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Nächster Protest : Ein Knie gegen Rassismus und Waffengewalt

  • -Aktualisiert am

Zeichen des Protests: Race Imboden (Zweiter von links) in Lima Bild: EPA

Amerikanische Athleten haben politische Demonstrationen eigentlich strikt zu unterlassen, ansonsten drohen härteste Strafen. Die nun wachsende Solidarität spaltet die Vereinigten Staaten – dabei wäre eine Lösung ganz einfach.

          Der Florettfechter Race Imboden hat in seiner Karriere einiges erreicht. Er gewann bei Olympia und Weltmeisterschaften Medaillen, war Erster der Weltrangliste. Zu seinem Bekanntheitsgrad hat der sportliche Erfolg allerdings nicht viel beigetragen. Die meisten seiner amerikanischen Landsleute haben von ihm noch nie gehört. Weshalb er darauf angewiesen ist, sein Geld woanders zu verdienen: als Fotomodell und auf dem Laufsteg bei Modenschauen. Sein Bekanntheitsgrad steigt aber seit ein paar Tagen, seit ein Bild von der Siegerehrung im Mannschaftswettbewerb der Panamerikanischen Spiele in Lima zu kursieren begann. Es zeigt ihn während der Fahnenzeremonie auf dem Treppchen hinter seinen beiden stehenden Teamkollegen: kniend.

          2017, auf dem Höhepunkt der durch Attacken von Donald Trump zugespitzten Kontroverse um den schwarzen Football-Profi Colin Kaepernick, zeigte er schon einmal mit derselben Geste seine Haltung. „Es ist wichtig, den Mund aufzumachen“, sagte er und nannte Athleten wie Muhammad Ali und LeBron James als Vorbilder. Folgen hatte das damals nicht. Kein Wunder. Fechten ist Randsportart. Sie wird von den reichweitenstarken Medien völlig ignoriert.

          Forderungen und Kritik

          Doch in einer Zeit, in der es zu Massakern an Schwarzen, Juden und – zuletzt in Texas – an Lateinamerikanern kommt und der Präsident fremdenfeindliche Parolen produziert, sorgen solche Demonstrationen für Resonanz und Schlagzeilen. So wie die Aktion des Fußballers Alejandro Bedoya von Philadelphia Union vor einer Woche. Der brüllte während einer Partie seine Forderung an den amerikanischen Kongress in ein Fernsehmikrofon, „endlich was zu tun“, um die zunehmende Gewalt und die politisch motivierten Attentate einzudämmen. Während Imboden mit einer Disziplinarmaßnahme bis hin zu einer Sperre rechnen muss, verzichtete die Major League Soccer auf eine Strafe. Man trauere mit allen anderen über die Opfer der jüngsten Anschläge und habe Verständnis dafür, „dass unsere Spieler bei diesem Thema starke und leidenschaftliche Ansichten haben“.

          Der Fechter, der auf „Rassismus, unzureichende Waffengesetze, die Misshandlung von Einwanderern und einen Präsidenten, der Hass verbreitet“, aufmerksam machen will, dürfte in seinem Milieu kaum auf derlei Rückhalt stoßen. Athleten unter dem Dach des Nationalen Olympischen Komitees haben politische Demonstrationen strikt zu unterlassen. Wer bei internationalen Wettbewerben für die Vereinigten Staaten antreten will, muss deshalb eine Erklärung unterschreiben, mit der er diese Auflage ausdrücklich akzeptiert.

          In dem Konflikt um das Recht auf freie Meinungsäußerung hatte die National Football League Kaepernick auf einem Umweg in die Arbeitslosigkeit gezwungen. Keiner der 32 Klubs bot ihm einen neuen Vertrag an. Imboden ist weiß, weshalb sein Protest über das Konfliktfeld Hautfarbe hinausgeht und als Stich ins Wespennest eines überdrehten und von Trump instrumentalisierten Patriotismus anders nachhallt. Längst fragen sich auch andere Sportler, ob es nicht an der Zeit ist, der Bevormundung ein Ende zu setzen und das verfassungsgemäße Recht auf Meinungsfreiheit einzufordern.

          Die Stimmung ist aufgeladen. In einigen Bereichen reift der Sinn für Solidarität. Etwa in der Basketballliga NBA, in der Ligamanagement und Spielergewerkschaft signalisierten, dass sie Verständnis dafür haben, wenn Profis ihre Plattform nutzen wollen, „um etwas in der Welt zu bewegen“. Man stehe sogar zur Verfügung, so machte man vor einer Weile in einer gemeinsamen Erklärung deutlich, um Spielern zu helfen, „die sinnvollste Weise dafür zu finden“. Knien während der Hymne gehört allerdings nicht dazu. Das wurde ihnen vor zwei Jahren von der Liga unmissverständlich untersagt. Dabei wäre dieser Konflikt einfach zu lösen: indem man einfach auf die Hymnenzeremonie vor jedem Spiel verzichtet.

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