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US Open : Der andere Schweizer: Wawrinka wird bissig

  • -Aktualisiert am

Stansilas Wawrinka steht im Viertelfinale der US Open - und trotzdem im Schatten von Roger Federer Bild: (c) AP

Stanislas Wawrinka steht da, wovon die deutschen Tennisprofis nur träumen können - im Viertelfinale der US Open. Und dennoch hat der Schweizer ein Problem: In seiner Heimat interessiert sich fast niemand für ihn.

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          In New York ist alles Roger. Die Zeitungen sind voll von Federer-Fotos, auf der Tennisanlage von Flushing Meadows werben Unternehmen mit Federer-Momenten, und jeder Tennisspieler, der zu seinem Hotel chauffiert werden will, muss einen gesponserten Kleinbus mit Federer-Konterfei besteigen. Neben dem allgegenwärtigen fünfmaligen Champion der US Open werden die anderen Spieler an den Rand gedrängt. Über die Nebenrolle mögen sich manche Kollegen insgeheim grämen, Stanislas Wawrinka hingegen ist sie gewöhnt. Zwar ist er überraschender als Federer ins Viertelfinale des letzten Grand-Slam-Turniers des Jahres eingezogen, aber als er gefragt wurde, ob er mit seinem Coup jetzt zumindest für einen Tag herausragte in der Heimat, antwortete der zweitbeste Schweizer so lapidar wie lächelnd: „Sicher nicht.“ In jedem anderen Land wären Wawrinka die größten Schlagzeilen sicher angesichts des Aufsehens, für das er in New York sorgt. Nach zwei Pflichtsiegen zum Auftakt warf er den Weltranglistenvierten und Mitfavoriten Andy Murray aus dem Turnier, am Dienstag machte er dann die letzte amerikanische Hoffnung zunichte, indem er den ebenfalls höher eingestuften Aufschlagriesen Sam Querrey 7:6 (11:9), 6:7 (5:7), 7:5, 4:6 und 6:4 besiegte.

          Thomas Klemm

          Redakteur im Ressort „Geld & Mehr“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Zum ersten Mal standen zwei Schweizer bei einem Grand-Slam-Turnier in der Runde der letzten acht. Für Federer ist das Viertelfinale nach 26 Teilnahmen in Serie der Normalfall, der Debütant Wawrinka hingegen hielt es für „sehr wichtig in meiner Karriere“. 4:28 Stunden hatte der 27. der Weltrangliste gegen Querrey benötigt, um sich das Duell mit dem Russen Michail Juschni zu sichern.

          Wawrinka ist stets der andere Schweizer. Der Typ, der immer im zweiten Glied steht und, wenn er Glück hat, ein wenig von Federers Glanz abbekommt. So wie bei den Olympischen Spielen in Peking, wo sich der Lausanner vor zwei Jahren die Goldmedaille im Doppel-Wettbewerb redlich verdiente, aber lediglich als Mitspieler des großen Meisters wahrgenommen wurde. Profis mit ausgeprägtem Ego würden sich daran aufreiben, ständig im Schatten zu stehen. Aber dem netten Herrn Wawrinka sind Neidgefühle fremd. Er habe immer vom vier Jahre älteren Landsmann profitiert, sagt der Fünfundzwanzigjährige. Federer habe nicht nur regelmäßig mit ihm trainiert, sondern ihn auch im Profizirkus eingeführt.

          Schweizer Duo: Wawrinka holte mit Federer bei den Olympischen Spielen in Peking die Goldmedaille im Doppel

          Auf dem Tennisplatz ist der Mann hinter dem Maestro neuerdings nicht mehr so nett wie früher, als er reihenweise famose Schläge darbot, Matches aber immer wieder aus der Hand gab. Nur bei zwei ATP-Turnieren bekam er am Ende einen Pokal, bei allen anderen kaum mehr als ein aufmunterndes Schulterklopfen. Vor sechs Wochen hatte der Schweizer, der im Juni 2008 schon einmal auf Weltranglistenplatz neun stand, genug von den freundlichen Gesten. Nach achtzehn gemeinsamen Jahren trennte er sich von seinem Trainer Dimitri Zavialoff und verpflichtete einen Nachfolger, der mit allen Wassern gewaschen ist.

          „Er muss böser werden, den Gegner hetzen“

          Der ehemalige Tennisprofi Peter Lundgren betreute Federer bei dessen ersten Wimbledonsieg 2003, nun hat sich der Schwede den nächsten Schweizer zur Brust genommen, um dessen Talent zum Durchbruch zu verhelfen. Wawrinka sei ein Spieler, „der zwar schon sehr gut ist, aber sich immer noch stark verbessern kann“, sagte Lundgren gegenüber dem Zürcher „Tagesanzeiger“: „Er muss böser werden, den Gegner hetzen, die Schläge durchziehen.“ Murray war bei den US Open der erste Profi von Weltformat, der Wawrinkas Wandlung nicht folgen konnte. Als hätte er vor dem New Yorker Drittrundenduell Brad Gilberts Lehrbuch „Winning ugly“ studiert, zermürbte der Schweizer den Schotten, indem er sich zwischen den Ballwechseln viel Zeit nahm. Als Murray später körperliche Probleme bekam, fackelte Wawrinka nicht mehr lange: „Ich wollte aggressiv bleiben und ihn ins Laufen bringen.“

          Weil nun das nächste Schweizer Talent bissig geworden ist, staunt die Tenniswelt in New York nicht schlecht. Wie kann es sein, dass aus einem Land mit nur knapp acht Millionen Einwohnern zwei Herren ins Viertelfinale der US Open einziehen, während die vierzig Mal so großen Vereinigten Staaten zum zweiten Mal überhaupt keinen Teilnehmer in der Runde der letzten acht stellen? „Ich glaube nicht, dass wir bessere Trainer oder einen stärkeren Verband haben“, sagte Wawrinka: „Wir haben nicht viele Spieler, aber wir haben einige gute in jeder Generation.“ Erst waren es Martina Hingis und Patty Schnyder bei den Damen, die das kleine Land im Tennis groß herausbrachten, dann folgte Federer. Jetzt ist es an der Zeit, dass sich Wawrinka einen Namen macht.

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