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Turner Herder : Wissen ist nicht Können

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Turnen ist auch Physik, aber nicht nur: „Nur weil ich weiß, wie es geht, heißt es nicht, dass ich es auch kann.“ Bild: AFP

Philipp Herder weiß in zweifacher Hinsicht, was er macht, und was er kann: der Leistungsturner studiert Physik – und bei der WM erreicht er das Mehrkampffinale.

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          Nach dem Spiel ist vor dem Spiel. Das gilt auch bei einer Turn-Weltmeisterschaft. Der Topfavorit Kohei Uchimura wird beim Mehrkampffinale der Männer an diesem Donnerstag (Start: 1.00 Uhr deutscher Zeit am Freitag) zwar in vielen Köpfen sein, aber eben nicht auf der Matte stehen. Der Ausgang des Wettbewerbs ist so offen wie lange nicht, die ersten fünf Turner trennen nach der Qualifikation nur 1,268 Punkte.

          Es könnte endlich der Moment für den Olympiazweiten Oleg Vernjajew aus der Ukraine sein, aber da ist auch Manrique Larduet, der großartige junge Kubaner, der das WM-Klassement anführt. Larduet war 2015 überraschend Weltmeisterschaftszweiter geworden, bei den Olympischen Spielen in Rio blieb er aufgrund einer Fußverletzung chancenlos und wurde seitdem auf internationaler Bühne nicht mehr gesehen. „Es war zuletzt wirklich sehr schwierig für uns“, sagte er nach der Qualifikation mit Blick auf die Folgen des Hurrikans Irma. „Ich bin sehr dankbar, dass ich hier sein darf.“

          Es könnte aber genauso der große Abend für Xiao Ruoteng aus China, für David Beljawski aus Russland oder für Kenzo Shirai aus Japan werden. Der Teamkamerad von Kohei Uchimura, dessen Verletzung als teilweiser Bandabriss diagnostiziert wurde, wird mit ganz besonderem Ehrgeiz an die Sache gehen.

          Herder hat nichts zu verlieren

          Das gilt, obschon in anderer Weise, wohl auch für Philipp Herder. Es ist das erste Mehrkampffinale bei einer Weltmeisterschaft für den 24-jährigen Berliner. „Ich versuche locker und frei zu turnen und das Ganze auch ein wenig zu genießen, ich habe nichts zu verlieren“, sagt er. Im Vergleich zu seinem Qualifikationsdurchgang, bei dem er seinen Abgang vom Reck verpatzt und Rang 17 belegt hatte, möchte er ein paar Plätze gutmachen: „Zwischen Platz zehn und 15 wäre super.“ Das klingt zwar nicht spektakulär, ist aber realistisch. Bundestrainer Andreas Hirsch hat das Ziel für seinen derzeit einzigen Mehrkämpfer nahezu wortgleich formuliert.

          Realist im Finale: Platz zehn wäre ein großer Erfolg

          Philipp Herder ist Turner, aber er ist auch Physikstudent an der Humboldt-Universität zu Berlin. Und seine Studienwahl hatte nichts damit zu tun, dass die Kenntnis physikalischer Gesetzmäßigkeiten eventuell dem Turnen zuträglich sein könnte. Herder lächelt schon bei der Frage und formuliert zutreffend: „Nur weil ich weiß, wie es geht, heißt es nicht, dass ich es auch kann.“

          Das Fach habe ihm einfach schon in der Schule viel Spaß gemacht. Und er habe sowieso immer gedacht, dass er nach dem Sport ja eine Ausbildung brauche. „Dann dachte ich: Mach auf jeden Fall das, was dir Spaß macht. Da kniest du dich dann auch viel mehr dahinter, als wenn ich irgendwas mache, wo ich keinen Bock drauf habe. Das macht für mich keinen Sinn.“

          Philipp Herder kennt zwei Welten

          Das Studium ist gestreckt, bislang hat er nur ein Modul pro Semester absolviert. „Ich versuche, nächstes Jahr zwei zu machen, Analysis III und Lineare Algebra, die Mathemodule, das sind die Grundlagen für die Physik, das brauche ich zuerst.“ Für die Übungsstunden will er regelmäßig an die Uni fahren, das meiste ist allerdings Selbststudium, für den Besuch von Vorlesungen bleibt keine Zeit. Mit ein paar Kommilitonen hat er sich angefreundet, die helfen auch gern mal. Eine andere Welt bleibt das klassische Studentenleben trotzdem: „Jedes Mal, wenn ich an der Uni bin, denke ich: Wouh, wo bist du denn hier wieder gelandet! Das ist schon was anderes.“

          Philipp Herder am Barren: „Mach auf jeden Fall das, was dir Spaß macht“

          Immerhin kennt Philipp Herder zwei Welten – und eine hat nichts mit Sport zu tun. Damit hat er vielen deutschen Turnern der vergangenen Jahrgänge etwas voraus. Seine Eltern haben selbst nie Leistungssport betrieben, in seiner Berliner Schule ist er bei einer Sichtung positiv aufgefallen und dann irgendwann in der Halle des Hohenschönhausener Turnforums gelandet. Dort übte er bei Sebastian Faust, einem jener jungen Trainer, die sich im vergangenen Jahr gegen den Trainer- und für den Lehrerberuf entschieden haben.

          2014 und 2015 stand Philipp Herder bereits im deutschen Weltmeisterschaftsaufgebot, 2016 war er Ersatzturner des Olympiateams. Seit dem Ausscheiden von Sebastian Faust wird er, ebenso wie der momentan verletzte Lukas Dauser, von Robert Hirsch, dem Sohn des aktuellen Bundestrainers, betreut. Die Besten der Welt hat sich Philipp Herder am Montagabend in jenem Qualifikationsdurchgang angeschaut, in dem sich Kohei Uchimura verletzte. Es sei „schon beeindruckend zu sehen, was es so alles gibt in der Weltspitze“, findet er.

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