https://www.faz.net/-gtl-77lzz

TV Rottenburg : „Die Gefahr der Hängematte“

  • Aktualisiert am

Ideenreicher Volleyball-Liebhaber: Hans Peter Müller-Angstenberger Bild: Vollmer, TVR

Nach dem Rückzug des Hauptsponsors tritt der TV Rottenburg in der Volleyball-Bundesliga als Außenseiter mit völlig unbekannten Spielern an. An diesem Mittwoch (20 Uhr) spielen die Schwaben gegen die Netzhoppers KW Bestensee um den Einzug in das Play-off-Viertelfinale.

          Etwa 210.000 Euro fehlen derzeit im Etat des TV Rottenburg für die kommende Saison in der Volleyball-Bundesliga - mehr als ein Drittel des gesamten Finanzplanes. Nach dem Rückzug zweier Hauptsponsoren ist der Engpass so groß, dass das Management derzeit noch nicht sagen kann, wie es weitergehen soll. Sportlich sind die Schwaben konkurrenzfähig, weil sie einen ausgeflippten Volleyball-Liebhaber zum Trainer haben, der mutmaßlich unterlegene Spieler mit unkonventionelle Methoden zu Höchstleistungen trimmt. Im F.A.Z.-Interview spricht Hans Peter Müller-Angstenberger über seinen Gedankenaustausch mit Dieter Baumann, Inspirierendes von Jürgen Klopp und den Kampf gegen die „Hängematten“-Gefahr.

          Sie machen neben dem Spielfeld Liegestütze, wenn es bei Ihrem Team nicht läuft. Es gibt einen Fußballtrainer . . .

          . . . ich kenne die Vergleiche mit Jürgen Klopp. Ein großartiger Trainer. Ich habe ihn nie persönlich gesprochen. Aber ich beobachte seine Arbeit aus der Ferne und versuche, von ihm zu lernen: von der Art, wie er seine Mannschaft motiviert; von dem grenzenlosen Vertrauen in die Fähigkeiten seiner Spieler.

          Klopp ist ein Fußballtrainer.

          Das macht keinen Unterschied. Ich schaue mir von vielen etwas ab. Ich hinterfrage meine Arbeit. Ständig. Ich hole mir zum Beispiel Inspirationen von Jugendtrainern.

          Von Jugendtrainern? Sie coachen eine Profimannschaft.

          Dennoch. Ich schaue Nachwuchstrainern zu, um nachvollziehen zu können, wie ich vor zwanzig Jahren gearbeitet habe. Von einem Landesligacoach habe ich mir die Vorteile von Life Kinetik erklären lassen und es in meiner täglichen Trainingsarbeit angewandt - mit Erfolg.

          Zu den Personen, von denen Sie sich inspirieren lassen, gehört der ehemalige Olympiasieger über 5000 Meter Dieter Baumann, der im nahen Tübingen lebt. Er wurde wegen Dopings gesperrt - und streitet das bis heute ab.

          Ich kenne die Geschichten, die ihn umgeben. Ob sie stimmen, weiß nur er selbst. Für mich ist er eine authentische Persönlichkeit. Wir tauschen uns zum Beispiel über grundsätzliche Auffassungen von Sport und den Leistungsgedanken per se aus.

          Was haben Sie von ihm gelernt?

          Zum Beispiel die Gefahr der „mannschaftlichen Hängematte“. Ein Einzelner ruht sich aus, weil er denkt, dass das Umfeld sportlichen Misserfolg dem Kollektiv ankreidet. Mannschaftssportler neigen dazu, sich aus der Verantwortung zu stehlen. Das können wir uns aber nicht erlauben. Wir brauchen Impulse. Meine Jungs lernen viel von Einzelsportlern.

          Zum Beispiel?

          Wie sie sich punktgenau selbst programmieren. Individualsportler haben nur dieses eine Rennen, diesen einen Wettkampf. Wenn sie scheitern, fällt alles auf sie zurück. Ich habe mich mit dem Gewichtheber Matthias Steiner darüber unterhalten. Ich versuche seither meinen Spielern zu helfen, ihren Tagesablauf ideal zu planen, damit sie sich ausschließlich auf das Spiel konzentrieren können. Das sind wertvolle Erfahrungswerte: Wie lebt Steiner seinen Sport? Wie ernährt sich ein Leichtathlet? Wie bekomme ich ein Gefühl für die Bedürfnisse meines Körpers, damit ich diesen zielgerichtet auf Höchstleistung trimmen kann?

          Es gibt auch den anderen Trainertypen, der stur nach tradierten Inhalten arbeitet - der Fußballtrainer Otto Rehhagel galt als Inbegriff dieses Typus.

          Den gibt es auch im Volleyball. Sie haben ihren Standpunkt, von dem sie nicht abweichen. Aber wird das den Sportlern gerecht? Ich sage: Nein. Ich bin ein großer Fan des Volleyball-Bundestrainers Vital Heynen. Er arbeitet prozessorientiert. Heynen baut neue Inhalte in seine Arbeit mit ein, teils völlig unerwartete. Sein Vorgänger, Raúl Lozano, arbeitete strikt nach Statistiken und festgefahrenen Plänen. Er war kein schlechter Coach. Aber so was ist nicht zeitgemäß. Die Spieler werden in ein Schema gepresst: Passen sie nicht rein, werden sie wieder aussortiert. Gute Einzelkönner bleiben auf der Strecke, nur, weil sich Trainer nicht wandeln.

          Sie sagen, Sie berücksichtigten die Bedürfnisse jedes einzelnen Spielers. Geht das überhaupt?

          Ja, indem ich sie die Trainingsinhalte mitgestalten lasse. Vor einem Abschlusstraining haben sie die Chance, mir bis Mitternacht in einer SMS zu schreiben, woran sie abschließend arbeiten wollen. Das geht mitunter gegen jede Logik - scheinbar. Zum Beispiel passiert es, dass wir Krafteinheiten zwischen zwei unmittelbar aufeinander folgende Spiele schieben. Da schüttelt manch Außenstehender den Kopf. Aber: Der Spieler fühlt sich gut, weil er individuell vorbereitet ist. Und ich kann sie in die Pflicht nehmen: Seht her! Wir haben genau das gemacht, was ihr wolltet. Jetzt könnt ihr euch nicht mehr herausreden.

          Dazu braucht ein Trainer Spieler mit Charakter, die kritikfähig sind.

          Die habe ich in meiner Mannschaft. Vertrauen ist ein langer Prozess. Du musst es als Trainer vorleben. Sind meine Spieler der Meinung, ich hätte falsche Entscheidungen getroffen, dürfen sie es mir sagen. Sie sprechen untereinander über ihre Schwächen. Im Mannschaftssport wollen viele immer nur Konkurrenzsituationen schaffen. Das ist kontraproduktiv. Im Volleyball muss die Abstimmung binnen Sekundenbruchteilen passen. Jeder muss die Stärken seines Partners kennen - und die Schwächen. Bei uns kommt alles zur Sprache.

          Und so können Sie mit unerfahrenen und mutmaßlich weniger begnadeten Spielern Erfolg haben?

          Davon bin ich überzeugt. Nur ein Team, das eigene Ansprüche und Fähigkeiten kritisch hinterfragt, kann scheinbare individuelle Mängel ausgleichen. Das haben der Einzug ins DVV-Pokal-Halbfinale sowie unsere Siege gegen Friedrichshafen und Haching bewiesen.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Christdemokraten im Aufbruch : Wozu braucht die CDU noch Friedrich Merz?

          Die Anhänger von Friedrich Merz haben ihren Helden verloren. Doch die Trauer über dessen Niederlage währte nur kurz. Der Wirtschaftsflügel der CDU befindet sich im Aufbruch – und hofft auf Zugeständnisse der neuen Parteichefin.
          Mit diesem Autobahnabschnitt auf der A648 wäre auch die Deutsche Umwelthilfe zufrieden, hier gilt bereits Tempo 100.

          Klimaschutz : Umwelthilfe will Tempolimit 120 auf Autobahnen

          Die Deutsche Umwelthilfe prozessiert fleißig, um Fahrverbote in vielen Städten durchzusetzen. Nun gehen die Aktivisten einen Schritt weiter. Sie prüfen, ob sich ein Tempolimit von 120 auf deutschen Autobahnen juristisch erzwingen lässt.

          Meteorologie : Wie wird denn nun der Winter?

          Den Wettertrend einer ganzen Jahreszeit vorherzusagen war bislang Spökenkiekerei. Nun gibt es eine neue Prognosemethode.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.