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Untertage-Marathon : Irrsinn im Bergwerk

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Laufen in einer anderen Welt: An manchen Stellen hat es hier 37 Grad Bild:

Hinab in den Stollen, hinab in die Hitze: Beim Untertage-Marathon in Sondershausen plagen sich Hobbysportler in 700 Metern Tiefe. Ein Mediziner warnt vor dieser Strapaze: „Viele riskieren ihr Leben.“

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          Es ist acht Uhr morgens. Unten, in siebenhundert Meter Tiefe, spielt die Bergmannskapelle. „Glück auf, der Steiger kommt.“ Oben, am Schacht Nummer fünf des Kali-Bergwerkes im thüringischen Sondershausen, stehen 463 Läuferinnen und Läufer - und warten auf den ersten Kick vor dem weltweit einzigen Marathon unter Tage. In kleinen Gruppen betreten sie den wackligen Förderkorb. Drei Stunden dauert es, bis alle eingefahren sind. In den Stollen, in die Hitze. In eine völlig andere Welt. An manchen Stellen hat es hier 37 Grad, und die Luft steht. „Das sind Helden“, sagt Willi Heepe, ohne Ironie und doch mit gewisser Verbitterung in der Stimme: „Wer das schafft, hat meinen Respekt. Aber viele riskieren aus meiner Sicht ihr Leben.“

          Dr. Heepe ist selbst leidenschaftlicher Marathonläufer. Dreißig Jahre war er verantwortlicher Arzt beim Berlin-Marathon. Er sitzt in seiner Praxis und schüttelt immer wieder den Kopf beim Betrachten der Bilder aus dem Schacht. „Dieser Lauf ist nicht nur gefährlich, er ist unsinnig und nicht zu verantworten.“

          „Da spielt der Kreislauf verrückt“

          Der Siebzigjährige hat schon mehrmals Menschen plötzlich tot umfallen sehen auf Marathonstrecken. Sportler, die nicht wussten, dass sie einen Herzfehler haben. Voller Wut hat er in diesem Sommer auch die Schlagzeilen rund um den Zugspitzlauf registriert. Zwei Menschen starben im Juli nach einem Wettersturz an Erschöpfung und Unterkühlung. „Die wollten, viele nicht ausreichend trainiert und mit kurzen Ärmeln, hoch auf den Berg - die anderen gehen jetzt unter die Erde, ins andere Extrem“, sagt Heepe: „Dieser Trend schadet der Laufbewegung sehr.“

          Kein Luftzug könnte kühlen: Das Salz an den Wänden entzieht das Wasser aus dem Körper
          Kein Luftzug könnte kühlen: Das Salz an den Wänden entzieht das Wasser aus dem Körper :

          Der renommierte Mediziner führt viele Argumente an, die den Untertage-Marathon im ältesten Kali-Bergwerk der Welt aus seiner Sicht „ad absurdum führen“: Die Athleten muten ihren Körpern abrupt einen Temperaturunterschied von über 30 Grad zu. „Die haben doch null Chance auf Anpassung. Da spielt der Kreislauf verrückt.“ Und sie müssen auf teilweise schwierigem Profil einen Höhenunterschied von 310 Metern bewältigen. Es gibt keinen Luftzug, der kühlen könnte. Das Salz an den Wänden zieht das Wasser aus dem Körper, der aufgewirbelte Staub wird eingeatmet. Die Luftfeuchtigkeit liegt bei nur dreißig Prozent. Das ist kein Volkslauf - das ist Strapaze pur. Und genau das treibt das Gros der Teilnehmer an. Ein Stadt-Marathon, so sagen sie, verschaffe ihnen längst nicht mehr den Kick, den sie benötigen.

          Veranstalter als Neurosengärtner von Menschen

          Olaf Kleinsteuber führt all die harten Bedingungen auch an - aber als Argument für den Lauf. Er ist der Rennleiter vom SC Impuls Erfurt, der den Marathon zum siebten Mal gemeinsam mit dem SV Glückauf Sonderhausen veranstaltete. All die Widrigkeiten, „in Kombination mit dem Tunneleffekt, der dafür sorgt, dass man eigentlich nie richtig weiß, wo man ist“, so Kleinsteuber, „das macht den Reiz und den Kick aus“. Kleinsteuber kann darauf verweisen, dass bisher noch nie Schlimmeres passiert ist. Ein ärztliches Attest verlangt er von den Startern nicht, alle müssen nur bestätigen, dass sie gut vorbereitet sind.

          Voller Überzeugung sagt er in die Kamera des Fernsehteams (Montag, 22.45 Uhr, „sport inside“ beim WDR): „Es muss jeder selbst wissen, was er tut. Es ist besser so, organisiert, als wenn der ein oder andere auf eigene Gefahr derartige Wege geht und einen Unfall hat.“ Heepe hat dazu seine eigene Meinung. „Wenn da mal einer tot umfällt, und ich bin Gutachter - dann ziehe ich den Veranstalter, der sich zum Neurosengärtner von Menschen macht, die sich selbst etwas beweisen wollen, mit zur Verantwortung.“

          Viele schleichen oder humpeln nur noch ins Ziel

          Es ist kurz nach elf Uhr, der Startgong ertönt. Vom ersten Moment an wird klar, was Kleinsteuber gemeint hat, als er über die Faszination dieses Laufes gesprochen hat. Es sind beeindruckende Bilder: diese langen, engen Stollen; Läufer, für die hier unten auch Helmpflicht herrscht, die mit ihren Kopflampen wie Glühwürmchen aus der Dunkelheit kommen. Diese atemraubende Stille, die nur der Sprecher am Startpunkt in Kirmesmanier für jeweils hundert Meter stören kann - es ist ohne Frage ein einmaliges Lauferlebnis. Diese Eindrücke lassen die Gefahren für den Moment vergessen und erklären, warum es in jedem Jahr deutlich mehr Interessenten gibt, als für den engen Stollen zugelassen werden können.

          Das Feld entzerrt sich schnell auf dem 10,5 Kilometer langen Rundkurs. An einigen Stellen sind es bis zu 23 Grad Steigung, die Hobbyläufer gehen hier nur noch, keuchend. Selbst die vielen Extremsportler im Feld wie der Berliner Lars König quälen sich: „Diese Berge sind die Hölle. Die machen dich kaputt, saugen alles aus dir raus.“ Irgendwann wird auch er von Wadenkrämpfen geplagt und verpasst sein Ziel, unter vier Stunden zu bleiben, um neun Minuten. Dass selbst Athleten wie er an die Schmerzgrenze kommen, zeigt die Belastung bei diesem Marathon. Viele schleichen oder humpeln nur noch ins Ziel und fallen dann apathisch auf einen Stuhl.

          Der Streckenrekordhalter läuft mit Herzschrittmacher

          Der Veranstalter lässt zwei Ärzte auf Mountainbikes patrouillieren. Alle 2,5 Kilometer gibt es einen Verpflegungsstand. Über 1600 Liter Wasser werden an die Läufer verteilt. Ein Dutzend Sportler, die bei der Halbmarathon-Distanz über zwei Stunden und 45 Minuten liegen, werden aus dem Rennen genommen. Auch gegen ihren Willen. „Wir tun alles für die Sicherheit“, sagt Kleinsteuber. Doch es gibt einsame Streckenpunkte. Hier ist dann über eine Stunde lang nichts von einem Arzt auf dem Fahrrad zu sehen. „Bei einem Herzinfarkt, der statistisch gesehen beim Marathon sehr häufig vorkommt“, sagt Kritiker Heepe, „ist da unten dem Betroffenen nicht mehr zu helfen. Bis er im dunklen Umlauf gefunden wird, kommt vielleicht schon jede Erste Hilfe zu spät.“

          An diesem 6. Dezember 2008 passiert nichts. Nur ein Läufer kippt um, mit Kreislaufkollaps - er bekommt sofort Infusionen. Der Beste im Feld, Uwe Schiwek aus Oranienburg, schafft die Strecke in drei Stunden und dreizehn Minuten. Nur eine Minute mehr benötigt Martin Wahl, eine Art Lokalmatador aus Oberhof, der den Streckenrekord (3:09) hält und nicht einmal zum Trinken stehenbleibt. „Na, Martin“, sagt einer der Helfer, „haste die Frequenz wieder höher gedreht?“ Martin ist 55 Jahre alt und läuft mit Herzschrittmacher.

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