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TV Großwallstadt : Tiefe Risse in der Idylle

Schmerzhafte Erfahrung: Der Großwallstädter Sverre Jakobsson im Duell mit Barna Putics vom VfL Gummersbach Bild: picture alliance / Digitalfoto M

Der TV Großwallstadt war einst ein großer Name im deutschen Handball. Nun kämpft der Handball-Traditionsverein ums Überleben - vor allem auch nach einem Unentschieden gegen den alten Rivalen aus Gummersbach.

          Schönes Bayern, eine Menge netter Flecken, auch an den Rändern. Der Untermain zum Beispiel: Kürzlich beschäftigte sich auch der „Bayernkurier“ mit diesem Landstrich, genauer gesagt, mit einem 4100 Einwohner zählenden Städtchen, mit Großwallstadt. Natürlich ging es dabei vor allem um den Sport, um den Handball, der fest in Großwallstadt verwurzelt ist und den Ort über Deutschland hinaus bekannt gemacht hat.

          Rainer Seele

          Sportredakteur.

          Die CSU-Zeitung skizzierte das so: „Kleine Welt, ganz groß.“ Diese Welt ist allerdings aus den Fugen geraten, sie wird von tiefen Rissen durchzogen. Das hat mit dem Absturz des TV Großwallstadt zu tun, der Tabellenletzter in der Bundesliga ist. Mit der großen Sorge, dass ein Gründungsmitglied der Liga mit beträchtlichen Meriten erstmals absteigen könnte. „Wenn der TVG weg wäre“, sagt Kurt Klühspies, eine Großwallstädter Handball-Legende, „würde die Welt in der Region ein bisschen zusammenbrechen.“

          Die Großwallstädter kämpfen verzweifelt um ihre sportliche Existenz erster Klasse, aber immer wieder gibt es Rückschläge. So auch jetzt im „Duell der Altmeister“ gegen den VfL Gummersbach. Das 22:22 war zu wenig, um die prekäre Lage zumindest ein wenig aufhellen zu können. Dabei waren fast 4000 Zuschauer in die Aschaffenburger Halle gekommen, um ihr Team aufzumuntern. Aber dann mangelte es doch wieder an sportlicher Durchschlagskraft, in erster Linie im Rückraum.

          Nur Tore helfen Großwallstadt: Oliver Köhrmann versucht es gegen Gummersbachs Torwart Aljosa Rezar

          Peter Meisinger kennt das Problem, aber auch er kann es nicht lösen, dazu fehlt dem TVG schlichtweg das geeignete Personal. Meisinger, wie Klühspies eine Größe von gestern, ist kurzfristig als Helfer eingesprungen, er wird gemeinhin Sportdirektor genannt. Diese Bezeichnung gefällt ihm jedoch nicht, sie klingt zu sehr nach Bürojob. „Ich bin jeden Tag in der Halle“, sagt Meisinger. Er ist ein Mann der Tat, er bemüht sich, Trainer Peter David zu unterstützen.

          So groß ist auch die finanzielle Not der Großwallstädter, dass sie noch nicht mal in der Lage wären, David in einem möglicherweise letzten Rettungsversuch durch einen neuen Coach zu ersetzen. „Das könnten wir uns nicht leisten“, sagt Meisinger. Wie hoch die Verbindlichkeiten der Großwallstädter genau sind, kann - oder will - Meisinger nicht sagen; in manchen Publikationen werden sie auf eine Million Euro geschätzt.

          Das soll nicht zuletzt eine Folge von zu hohen Gehältern in den vergangenen Jahren sein, von einer fragwürdigen Personalpolitik. Frank Bohmann sagt, dass in Großwallstadt - oder auch in Gummersbach - nun die „Sünden der Vergangenheit“ aufgearbeitet werden müssten. „Man hat früher zu mutig investiert“, behauptet der Geschäftsführer der Bundesliga (HBL). Der VfL Gummersbach, ebenfalls ein Traditionsklub mit großen Erfolgen, stabilisierte sich zuletzt immerhin ein wenig. Die Oberbergischen sind Tabellen-Vierzehnte, auch wirtschaftlich befinden sie sich angeblich auf Konsolidierungskurs; das zweite Halbjahr 2012 schlossen die Gummersbacher nach eigenen Angaben mit einer „schwarzen Zahl“ ab. Die HBL wird das im laufenden Lizenzierungsverfahren überprüfen; sie entscheidet auch über Auflagen für die kommende Saison.

          So oder so vor einem Neuanfang

          Sollte der TV Großwallstadt, ausgestattet mit einem Etat von schätzungsweise 3,5 Millionen Euro, tatsächlich in die zweite Liga abrutschen, sähe Bohmann die Marke TVG nicht irreparabel beschädigt. „Das könnte kompensiert werden“, sagt er. Auch Meisinger setzt sich mit diesem Szenario auseinander, und er betont, dass man dann sofort wieder in Liga eins würde streben wollen. Die Großwallstädter verfügen schließlich über eine beachtliche, erstligareife Infrastruktur. Dazu gehört ein Jugendleistungszentrum, das ein Pfand für die Zukunft ist.

          Trotzdem mahnt Meisinger, dass man nicht blauäugig sein dürfe. Soll heißen: Auch von einer solchen Einrichtung sind keine Wunderdinge zu erwarten. Der Sprung vom Nachwuchsbereich in die Bundesliga, sagt Meisinger, sei „einfach gigantisch“. Er wird nun bis zum Ende der Saison mit anpacken, dann ist Schluss, jedenfalls als sogenannter Sportdirektor. Meisinger schwant, dass es sehr turbulent zugehen würde in Großwallstadt, sollte der TVG aus der Bundesliga verschwinden.

          „Wenn das Schiff untergeht, wird man die Schuldigen zerreißen. Das ist meistens die Führungsetage.“ Aber im Prinzip steht der TV Großwallstadt so oder so vor einem Neuanfang. Dafür hat Meisinger bereits gute Ratschläge parat: „Eine solide Planung, keine Spinnereien.“ Gilt ja, einem Spitzenplatz wenigstens in der Gemeinde gerecht zu werden: „Über allem“, schrieb der „Bayernkurier“ nach seinem Großwallstadt-Besuch, „thront der Handball.“ Selbst in bedrohlicher Schieflage.

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