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Ultimate Fighting : „Man muss diesen Wahnsinn verbieten“

  • Aktualisiert am

Box-Kommentator Schneyder: „Ultimate Fighting brutalisiert und betrügt gleichzeitig” Bild: picture-alliance / dpa

Werner Schneyder ist Kabarettist und Box-Experte. Ultimate Fighting nennt er „eine Anleitung zur Unbedenklichkeit von Gewalt“. Der Autor im Gespräch mit Michael Eder über die Wirkung des „Brutalo-Events“ auf Jugendliche und die Gesellschaft.

          Werner Schneyder ist Kabarettist, Autor und Box-Experte. Der Österreicher im Gespräch mit Michael Eder über die Wirkung von Ultimate Fighting auf Jugendliche und die Gesellschaft.

          Am 13. Juni soll in der Kölner Arena eine sogenannte Mixed-Martial-Arts-Veranstaltung der Ultimate Fighting Championship (UFC) stattfinden. Die Käfigkämpfer wollen in Deutschland in großem Stil Fuß fassen. Was halten Sie davon?

          Ultimate Fighting ist keine Sportart, das ist ein Brutalo-Event und gehört verboten. Ich bin wirklich kein Freund von Verboten, aber es gibt Grenzüberschreitungen. Der Trennungsstrich zwischen Sinn und Sinnlosigkeit geht quer durch den Sport, aber jenseits des klassischen Boxens ist nichts mehr möglich. Schon diese Thai-Kampfsportarten sind Geschmackssache und medizinisch wesentlich bedenklicher als das Boxen.

          Ultimate Fighting: „Perverser Zirkus mit Menschenmaterial”

          Inwiefern sehen Sie die Grenzen beim Free-Fight überschritten?

          Ultimate Fighting ist eine Anleitung zur Unbedenklichkeit von Gewalt - das ist in einer Gesellschaft, die darunter leidet, dass es auf Schulhöfen immer brutaler zugeht, absolut unverantwortlich. Dieser „Sport“ brutalisiert und betrügt gleichzeitig. Denn wenn die „Regeln“, die Ultimate Fighting verkündet, ernst genommen würden, hätten wir Tote und Querschnittsgelähmte. Dann ginge diesem perversen Zirkus das Menschenmaterial aus.

          Sie denken an das Einschlagen auf Gegner, die am Boden liegen?

          Zum Beispiel. Man suggeriert dem Publikum, dass gewisse Praktiken der körperlichen Auseinandersetzung überlebbar wären ohne schwerwiegende gesundheitliche Schäden. Man suggeriert Folgenlosigkeit. Jeder Halbwüchsige soll glauben, so etwas wäre überstehbar. Es ist aber im wirklichen Leben nicht überstehbar.

          Die Beobachtung von Lehrern ist, dass es auf unseren Schulhöfen nicht viel mehr Schlägereien gibt als früher, aber diese brutaler geworden sind.

          Es werden Rippen eingetreten, wo sich einer schon nicht mehr wehrt. Man nimmt Krüppelhaftigkeit und Todesfolge in Kauf. Wenn eine Gesellschaft die öffentliche Propagierung dieser Gewalt durch missverstandene Liberalität in Kauf nimmt, dann macht sie sich schuldig. Es gibt nur eine Möglichkeit: Man muss diesen Wahnsinn verbieten. Denn etwas kann Ultimate Fighting nicht: Es kann nicht in den Keller ausweichen, denn dann ist es nicht mehr finanzierbar, dann wirft es kein Geld mehr ab.

          Es geht um Geschäftemacherei?

          Selbstverständlich. Und um einen völlig missverstandenen Freiheitsbegriff. Es darf sich jeder im Wald treffen und ausmachen, man prügelt aufeinander ein, bis einer nicht mehr japsen kann. Das ist Menschenrecht. Aber es ist kein Menschenrecht, das zu propagieren, indem man es zum Schaugeschäft macht. Dann landen wir bei den Barbaren.

          Der Rat der Stadt Köln hat sich einstimmig gegen die Veranstaltung ausgesprochen. Der Sportausschussvorsitzende Wolf sagte, Free-Fight nehme den Tod oder zumindest schwere Verletzungen eines Menschen billigend in Kauf. Mit ihm erreichten die niedrigsten Instinkte des Menschen einen Tiefpunkt. Gegen diese verleumderischen und beleidigenden Behauptungen verlangte der Chef der Kölner Arena, Assenmacher, per Anwalt eine Unterlassungserklärung, die Wolf zurückwies.

          Sollte es zu einer Klage kommen und dieser Arena-Mann gewinnen, dann kann man der deutschen Justiz nicht mehr helfen. Wir haben da die gleiche Problematik wie bei den Naziaufmärschen. Wenn eine Gesellschaft, eine Bürgerschaft sagt, sie wünscht das nicht, aber nicht in der Lage ist, dieses Wünschen, dieses Wollen in die Tat umzusetzen, gibt sie sich auf.

          In den Vereinigten Staaten ist Ultimate Fighting drauf und dran, das klassische Boxen zu überflügeln. Wie lässt sich das erklären?

          Das erklärt sich mit der Pervertierung der Gesellschaft. Wir haben immer weniger Respekt vor dem Leben. Dem Thrill und dem Event wird alles untergeordnet, letztlich auch die Menschenwürde.

          Ist das die Folge einer gesellschaftlichen Entwicklung? Oder ein Ausblick auf das, was uns erwartet?

          Sowohl Folge als auch Ausblick. Es ist ein perverser Auswuchs der allgemeinen Leistungsgesellschaft. Schneller! Höher! Weiter! Reicher! - das lässt sich leicht fortsetzen mit: Brutaler! Wir leben im permanenten Komparativ.

          Die amerikanische Armee nutzt die Free-Fight-Szene, um Rekruten zu werben; der Direktor des „Modern Army Combat Programs“ der US-Army, Matthew Larsen, hat gegenüber der „New York Times“ unverblümt erklärt, Free-Fight sei zwar „nur ein Spiel“, aber „als Training für die reale Sache“ geeignet, „etwa für die Kriegsführung in engen irakischen Häusern“. Ist das der gesellschaftliche Hintergrund?

          Wenn sie Nachwuchs zum Schlachten brauchen ..., das muss man nicht mehr kommentieren. Das ist eine Entwicklung zurück zu den Hunnen, wobei ich die Hunnen nicht beleidigen möchte.

          Mit dem Konzertveranstalter Marek Lieberberg hat die UFC in Deutschland einen erfahrenen Promoter gewonnen.

          Einem Veranstalter wie Lieberberg, der sich an so etwas beteiligt, müsste man sofort den Gewerbeschein entziehen.

          Lieberberg nennt die Gewaltshows den „Rock 'n' Roll“ des Sports.

          Das ist eine widerwärtige Lüge. Free-Fight propagiert den Appeal der Brutalität. Brutalität wird als imponierend dargestellt. Das ist Irrsinn. Beim Boxen wird versucht, diesen durchaus vorhandenen Urtrieb in Bahnen zu lenken, beim Ultimate Fighting werden die Bahnen weggenommen, das ist eine Schleusenöffnung, das ist gesellschaftlich ein Wahnsinn. Was glauben Sie, was in den Jugendlichen vorgeht, die sich an diesem Abend in Köln begeistern und entzünden lassen?

          Die Kölner Stadträte wollen nun wenigstens versuchen zu erreichen, dass keine Jugendlichen unter 18 in die Halle kommen.

          Das ist doch lächerlich. Wenn die Stadt Köln keine einstweilige Verfügung gegen diese perverse Veranstaltung zustande bringt, kann ich sie nur verachten.

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