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Box-Kommentar : Fury und der Wahnsinn im Ring

  • -Aktualisiert am

Im November 2015 besiegte Tyson Fury überraschend Wladimir Klitschko. Bild: AP

Das Preisboxen ist in einem erbärmlichen Zustand. Für die zugespitzte Beschreibung kann man keinen besseren Protagonisten finden als den Weltmeister aller Klassen, der sich selbst geschlagen hat. Als Tyson Fury.

          Tyson Fury ist in einem erbärmlichen Zustand. Der 28 Jahre alte Brite, bis vor ein paar Tagen Box-Weltmeister aller Klassen, ist ein kranker Mann. Dem Magazin „Rolling Stone“, das Erfahrung hat mit Rockstars, die der Mix aus Ruhm und Geld und Drogen ins Verderben führt, hat er von seiner Krankheit berichtet; er sei manisch-depressiv, sagte er, habe die Dämonen mit Unmengen von Alkohol und Kokain zu vertreiben versucht.

          Es ist viel geschrieben worden über Furys ungebremste Ausfälle in den vergangenen Monaten, er hat gegen Homosexuelle und Frauen gelästert, hat Dr. Wladimir Klitschko, dem er im vergangenen Jahr in Düsseldorf überraschend alle WM-Titel abgenommen hatte, einen „Idioten“ und „Teufelsanbeter“ genannt, hat immer wieder gewütet wie ein Wahnsinniger, und lange dachte man, er sei einfach einer, der das Gebot des Ballyhoo, das im Preisboxen seit Urzeiten gilt, nur etwas zu ernst nehme. Einer, der ein bisschen Hardcore-Werbung mache für den nächsten Kampf.

          Nun aber ist klar: Der Mann ist krank, schwer krank. Der britische Verband hat ihn zu seinem eigenen Schutz suspendiert, seine drei WM-Titel hat er freiwillig zurückgegeben, demnächst folgt eine Anhörung vor dem britischen Anti-Doping-Ausschuss wegen einer positiven A-Probe auf Kokain - falls Fury in der Lage ist, an ihr teilzunehmen.

          Der Wahnsinn hat Geschichte unter den Faustkämpfern. Furys Vater, ein berüchtigter Straßen-schläger zu seiner Zeit, hat seinen Sohn nach Mike Tyson genannt, nach dem brutalsten Kämpfer der Box-Geschichte, einem Mann, der 300 Millionen Dollar verdiente - und nichts davon in die Zukunft rettete, einem Mann, der die dunkle Seite des Profiboxens wie kein anderer verkörpert. Einem Mann, der sich heute in Las Vegas für 80 Dollar mit Touristen fotografieren lässt.

          Der Profiteur der furchtbaren Selbstzerstörung von Tyson Fury könnte Wladimir Klitschko sein. Der Ukrainer, mittlerweile 40 Jahre alt, kann sich Hoffnungen machen, seine Titel entweder am grünen Tisch zurückzubekommen, falls Fury nachgewiesen wird, dass er schon in Düsseldorf gedopt war. Oder aber er kann, nach zwei von Fury abgesagten Fights, jetzt gegen dessen Landsmann Anthony Joshua kämpfen und sich dabei einen oder gleich alle Titel zurückholen. Aber wäre das die Rettung für diesen Sport, wenn man ihn so nennen will?

          Einen Sport, in dem es auch selbsterklärte Saubermänner wie Dr. Klitschko seit Jahren ablehnen, sich Trainingskontrollen zu unterziehen? In der Welt der Klitschkos gibt es - weil sich das nun wirklich nicht vermeiden lässt - Doping-Kontrollen nur nach Kämpfen, und prinzipiell muss einer im psychischen Zustand von Fury sein, um sich erwischen zu lassen. Das Preisboxen, so viel lässt sich sagen, ist im Schwergewicht - und nicht nur dort - in einem erbärmlichen Zustand, für dessen zugespitzte Beschreibung man keinen besseren Protagonisten finden könnte als den Weltmeister aller Klassen, der sich gerade selbst geschlagen hat. Als Tyson Fury.

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