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Baseball in Amerika : Mit Pathos und Protest in die Corona-Saison

  • -Aktualisiert am

Der Immunologen Dr. Anthony Fauci durfte den ersten Pitch der Saison werfen. Bild: AFP

Inmitten der Pandemie und der Black-Lives-Matter-Proteste beginnt in Amerika die Baseball-Saison. Zum Auftakt wird es reichlich pathetisch – und Dr. Fauci wirft daneben.

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          Das auffälligste Symbol? Ein knapp 200 Meter langes, schwarzes Stoffband, an dem entlang sich die Profis und ihre Trainer aufstellten und das trichterförmige Spielfeld einrahmten, ehe sie sich eine Minute lang stumm hinknieten. Es handelte sich um eine symbolische Geste, die den landesweiten Protest gegen Polizeibrutalität gegenüber Afroamerikanern in eine Sympathiekundgebung kanalisieren sollte, an der sich alle Baseball-Profis beteiligen würden. Die Idee kam von der neu gegründeten Players Alliance aus 150 aktuellen und ehemaligen schwarzen Spielern. Sie wurde unterfüttert mit einem von einem Spieler verfassten Text, den der Filmschauspieler Morgan Freeman aufgenommen hatte und der über die Lautsprecheranlage im Stadion abgespielt wurde. Die Botschaft? Sie klang nach wortschwerem Pathos. Eine derartige Demonstration dürfe nicht nur Ausdruck von Wut und Entsetzen sein, lautete sie. Sondern müsse gleichzeitig „unsere Brüderlichkeit, unsere Einheit“ zeigen. Denn jede Bemühung um gesellschaftliche Veränderungen brauche zwei entscheidende Zutaten, die in eine positive Richtung zeigen: Optimismus und Empathie.

          Kein Wunder, dass das Ganze etwas bemüht wirkte. In einer Liga wie Major League Baseball (MLB), die in ihrer langen Geschichte noch in keiner Saison mehr als 20 Prozent schwarze Spieler beschäftigt hat (der aktuelle Anteil liegt bei acht Prozent), sind Themen wie Hautfarbe und soziale Gerechtigkeit nicht halb so konkret wie etwa in der National Football League oder der National Basketball Association, in denen mehr als zwei Drittel der Spieler Afroamerikaner sind.

          Im Baseball besteht die größere Zahl von Vertretern sozialer Minderheiten aus lateinamerikanischen Profis, die inzwischen einen Anteil von knapp 30 Prozent erreicht haben. Auch sie fühlen sich im Amerika eines Donald Trump mit seiner Abneigung gegen Einwanderer aus dem Süden ausgegrenzt. Aber da die Mehrheit von ihnen keine Staatsbürger sind, identifizieren sie sich nicht mit dem pathetischen Patriotismus des Gastlandes. Das Resultat: unpolitische Apathie anstatt offener Solidarität.

          Weshalb die Protest-Inszenierung am Donnerstag, an dem die neue Saison in Washington und Los Angeles virusbedingt mit mehreren Monaten Verspätung begann, eher einer Pflichtübung ähnelte. Immerhin: Zahlreiche Spieler hatten einen oder zwei Aufnäher auf dem Ärmel. Auf einem stand „Black Lives Matter“ (Schwarze Leben zählen), auf dem anderen „United for Change“ (Vereint für den Wandel). Auf dem Rücken der Wurfhügel war in den Stadien ein abgewandeltes und in schwarz gehaltenes Logo der Liga zu sehen mit der Abkürzung BLM anstelle des üblichen MLB.

          Klare Ansage: „Black lives Matter“ und „United for Change“
          Klare Ansage: „Black lives Matter“ und „United for Change“ : Bild: USA TODAY Sports

          In Washington, vor Wochen Schauplatz von Demonstrationen in der Nähe des Weißen Hauses, die von der Polizei mit Tränengas attackiert wurde, um Trump einen Spaziergang zu einer benachbarten Kirche zu ermöglichen, wo er medienbewusst eine Bibel in die Luft hielt, wirkte die Aktion trotzdem wie eine Provokation. Der Präsident hatte bereits 2016, als der Football-Profi Colin Kaepernick als erster Profisportler die Plattform des Stadions dazu benutzt hatte, um auf die Unterdrückung seiner schwarzen Landsleute aufmerksam zu machen, barsch solche publikumswirksamen Aktionen attackiert. Als die Washington Nationals im vergangenen Herbst Meister wurden, besuchte er das fünfte Spiel der Endspielserie, der sogenannten World Series, und wurde von den Zuschauern ausgebuht.

          So kam dem Auftritt des Epidemiologen Dr. Anthony Fauci eine besondere Bedeutung zu. Der 79 Jahre alte Direktor des Nationalen Instituts für Infektionskrankheiten kämpft innerhalb der Washingtoner Regierung darum, eine faktenorientierte Politik im Kampf gegen die Verbreitung des Coronavirus durchzusetzen. Was schwer ist, wenn der Gegenspieler ein Präsident mit Machtallüren ist, der jede Entscheidung nur nach dem Kriterium trifft, ob er dabei gut aussieht oder nicht. Fauci warf allerdings den symbolischen ersten Ball eher ungeschickt am Catcher vorbei. Wozu passte, dass die Heimmannschaft das Spiel gegen die New York Yankees 1:4 verlor. Die Partie wurde wegen starken Regens, Blitz und Donner nach einer langen Pause abgebrochen. Washington war ohne einen seiner besten Spieler angetreten. Juan Soto war positiv auf das Coronavirus getestet worden und durfte nicht teilnehmen.

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