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Historischer Erfolg im Turnen : Wenn sich alles glücklich fügt

  • -Aktualisiert am

Zu Gold „geschwebt“: Turnerin Emma Malewski Bild: Reuters

Die deutschen Turnerinnen erleben bei der Europameisterschaft in München historische Medaillen-Momente. Damit gerechnet hat niemand. Auch nicht Turn-Ikone Kim Bui, die sich mit diesem Erfolg verabschiedet.

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          Elisabeth Seitz ist Europameisterin am Stufenbarren, Emma Malewski Europameisterin am Schwebebalken. Damit hatte bei allem Optimismus niemand gerechnet. Am wenigsten die 18-jährige Malewski selbst, die sehr glücklich viele Male wiederholte, sie habe dafür jetzt erst mal „keine Worte“. Für Elisabeth Seitz war die Ausgangslage eine komplett andere: In drei olympischen Barrenfinals hat sie bereits gestanden, in etlichen Gerätentscheidungen bei Welt- und Europameisterschaften. Das Fazit bislang: Bronze bei der Europameisterschaft 2017 und bei der Weltmeisterschaft 2018.

          Für beide Turnerinnen war der Sonntag so ein Tag, an dem es einfach lief, fast alles gelang und der Rest sich glücklich fügte. Für Pauline Schäfer-Betz, die ebenfalls im Balkenfinale stand, lief es bei diesem Auftritt nicht perfekt: Sie erwischte ihren Angang schief, musste deswegen auf eine Kombination verzichten, zudem wurde der nach ihr benannte Salto wegen der nicht vollendeten Drehung in der Luft nicht anerkannt. Schließlich zeigte Kim Bui an diesem denkwürdigen Tag ihre letzte Übung überhaupt, sie hatte vergangene Woche ihren Rücktritt bekannt gegeben. Sie wurde Fünfte im Barrenfinale, mit Standing Ovations bedacht und verabschiedete sich nach ihrer Übung weinend und winkend vom Münchner Publikum.

          Kim Bui: „Kann es nicht richtig glauben“

          Der Samstag war allerdings auch schon so ein Tag gewesen, und das gleich für alle fünf Deutschen gemeinsam: Die genannten Gerätfinalistinnen und Sarah Voss gewannen die erste Teammedaille für Deutschland in der Geschichte dieses Wettbewerbs. In einem Wettkampf, den nicht zuletzt wegen der Abwesenheit der russischen Aktiven Italien dominierte, war den deutschen Turnerinnen zwar nicht bei jeder Übung alles gelungen, aber am Ende hatte sich dann mehr gefügt, als die Protagonistinnen selbst im Vorfeld zu hoffen gewagt hatten.

          „Ich kann es noch gar nicht richtig glauben, aber sie ist da“, sagte Kim Bui nach der Siegerehrung, die Medaille fest in der Hand. Es sei „eines der schönsten Gefühle, dass wir das als Team geschafft haben. Wir haben uns gemeinsam durch diesen Wettkampf getragen, ich hätte mir so was nicht vorstellen können.“ Die Kolleginnen unterstrichen dies nachdrücklich. Für Pauline Schäfer-Betz war „ausschlaggebend“, dass man sich gegenseitig den Rücken gestärkt habe, für Elisabeth Seitz lief die Übung noch besser, „wenn man weiß und spürt, dass das ganze Team hinter einem steht und einen durch die Übung pusht“.

          Sarah Voss, die mit einem hervorragenden Sprung den deutschen Schlusspunkt des Nachmittags gesetzt hatte, sagte: „Ich hatte vom ersten Schritt bis zur Landung das Gefühl, dass mein Team mich da durchschreit und mich schweben lässt.“ Für die 18-jährige Emma Malewski, die ihre Aufgabe als Startturnerin bei ihrem ersten großen Wettkampf mit Publikum sehr gut meisterte, war das Ganze unglaublich. Schon hier reagierte sie mit: „Ich kann das nicht in Worten beschreiben.“

          Auch aus Sicht von Bundestrainer Gerben Wiersma hatte an diesem Samstagnachmittag alles zusammengepasst. „Großartig, wenn alles im richtigen Moment zusammenkommt – das liebe ich an dieser Sportart“, sagte der Niederländer. „Ich freue mich unglaublich für die Turnerinnen und auch für die anderen Trainer, es ist ein wunderbares Team.“ Überhaupt, das Team. Es hatte schon unter Wiersmas Vorgängerin Ulla Koch, die im vergangenen Jahr mit vier der fünf in München startenden Frauen die Olympischen Spiele in Tokio bestritten hatte, eine wichtige Rolle gespielt. Wiersma scheint diesem Faktor nun noch mehr Bedeutung zuzuschreiben.

          In München versammelte sich das Team in verschiedenen Momenten zur kurzen Besprechung in einem engen Kreis. „Eins, zwei, drei – Team!“ lautet das am Ende gemeinsam lautstark intonierte Motto. Im Teamfinale hatte Sarah Voss ihre Kolleginnen vor dem letzten Gerät noch mal zusammengerufen und eingeschworen. Drei gelungene Sprünge über den Pferdtisch später flossen dann bei allen fünf Frauen die Freudentränen.

          Kurz darauf flossen noch sehr viele Tränen, vor allem bei Elisabeth Seitz, die nach einem kurzen Urlaub danach in Stuttgart ohne Kim Bui in der Turnhalle stehen wird: „Ich will gar nicht daran denken, wie es ohne Kim in der Halle ist.“ Kim Bui ist im Januar 33 Jahre alt geworden, es ist die längste internationale Karriere einer deutschen Turnerin, die am Sonntag zu Ende gegangen ist. Seit 1999 war sie ununterbrochen Mitglied des Bundeskaders. Es ist eine beeindruckende Statistik: Der erste internationale Auftritt als Juniorin 2003, zwölf Teilnahmen bei Europameisterschaften, acht bei Weltmeisterschaften, drei bei Olympischen Spielen.

          Auf die Frage, was er von der EM erwartet, hatte Wiersma entschieden geantwortet: „Ich erwarte gar nichts, auf keinen Fall Medaillen, ich will vor den Gerätfinals auf keinen Fall Druck aufbauen.“ Nun zeichnet er verantwortlich für die erfolgreichste Europameisterschaft des bundesdeutschen Frauenturnens. Bei der in zehn Wochen anstehenden Weltmeisterschaft in Liverpool werden die Karten neu gemischt. Sicher ist, dass erneut das Team im Mittelpunkt stehen wird, das Ziel ist ein Platz unter den besten acht.

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