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Universum-Existenzkampf : „Boxen ist ein Schweinegeschäft“

  • -Aktualisiert am

Moment mal: Sebastian Zbik wartet seit drei Monaten auf seine Börse aus dem verlorenen WM-Kampf gegen Felix Sturm Bild: picture alliance / dpa

Der marode Hamburger Boxstall Universum steht am Abgrund und versucht mit neuem Personal zu retten, was zu retten ist. Nach gut einem Jahr als Promoter weiß Waldemar Kluch nun jedenfalls, in welchem Umfeld er sich bewegt.

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          Man braucht Phantasie, um sich vorzustellen, dass hier bald große Boxabende stattfinden sollen. Es steht zwar alles bereit in Waldemar Kluchs großem Sportcenter im Hamburger Stadtteil Lohbrügge - eine ehemalige Tennishalle für die Boxkämpfe, eine kleinere Halle fürs Sparring, Kraftraum, Sauna, Restaurant, sogar ein paar Hotelzimmer -, doch an diesem Julitag herrscht gespenstische Stille: Zwei Männer trainieren im Kraftraum, in der kleinen Halle dreht ein Boxer seine Runden, im Restaurant sind alle Stühle frei, und die große Halle, die bald Platz für 2000 Menschen bieten soll, wirkt wie ein verlassenes Box-Museum. Nur eine Maus huscht über den Boden.

          Waldemar Kluch können solche Beobachtungen nicht schrecken. Dass hier heute so wenig los ist, liege zum einen an den Sommerferien, zum anderen an der Unsicherheit, ob und wie es bei Universum weitergehe. Der Geschäftsführer des Hamburger Berufsboxstalls ist zuversichtlich, den tiefsten Punkt hinter sich zu haben. „Wir werden noch in diesem Jahr zwei kleinere Kampfabende veranstalten“, sagt er und schiebt nach: „Und ich bin sicher, dass wir auch wieder große Abende in großen Hallen erleben werden.“

          Hurra, wir leben noch - das ist die Botschaft, die der 53 Jahre alte Kluch zu verkünden sucht. Seit er den maroden Boxstall vor einem Jahr von Klaus-Peter Kohl übernahm, hat er eine einzige Abfolge von Tiefschlägen hinnehmen müssen, um in der Sprache des Boxens zu bleiben. Obwohl der in Kasachstan geborene Kluch Karatekämpfer ist, Schwarzgurt, dritter Dan. Universum stand Mitte 2010 vor dem Aus, weil der jährlich mit knapp 20 Millionen Euro dotierte Fernsehvertrag mit dem ZDF nach acht Jahren auslief und weit und breit kein Ersatz in Sicht war.

          Ein ernst zu nehmendes Vermarktungskonzept der Kampfabende hatte Universum all die Jahre vernachlässigt und sich allein auf die sprudelnden TV-Einnahmen verlassen. Kluch kaufte das Unternehmen im Juni 2011 von Kohl und hat seitdem nur Ärger. Namhafte Boxer sind davongelaufen; sie hatten kein Vertrauen mehr in den wankenden Boxstall, der der breiten Öffentlichkeit durch große Namen wie die Klitschkos, Dariusz Michalczewski und Felix Sturm geläufig war.

          „Irgendwann muss man leider die Keule rausholen“

          Den meisten Ärger hat Kluch mit Kohl. „Ich habe ihm vertraut“, so Kluch vielsagend. Den Boxstall übernahm er nach eigenen Angaben, um diesen vor dem Untergang zu bewahren. Lange war Kluch ruhig geblieben und wunderte sich nur, dass immer wieder neue Ungereimtheiten im Vertragswerk der Übernahme auftauchten. Nach eigenen Angaben hat er rund zwei Millionen Euro in den Boxstall gepumpt. Finanzielle Not leidet Kluch nicht; er hat schon Ende der neunziger Jahre gutes Geld verdient, indem er Tennisspieler wie den Russen Jewgeni Kafelnikow und den Ukrainer Andrej Medwedjew beriet.

          Kluch kommt nicht aus dem Boxen, er muss die ganze Sache ziemlich gutgläubig angegangen sein. Jetzt sagt er: „Irgendwann muss man leider die Keule rausholen und sich wehren.“ Inzwischen verkehren die beiden Männer nur noch über ihre Anwälte. Kohl will zum Verkauf von Universum an Kluch nichts sagen. Für die nächste Woche steht ein außergerichtlicher Vergleich an. Dem sieht Kluch „sehr zuversichtlich“ entgegen. Wenn der Vergleich stehe, sagt Kluch, werde Universum wie befreit sein und endlich wieder angreifen können.

          Seit drei Monaten wartet Zbik auf seine Kampf-Börse

          Die jüngere Vergangenheit war eine einzige Abfolge von Negativnachrichten. Felix Sturm, der bei Universum groß wurde, verließ den Stall 2009 im Streit mit Kohl. Das kultige, alte Gym in der Walddörfer Straße, über Jahre Treffpunkt der Boxbegeisterten, wurde aufgegeben. Niemand wusste, wie es weitergehen würde. Der Boxbetrieb bei Universum stand anderthalb Jahre still. Es waren mal 60 Boxer, die in Kohls Faustkampf-Universum ihr Auskommen hatten, Stars waren dabei und jede Menge „Fallobst“.

          Bei Kluch sind es noch acht - plus ein Trainer, Artur Grigorian. Der hält zwölf bis 13 Boxer und drei Trainer für eine gute Zahl. Weitere Hiobsbotschaften kamen in diesen Tagen hinzu: Trainer Michael Timm, seit 15 Jahren bei Universum und die gute Seele, geht zurück nach Schwerin und wird Coach beim Deutschen Box-Verband. Am vergangenen Donnerstag verkündete Sebastian Zbik, dass er Universum verklagen werde: Der ehemalige Weltmeister im Cruisergewicht wartet seit drei Monaten auf seine Börse aus dem verlorenen WM-Kampf gegen Felix Sturm im April.

          „Universum ist in Deutschland schwer angeschlagen“

          Nun will er die ihm zustehenden rund 250.000 Euro vor Gericht erstreiten. Beiden Fällen, Timm und Zbik, kann Kluch Gutes abgewinnen: „Michael Timm hat gesagt, dass er über dieses Angebot auch in besten Universum-Zeiten nachgedacht hätte. Vielleicht kommt er zurück, wenn sich hier alles klärt. Wenn nicht, werden wir hier auch weitermachen - dann weht eben frischer Wind.“ Zbik bekomme sein Geld, wenn die Geschäftsübergabe von Kohl an ihn beendet sei, sagt Kluch.

          Er weiß, dass der Neubrandenburger Zbik sein Faustpfand im Kampf um einen neuen Fernsehvertrag ist. Zumindest gilt das für den deutschen Markt - auf dem steht Boxen derzeit allerdings als verbrannt da. Ob Kluch das mit seinen besten Kämpfern Denis Boizow und Ruslan Tschagajew wird ändern können? Wohl kaum. Universum wird sich über kleinere Kampfabende nach oben boxen müssen. Kluch sagt: „Der Name Universum ist in Deutschland schwer angeschlagen. International gilt er noch etwas.“ Darauf will er aufbauen. Nach gut einem Jahr als Promoter weiß Waldemar Kluch nun jedenfalls, in welchem Umfeld er sich bewegt: „Boxen ist ein Schweinegeschäft.“

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