https://www.faz.net/-gtl-77yyu

Tusem Essen : Der Tabellenvorletzte tanzt

  • -Aktualisiert am

Tusem Essen steht auf dem vorletzten Platz - das sieht man nicht immer Bild: picture alliance / Eibner-Presse

Die Stimmung in Essen ist trotz der prekären sportlichen Lage und des harten Restprogramms gut. Die Handballspieler sehen sich für die Zukunft gewappnet - auch im Fall des Bundesligaabstiegs.

          Beim THW Kiel antreten zu müssen ist für die meisten Mannschaften der Handball-Bundesliga ein zweifelhaftes Vergnügen. Vor allem für jene, bei denen es von vornherein ausgeschlossen scheint, dass sie dem Spitzenreiter und Rekordmeister Paroli bieten. Bei Tusem Essen überwiegt dennoch die Vorfreude auf das Spiel, das an diesem Mittwoch (20.15 Uhr / Live im Handball-Bundesliga-Ticker bei FAZ.NET) höchstwahrscheinlich klar verlorengehen wird.

          „Wir sind am Mittwoch absoluter Außenseiter, wollen uns aber beim THW Kiel Respekt und Anerkennung durch unser mutiges Auftreten erarbeiten. Mit viel Selbstvertrauen wollen wir dieses Auswärtsspiel auch für uns zu einem Highlight machen“, sagt Tusem-Trainer Christian Prokop.

          Die Essener schweben zwar noch immer in höchster Abstiegsgefahr, treten aber mit einem völlig neuen Bewusstsein in Kiel an - seit wenigen Tagen belegen sie nicht mehr den letzten Tabellenplatz, jene Position, auf die sie monatelang festgelegt waren. Zweitausend Fans johlten nach dem 30:28 gegen Balingen-Weilstetten vor Vergnügen, die Spieler tanzten wie wild, und der Hallensprecher brüllte die neue Perspektive ins Mikrofon: „Noch drei Punkte!“ Gemeint ist der Rückstand auf einen Nichtabstiegsplatz.

          Selten hat ein Tabellenvorletzter so viel Applaus bekommen wie der Tusem im Trommelwirbel dieses Abends. Es ist nicht nur der jüngste Sieg, der den Essenern wieder Hoffnung einflößt; es ist die aufsteigende Tendenz. Von den zurückliegenden vier Partien hat der Tusem drei gewonnen - eine erstaunliche Ausbeute für einen Aufsteiger, der lange fehl am Platz schien in der angeblich stärksten Handball-Liga der Welt.

          „Ich habe eine sehr motivierte Mannschaft vorgefunden“

          Erst am vierzehnten Spieltag gelang Essen der erste Punktgewinn. Der dreimalige deutsche Meister galt als sicherer Absteiger und wurde von vielen belächelt, zumal dem ersten (Teil-)Erfolg weitere meist deutliche Niederlagen folgten. Dennoch bewahrten die Spieler sich ihren Ehrgeiz und ließen sich nicht entmutigen. „Ich habe eine sehr motivierte Mannschaft vorgefunden“, sagt Prokop. Nach der zwölften Niederlage in Serie trat er Ende November die Nachfolge des Aufstiegstrainers Maik Handschke an.

          Prokop bescheinigt seiner jungen Mannschaft, sich vor allem taktisch verbessert zu haben. Inzwischen hat sie auch gelernt, Spiele zu gewinnen und daraus Selbstvertrauen zu ziehen. Fragt sich nur, ob der Aufschwung noch rechtzeitig kommt und lange genug anhält. „Zumindest ist der Glaube gewachsen, etwas zu erreichen“, sagt Prokop. Ob dieses „Etwas“ der Klassenverbleib sein kann, vermag der Trainer neun Runden vor dem Saisonende nicht einzuschätzen.

          Es geht aufwärts: Trainer Christian Prokop glaubt an sein Team

          „Ich fange jetzt nicht an, unsere Chancen in Prozent auszurechnen.“ Es stehen noch Auswärtsspiele gegen den THW Kiel, die Rhein-Neckar Löwen und den HSV Hamburg an, in denen für Essen, bei allem Fortschritt, kaum etwas zu holen sein dürfte. Von den unmittelbaren Konkurrenten aus der Abstiegszone trifft nur noch der neue Tabellenletzte TV Großwallstadt auf den Tusem.

          Aber auch wenn die Rettung nicht gelingen soll, sehen die Essener sich für die Zukunft gewappnet. Sie wollen weiter auf junge Spieler setzen, die noch am Anfang ihrer Entwicklung als Profi stehen. Prokop sagt, er sei unter der Voraussetzung nach Essen gegangen, dass „alle Verträge auch für die zweite Liga gelten“. Das Konzept des Klubs habe ihn schon vor seinem Dienstantritt begeistert.

          Prokop versteht sich „nicht als Feuerwehrmann“

          „Die Entwicklungsarbeit mit jungen Spielern liegt mir“, sagt der Trainer, der zuvor in der zweiten Liga bei Post Schwerin tätig war, bis der Verein in die Insolvenz ging. Prokop versteht sich „nicht als Feuerwehrmann, sonst hätte der Klub keinen 34-jährigen verpflichtet“. Er sieht seine Aufgabe vor allem darin, die Spieler so zu schulen, dass sie mittelfristig konstant auf Bundesliganiveau spielen können. Dafür nähme er sogar einen Umweg in Kauf; auch sein Vertrag gilt im Fall des Abstiegs für die zweite Liga.

          Als Prokop das alles erklärt, steht er in einem riesigen Kellerraum, dessen Inventar so trostlos wirkt wie die ersten dreizehn Niederlagen der Mannschaft - es ist praktisch gar nicht vorhanden. Der Raum, in dem vier Reporter Platz genommen haben, passt in seiner ganzen Kahlheit zu der Sparsamkeit, die auf der Margarethenhöhe Einzug gehalten hat. Mit jungen Profis ein sportliches Risiko einzugehen, ist der aktuellen Führungscrew lieber, als wirtschaftliche Wagnisse zu riskieren.

          Bilderstrecke

          Zweimal schon hatte der Tusem aufgrund finanzieller Schwierigkeiten die Bundesliga verlassen müssen, zum ersten Mal 2005 (als frisch gekürter Europapokalgewinner) und dann noch mal 2008. Inzwischen hat der Klub einen Paradigmenwechsel vollzogen und gilt als solides Handball-Unternehmen, das Haushaltspläne nicht nur aufstellt, sondern auch einhält. Der Aufstieg im vergangenen Jahr kam früher als geplant. Viele Spieler gingen ohne Bundesliga-Erfahrung in die Saison.

          „Aufgrund unserer Entwicklung wird die Chance zu gewinnen nun größer“, sagt Rückraumspieler David Breuer. „Ob wir tatsächlich erstligareif sind, wird die Abschlusstabelle zeigen.“ Der älteste Feldspieler sieht seine Mannschaft, mag sie noch so unerfahren sein, psychologisch sogar im Vorteil gegenüber Mitbewerbern aus der Gefahrenzone. „Andere Vereine können es vermasseln“, behauptet Breuer. „Wir hingegen können noch etwas Außergewöhnliches erreichen: ein Sportwunder.“

          Weitere Themen

          280 km/h – Mit dem Fahrrad Video-Seite öffnen

          Weltrekord : 280 km/h – Mit dem Fahrrad

          Somit übertraf der Brite den 1995 aufgestellten Spitzenwert von 268 Stundenkilometern. Im nächsten Jahr will Campbell 320 km/h fahren.

          Topmeldungen

          „Verschrotter“ gegen „Planierraupe“: Renzi am Dienstag im italienischen Senat

          Regierungskrise in Italien : Im Land der wilden Matteos

          Italiens früherer Ministerpräsident Renzi wittert in der Regierungskrise die Gelegenheit für ein Comeback – und versucht nun, die Neuwahlpläne seines Erzfeindes Salvini zu durchkreuzen. Der Publizist Massimiliano Lenzi prophezeit einen „langen Krieg der Matteos“.
          Berlin im Juli 2017: Überschwemmung auf der Märkischen Allee nach einem Unwetter

          Schwierige Stadtplanung : Schwamm drunter!

          Starkregen und Hochwasser bringen Städte immer wieder an ihre Grenzen. Sie müssen sich anpassen – denn der Klimawandel dürfte das Problem noch verschärfen.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.