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Turn-WM in Japan : Die hohe Kunst auf dem schmalen Balken

  • -Aktualisiert am

Scheinbar mühelose Vorstellung: Pauline Schäfer-Benz zeigt gymnastische Sprünge und Drehungen höchster Schwierigkeit. Bild: Reuters

Turnerin Pauline Schäfer-Betz lässt Schweres leicht aussehen. In Japan konzentriert sie sich ganz auf sich – und gewinnt Silber bei der WM. Dabei muss sie weiterhin mit offenen Anfeindungen leben.

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          Pauline Schäfer-Betz steht auf dem Podium, bereit für ihre Übung. Es geht um den Weltmeistertitel am Schwebebalken. Sie muss warten, denn die Kampfrichterinnen sind noch mit anderem beschäftigt. Sie wird angewiesen, das Podium wieder zu verlassen. Dann geht es endlich los. Eine knappe Stunde später ist klar: Pauline Schäfer-Betz ist Vize-Weltmeisterin am Balken. Nur die Japanerin Urara Ashikawa ist besser.

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          Schäfer-Betz hatte schon im Vorfeld gesagt, die Übungen der Konkurrenz interessierten sie nicht wirklich: „Ich kann ja nur meine eigene Leistung beeinflussen.“ Als sie ihre Übung beginnt, sieht es einen Moment aus, als habe sie die lange Wartezeit aus dem Konzept gebracht: Nach der Anfangskombination muss sie leicht korrigieren.

          Aber danach gelingt alles. Schäfer-Betz demonstriert die hohe Kunst auf dem schmalen Balken: Akrobatik, gymnastische Sprünge und Drehungen höchster Schwierigkeit, so miteinander kombiniert und vorgetragen, dass es mühelos, ja irgendwie ganz leicht aussieht. Sechs Jahre nach dem Gewinn der Bronzemedaille und vier Jahre nachdem sie in Melbourne Weltmeisterin geworden ist, nun also Silber mit 24 Jahren. Schäfer-Betz ist es gelungen, sich ganz auf sich selbst zu konzentrieren.

          „Ja, es ist schwierig“

          Angesichts der Bedingungen im japanischen Kitakyuhsu keine leichte Aufgabe: Strengste Corona-Regelungen bedeuteten, dass die Athleten ausschließlich ihr Hotelzimmer und die Turnhalle sahen. Das hieß eine Woche ohne Frischluft. Wie es trotzdem dazu kommen konnte, dass ein positiv getesteter Turner in den Wettkampf ging, dafür sieht sich der Weltverband nicht zuständig. Fragen hierzu werden auch vom lokalen Organisationskomitee nicht beantwortet.

          Zudem bedeuteten die Turngeräte eines bislang eher unbekannten chinesischen Herstellers für alle Athleten eine Umstellung. Einige gingen bei den Männern sogar zu Bruch. Auch gab es teilweise Wettkämpfe, die über eine Stunde länger dauerten, als es der Zeitplan vorsah. Etliche Verbände beschwerten sich infolgedessen über die unzulängliche Organisation. „Ja, es ist schwierig“, hatte Pauline Schäfer-Betz nach der Qualifikation bestätigt: „Aber wir versuchen, das Beste draus zu machen.“

          Sich auf sich selbst zu konzentrieren ist eine Aufgabe, die für Pauline Schäfer-Betz nicht erst seit Japan wichtig ist. Sie war es, die gemeinsam mit anderen Turnerinnen im vergangenen November in Deutschland eine Debatte über inakzeptable Trainingsmethoden angestoßen hatte. Nach dem Bruch mit ihrer Trainerin war sie in Chemnitz geblieben und trainiert nun bei der KTV Chemnitz, eigentlich der Männer-Verein in der Stadt.

          Aus dem Lager ihres alten Vereins, der in Teilen weiterhin hinter der vom Deutschen Turner-Bund suspendierten Trainerin steht, wurde Schäfer-Betz offen angefeindet. Auf die Frage, wie sehr sie dies belastet habe, erwidert sie: „Ich bekomme nach wie vor Anfeindungen. Deswegen war es für mich wichtig, dass ich mich auf mich konzentriere und das, so gut wie es geht, ausblende. Das war eine Herausforderung, aber ich denke, das Ergebnis spricht für sich.“

          „Ein paar Herausforderungen“

          Betreut wird Schäfer-Betz mittlerweile von Kay-Uwe Temme, der sich zuvor um den männlichen Nachwuchs gekümmert hatte. „Wir haben uns beide sehr gefreut, dass wir das gemeinsam erleben dürfen“, sagt die einzige deutsche Starterin. „Es hat uns natürlich auch vor ein paar Herausforderungen gestellt, einfach weil er es noch nie so erlebt hat.“ Für Temme war es die erste Weltmeisterschaft, für seine Turnerin die sechste.

          Der DTB könnte Pauline Schäfer-Betz dankbar sein. Allem voran für ihren Mut, als einzige aktive Turnerin offen über Missstände berichtet zu haben, obschon durchaus Hinweise auch aus anderen Stützpunkten vorlagen. Vor allem ihre Erzählungen darüber, wie sie von ihrer ehemaligen Trainerin jahrelang psychisch unter Druck gesetzt und schikaniert worden war, hatten dazu geführt, dass der Deutsche Turner-Bund sich nun einen „Kulturwandel“ auf die Fahnen schreibt. Aber auch in sportlicher Hinsicht. Die Sportsoldatin hatte sich nach einigen Wochen Pause im Anschluss an die Olympischen Spiele auf diese Weltmeisterschaft vorbereitet.

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          Sie wolle zeigen, dass sie es besser kann, sagte sie zu Wochenbeginn rückblickend auf Tokio, wo sie nicht ins Balkenfinale gekommen war: „Für mich persönlich hat diese WM einen sehr hohen Stellenwert.“ Ihre Teamkolleginnen aus Tokio hatten allesamt verzichtet, die Leistungen der übrigen deutschen Turnerinnen sind international momentan nicht konkurrenzfähig. Konsequenterweise wurden sie gar nicht erst nominiert.

          Anders die deutschen Männer, von denen lediglich der 34-jährige Andreas Bretschneider eine ordentliche Übung am Reck zeigte. Rang 31 im Mehrkampf sowie Gerät-Platzierungen zwischen Rang 25 und 62: So lautet das desaströse Ergebnis in einem Feld, in dem etliche internationale Topstars gar nicht erst angetreten waren. Bundestrainer Valeri Belenki kommentierte, die Turner hätten „insgesamt gute Ergebnisse abgeliefert“. Der neue DTB-Sportdirektor Thomas Gutekunst konstatierte, einige hätten sich „sehr gut präsentiert“.

          Turncamp schon am Montag

          Für Pauline Schäfer-Betz geht es direkt aus dem Flugzeug wieder in die Turnhalle. Am Montag beginnt in Chemnitz ein erstes Turncamp, das sie gemeinsam mit ihrem Partner Andreas Bretschneider ins Leben gerufen hat, um ihre Erfahrungen weiterzugeben. Mädchen und Jungen aus verschiedenen Bundesländern werden dabei sein. 2022 möchte sie auch selbst wieder antreten: erst bei der Europameisterschaft in München und dann bei ihrer siebten Weltmeisterschaft in Liverpool.

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