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Turnerin Oksana Chusovitina : Gemeinsames Leiden

  • -Aktualisiert am

Freundinnen: Svetlana Boginskaja (rechts) und Oksana Chusovitina in Stuttgart Bild: Imago

Andere Hochleistungsturner greifen sich in ihrem Alter längst stöhnend an den Rücken, doch Oksana Chusovitina schlägt immer noch Salti. Bei der WM in Stuttgart aber macht sie einen folgenschweren Fehler.

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          Nach vier Geräten und dem folgenden Interview-Marathon konnte Oksana Chusovitina kaum mehr auf ihren Beinen stehen. „Ich bin müde“, sagte sie, aber das bezog sich nur auf diesen einen Abend bei der WM in Stuttgart, als sie einen kompletten Turn-Mehrkampf in den 44 Jahre alten Knochen hatte. Diese Frau, so scheint es, ist aus Edelstahl Rostfrei gebaut.

          Evi Simeoni

          Sportredakteurin.

          Andere Hochleistungsturner greifen sich in ihrem Alter längst stöhnend an den Rücken, doch Chusovitina schlägt immer noch Salti wie eine Junge. Von hinten sieht sie auch so aus: ein Püppchenkörper, 1,53 Meter groß, 44 Kilogramm schwer. Nur der hohe Haarknoten fehlt, den die jungen Turnerinnen lieben. Sie trägt eine praktische Kurzhaarfrisur. Und ein Blick in ihr ungeschminktes Gesicht bringt es an den Tag: Der zarte Schmelz der unverbrauchten Jugend, welcher der eisernen Welt des Leistungsturnens den Weichzeichner verleiht, ist nicht mehr da.

          Mit Leib und Seele

          Der sportliche Weg, der hinter ihr liegt, war lang und gewunden. Schon 1992 wurde sie in Barcelona Mannschafts-Olympiasiegerin für die GUS, den Nachfolgestaaten der Sowjetunion. 1996, 2000 und 2004 turnte sie für Usbekistan, 2008 in Peking holte sie für Deutschland die Silbermedaille im Sprung – das war ihr Geschenk an dieses Land, das Beste, was sie zu vergeben hatte als Turnerin mit Leib und Seele. Hier wurde ihr geholfen, als ihr Sohn Alisher mit zwei Jahren an Leukämie erkrankte. Sie zog nach Deutschland, damit der Junge in Köln behandelt werden konnte. Mit Hilfe von Preisgeldern und Spenden konnte sie die Therapie finanzieren. Der Junge ist längst geheilt und macht in Bergisch-Gladbach demnächst Abitur.

          Tschüss, sagte Oksana Chusovitina nach ihrem fünften Platz bei ihren sechsten Spielen in London, was bereits Rekord war im Turnen. Doch das war verfrüht. Sie kehrte zurück: Zu den Spielen Nummer sieben in Rio für Usbekistan. Und sie konnte noch immer nicht loslassen. Bei der WM in Stuttgart wollte sie sich für ihre achten Olympischen Spiele qualifizieren – aber diesmal musste selbst die unzerbrechliche Usbekin sich dem Ratschluss der Jahre beugen. Sie wurde in der Qualifikation an ihrem Spezialgerät, dem Sprung, nur Zwölfte und verpasste damit die Chance auf einen Olympia-Startplatz. Sie hatte das Schicksal zu sehr herausgefordert, indem sie den Silber-Sprung von Peking versuchte: Den Kasamatsu mit Doppelschraube. Bei der Landung musste sie zu Boden greifen. Das war‘s. Höchstens als Nachrückerin im Mehrkampf könnte sie es noch nach Tokio schaffen.

          Ihre Freundin und Managerin stand ihr bei: Svetlana Boginskaja, nur zwei Jahre älter als Chusovitina. Auch die Weißrussin gehörte einst zur Gold-Mannschaft von Barcelona, hat aber vor 23 Jahren ihre Karriere beendet. Vor dreißig Jahren, als die Turn-WM zum ersten Mal in der Schleyer-Halle stattfand, war sie mit sechzehn die Königin von Stuttgart. Sie gewann drei Titel. Heute ist sie Unternehmerin in Houston, Texas, Chusovitina ist regelmäßig in ihren Trainingscamps aktiv. „Ich habe gelitten, als sie den Fehler gemacht hat“, sagte Boginskaja. „Mehr, als wenn ich selbst gesprungen wäre.“

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