die Fußball-Weltmeisterschaft. Dazu kamen Nadals Grand-Slam-Titel in Paris und London. Spanischen Sportler – sie spornen sich an, sie stehen sich bei. Wie ein kleiner Junge habe er nach der Fußball-WM geweint, sagt Nadal.

          Die Tennisabteilung der iberischen Sportlergemeinschaft profitiert nicht nur von der eigenen Stärke, sondern auch von der Entwicklung von Tour und Technik. Der extreme Topspin, den die spanischen Profis in ihren Akademien von klein auf lernen und bevorzugen, wird durch die ständig verbesserten Schläger und Saiten erleichtert. Zudem, sagt Tommy Robredo, erlaube es das vor einigen Jahren reformierte ATP-Punktesystem nicht mehr, sich nur auf die Sandplatzsaison im Frühjahr zu konzentrieren. Wie alle anderen Profis, seien auch die Spanier seit zehn Jahren auf jedem Belag gefordert, um möglichst viele Weltranglistenpunkte zu sammeln. „Wenn man an der Spitze stehen will, muss man überall spielen“, sagt Robredo. Man könnte also sagen: Zu ihrem Eroberungszug bei den US Open wurden die Spanier ein wenig gezwungen.

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