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Ullrich gegen Maassen : Von der Loipe in den Bundestag

Frank Ullrich tritt für die SPD im Wahlkreis 196 an. Bild: dpa

Der Biathlon-Olympiasieger von 1980 kämpft in Südthüringen für die SPD gegen Hans-Georg Maaßen um ein Direktmandat – und für einen größeren Stellenwert des Sports im Allgemeinen.

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          Eine falsche Strategie kann den Sieg kosten, das hat Frank Ullrich schon beim Biathlon verinnerlicht. Und so ist es kaum Zufall, dass er seinen SPD-roten Wahlkampfstand auf dem Marktplatz von Schmalkalden direkt neben einer Bratwurstbude aufgebaut hat. Am Mittag bildet sich hier eine lange Schlange, und Ullrich könnte eigentlich stehen bleiben, die Leute rücken ja automatisch zu ihm auf. Doch immer wieder läuft er über den Markt, kommt aber meist nicht weit, weil er erkannt und angesprochen wird.

          Stefan Locke
          Korrespondent für Sachsen und Thüringen mit Sitz in Dresden.

          Stillstand ist nichts für den 63 Jahre alten Mann, der noch ganz jung in der SPD ist. Im Frühjahr trat er in die Partei ein. „Aus voller Überzeugung.“ Er stammt aus einer Arbeiterfamilie, sein Opa war „leidenschaftlicher Sozialdemokrat“. Politik macht Ullrich schon eine ganze Weile, und zwar im Suhler Stadtrat, dort ist er im Sportausschuss. Ihm sei es überaus wichtig, „den Stellenwert des Sports in unserer Gesellschaft“ neu zu justieren. Stimmen die Strukturen noch? Warum sind schon so viele Kinder übergewichtig? Brauchen wir mehr Vorbilder, mehr Angebote?

          Berühmter Wahlkreis

          Ullrich ist überzeugt, dass das Bewusstsein für mehr Sport in der Gesellschaft sowohl von unten gelebt als auch von oben unterstützt werden muss. Es gehe dabei auch um Prävention. „Wir geben locker 10 000 Euro für eine neue Hüfte aus, aber für Sportvereine fehlt das Geld.“ Auch deshalb tritt er bei dieser Bundestagswahl an, und zwar in seiner Heimat Südthüringen.

          Bei seiner Nominierung war noch nicht klar, dass auf den Wahlkreis 196 bald die ganze Republik schauen würde. Dann aber machte die CDU hier den früheren Verfassungsschutzchef Hans-Georg Maaßen zu ihrem Kandidaten. Seitdem kann sich auch Ullrich vor überregionaler Aufmerksamkeit kaum retten. Das Rennen ist eng, aber er rechnet sich gute Chancen aus, das Direktmandat zu holen, ergo auch, Maaßen zu schlagen.

          Ullrich hat hier eine Bekanntheit von nahe hundert Prozent, denn im Wahlkreis liegt auch Oberhof, das einstige Zentrum des DDR-Wintersports. Von hier kamen die weltbesten Rodler, Bobfahrer, Biathleten. Letzteres war Ullrichs Paradedisziplin; neunmal siegte er bei Weltmeisterschaften und holte 1980 auch Gold bei den Olympischen Spielen in Lake Placid.

          Kritik an Athleten

          Nach der Wiedervereinigung arbeitete er als Bundestrainer der Biathleten und auch der Skilangläufer und sorgte abermals für zahlreiche Medaillen. „Da bin ich noch heute stolz drauf, wie wir aus Ost und West eine richtig gute Mannschaft geformt haben“, sagt er. In der Biathlon-Arena Oberhof hat ihn im August auch Olaf Scholz besucht. Im Liegen schaffte der Kanzlerkandidat fünf Treffer. „Das hat er gut gemacht, der Olaf“, lobt Ullrich, der hier auch Kinder und Jugendliche aus der Region trainierte. Die Einheimischen nennen ihn „Uller“, viele sind mit ihm per Du, sie sagen „unser Frank“. Sein Slogan lautet „Einer von uns“.

          Den Sports-Teamgeist von damals aber vermisst Ullrich heute, und auch die Begeisterung. Erst jüngst bei den Olympischen Spielen in Tokio habe er zu viele Athleten „ohne richtigen Biss“ gesehen. „Wir sind eine Leistungsgesellschaft, aber man kann es nicht mehr richtig spüren“, sagt er. Das gelte für viele Bereiche des Lebens, und man müsse bei den ganz Jungen anfangen, das zu ändern.

          Lehrer, Trainer, Erzieher sollten von der positiven Wirkung des Sports überzeugt sein und schon in den Kindern das Feuer wecken. Ullrich selbst ist zwar inzwischen pensioniert, aber noch immer fit wie der sprichwörtliche Turnschuh. Seine beiden Töchter sind längst erwachsen, in seiner freien Zeit läuft er Ski und fährt Rad, mit seiner Frau auch Tandem, und nach Wahlkampfterminen geht er gerne „inlinern“, 30 Kilometer, drunter macht er es nicht.

          Am Morgen nach dem Termin in Schmalkalden und abendlichem Sport taucht er dann mit verbundener Hand auf. Seine Frau, die ihn im Wahlkampf unterstützt, salbt gelegentlich die Wunde. „Nichts weiter passiert“, winkt Ullrich ab. „Wichtig ist, dass man wieder aufsteht.“ Das gelte auch, wenn es nicht klappen sollte mit dem Direktmandat. „Ich seh das sportlich“, sagt Ullrich. „Und ich bleibe in der Politik, selbstverständlich.“ Bei der Landtagswahl vor zwei Jahren verlor er hauchdünn gegen den AfD-Bewerber. Sollte die SPD jedoch so abschneiden wie derzeit in Umfragen, könnte „Uller“ auch über die Landesliste der Partei in den Bundestag einziehen.

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