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Ikone des Freitauchens : Der unnötige Tod der Natalia Molchanowa

101 Meter in die Tiefe: Natalia Molchonowa 2013 bei ihrem Weg zum Weltrekord Bild: Daan Verhoeven

Sie war die beste Freitaucherin der Welt. Doch dann wurde die Russin Natalia Molchanowa vor wenigen Tagen vom Wasser verschluckt. Wie konnte das passieren? Es gibt dafür eine Erklärung.

          Natalia Molchanowa, die Ikone des Freitauchens, wird seit einem Tauchgang im Mittelmeer vermisst. Die Meldung erschütterte in dieser Woche die Szene. Die 53 Jahre alte Russin habe, so hieß es zunächst, vor der spanischen Insel Formentera ohne Pressluftflasche 35 Meter tief tauchen wollen. Diese Tiefe ist normalerweise keine Herausforderung für die Russin, erst im Mai hatte sie - ohne Flossen - mit einem Atemzug 71 Meter erreicht, Weltrekord.

          Michael Eder

          Sportredakteur.

          Doch von ihrem Vergnügungstauchgang in Spanien kehrte Natalia Molchanowa nicht zurück. Der Grund für ihr Verschwinden sei unklar, hieß es. Möglicherweise sei sie von einer Strömung erfasst worden oder habe das Bewusstsein verloren. Sicher ist: Es gibt keine Hoffnung mehr, sie lebend zu finden.

          Natalia Molchanowa war Cheftrainerin und Präsidentin des russischen Freitaucher-Verbandes und Dozentin am Institut für Sportwissenschaft und Extremsport an der Universität für Körperkultur in Moskau. Sie stellte 41 Weltrekorde auf, bei Weltmeisterschaften gewann sie zwanzig Titel.

          Acht Disziplinen gibt es im Freitauchen, in sieben hält die Russin die Weltrekorde, die achte, „No Limit“ genannt, bei der ein Schlitten die Taucher mit großer Geschwindigkeit in die Tiefe zieht, wird so gut wie nicht mehr betrieben, sie eignet sich eher für Selbstmörder als für Sportler. Natalia Molchanowa war keine Hasardeurin, sie konzentrierte sich auf die anderen Disziplinen. Den Rekord im Zeittauchen hielt sie mit 9:02 Minuten, mit Flossen schwamm sie 237 Meter weit und - in der Disziplin mit variablem Gewicht - 127 Meter tief.

          Wie konnte sie sterben, ausgerechnet sie?

          Die Russin war die erfahrenste, professionellste, beste Freitaucherin in der Geschichte dieser Sportart. Eine Frau, die ihr ganzes Leben - in Moskau und Ägypten - trainiert hatte wie eine Hochleistungssportlerin. Wie konnte sie sterben, ausgerechnet sie? Das ist nicht einfach zu verstehen, aber es gibt eine Erklärung.

          Anna von Boetticher ist die beste deutsche Freitaucherin. Die Berliner Buchhändlerin trainiert gerade in Scharm al-Scheich in Ägypten für die bevorstehende WM vor Zypern, sie hat Natalia Molchanowa bestens gekannt. „Die Stimmung ist gedrückt“, sagt sie. „Natalia war äußerst beliebt in der Szene. Sie hatte einen eisernen Willen und war wahnsinnig gut. Es ist für uns alle unvorstellbar, dass sie bei der WM nicht dabei sein wird. Wer jetzt an ihrer Stelle Weltmeisterin wird, wird sich nicht wie eine Weltmeisterin fühlen.“

          Aber was ist passiert vor Formentera?

          Um das zu verstehen, muss man ein paar Grundlagen des Apnoe- oder Freitauchens kennen. Wie funktioniert es, das Hinabsinken ins Meer mit der Luft eines einzigen Atemzuges?

          Die Königsdisziplin ist das Tauchen „mit konstantem Gewicht“, Natalia Molchanowa hält den Weltrekord, als einzige Frau hat sie die 100-Meter-Marke überwunden, am 29. September 2009 erreichte sie in Scharm al Scheich 101 Meter, 3:50 Minuten war sie unter Wasser. „Konstantes Gewicht“ bedeutet, dass der Taucher sich mit Gewichten beschweren darf, diese aber wieder zurück an die Oberfläche bringen muss. Natalia Molchanowa benutzte in der Regel Bleigewichte von 1,5 Kilogramm Gewicht.

          Was ist vor Formentera wohl passiert?

          Sinn des Ballastes ist es, den Auftrieb in geringer Tiefe abzuschwächen und das Sinken in großer Tiefe zu beschleunigen. Bei 1,5 Kilogramm Zusatzgewicht bedeutet das für Natalia Molchanowa, dass sie zwischen zehn und zwanzig Metern Tiefe „neutral“ ist, wie die Taucher sagen, dass sie im Wasser schwebt. Darunter beginnt das Sinken, weil die Luft in den Lungen dann soweit verdichtet ist, dass sie keinen Auftrieb mehr gibt. In hundert Metern Tiefe ist die Lunge durch den starken Druck nur noch so groß wie eine Faust.

          Vor Formentera ist nun wahrscheinlich Folgendes passiert:

          Natalia Molchanowa hat, was sie regelmäßig tat, Anfängern Tauchunterricht gegeben, drei Schüler sollen es gewesen sein. Während der Pausen tauchte sie selbst ohne Sicherungsseil. Dabei soll sie nicht anderthalb, sondern sechs Kilogramm Blei getragen haben, offenbar, um den Trainingseffekt in der für sie geringen Tiefe zu verbessern. Berichtet wird mittlerweile auch, dass die Russin nicht, wie anfangs gemeldet, einfach in der Tiefe verschwand, sondern dass sie noch einmal auftauchte, etwa sechzig Meter entfernt. Die Helfer schafften es aber nicht, sie rechtzeitig zu erreichen, die Bleilast zog sie in die Tiefe.

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