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Turner Andreas Toba : Der Spaß und die Schmerzen

  • -Aktualisiert am

Andreas Toba: „Wenn es mir keinen Spaß machen würde, dann würde ich nicht mehr weitermachen.“ Bild: AFP

Tag für Tag muss Andreas Toba Schmerzen ertragen. Aber er sagt, es mache ihm Spaß. Ausgangspunkt des Leidenswegs war sein heroischer Einsatz für das deutsche Team bei Olympia in Rio.

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          Als Angst und Verzweiflung nachließen, als Andreas Toba nach seiner dritten Knie-Operation und dreieinhalb Wochen Aufenthalt aus dem Krankenhaus entlassen wurde, da kannte er nur noch einen Weg. An Krücken humpelte der Hannoveraner in die Turnhalle. „Nur, um Magnesia zu atmen“, sagt er. Noch auf dem Weg dorthin erschien ihm die Welt Schwarz-Weiß. Doch kaum roch er das magische Pulver, wurde sie wieder bunt. Er musste nur einen Hauch dieses Parfums wahrnehmen, und schon war der ganze Schmerz vergessen. „Ich habe fast angefangen zu weinen.“

          Evi Simeoni

          Sportredakteurin.

          Im Krankenhaus hatte er den Tiefpunkt seines Turnerlebens durchlitten. Quälende Fragen drehten sich in seinem Kopf im Kreis: Wird das wieder was mit mir? Werde ich jemals wieder gesund? Werde ich wieder turnen können? Er hatte bereits die dritte Knie-Operation hinter sich. Ausgangspunkt des Leidenswegs war sein heroischer Einsatz für die deutsche Mannschaft bei den Olympischen Spielen 2016 in Rio gewesen, als er trotz eines Kreuzbandrisses im rechten Knie die Übung am Pauschenpferd absolvierte, um die anderen nicht hängen zu lassen. Er wurde gefeiert, aber die Verletzung war schlimm.

          Als er sich schon auf dem Weg der Besserung wähnte, kamen Rückschläge, ein Meniskusriss, eine Entzündung, die Sache zog sich lange hin. Er lag im Krankenbett, sie füllten Antibiotika in ihn hinein, und er verfolgte auf seinem iPad die Europameisterschaften 2017 in Cluj. Ausgerechnet in Rumänien, dem Land, aus dem sein Vater Marius Toba 1989 nach Deutschland auswanderte. „Da ging es mir wirklich gar nicht gut.“ Doch angesichts seiner turnenden Kollegen packte ihn der Kampfgeist. „Ich habe gesagt, das kann nicht sein.“

          Zweieinhalb Jahre später, bei den Weltmeisterschaften in Stuttgart, bereitet sich Toba auf sein großes Solo vor. Er hat inzwischen auch noch eine Verletzung im anderen Knie durchgestanden, aber er fühlt sich fit. Am Montag hat er seinen 29. Geburtstag sehr standesgemäß gefeiert – mit der gelungenen Olympiaqualifikation der deutschen Mannschaft, zu der er mit seinen konstant starken Leistungen einen wesentlichen Beitrag geleistet hat. Er ist wieder da. Schon im August wurde er deutscher Mehrkampfmeister. An diesem Freitag startet er im Mehrkampf-Finale. „Alles, was nach der Olympia-Qualifikation kommt, ist eine Belohnung.“

          Nach dem Adrenalin-Rausch der ersten Tage will sich Toba des Privilegs, unter den 24 besten Turnern zu sein und bei der WM vor solch einem großen Publikum turnen zu dürfen, würdig erweisen – und es genießen. Toba hat kein Spitzen-Gerät, an dem er Medaillenkandidat wäre. Der Mehrkampf ist seine Stärke. Das sei schon seit Kindertagen klar gewesen. Er genoss damals die Gemeinschaft im Verein viel mehr als den Sport. „Ich war nicht der geborene Turner.“ Die ganz große Beweglichkeit sei ihm nicht gegeben. Das bedeutet: Dehnungsschmerz ohne Ende.

          Toba ist kein Spezialist: Der Mehrkampf ist seine Disziplin

          Als er Spagat machen sollte, weinte der kleine Junge. Heute ist er seinem Trainer Adrian Catanoiu dankbar, der ihn davon überzeugte, dass er es trotzdem versuchen sollte. Die Hände brannten ihm vom Seilklettern. Doch trotz aller Mühe wurde Toba im Wettkampf immer Letzter. Als er zwölf war, schaffte er als einziger an den Ringen die sogenannte Zugstemme aus dem Hang in den Stütz nicht, eine Kraftprobe für turnende Teenager. „Ich habe Klimmzüge gemacht bis zum Abwinken, aber es hat nicht funktioniert. Alle haben es geschafft, Dicke, Dünne, nur ich nicht.“ Sein Vater Marius, selbst Spitzenturner, baute ihn auf. Bei ihm sei das auch so gewesen. Irgendwann würden sich seine Mühen auszahlen. Und wirklich: Mit 13 Jahren turnte der Sohn ein viel schwereres Element, die Felge in den Stütz, sofort in den Handstand. Das war eigentlich ein viel schwererer Kraftakt, er konnte sich nicht erklären, wieso er das konnte. „In dem Moment habe ich verstanden, dass ich nicht alles falsch gemacht hatte. Ich habe angefangen zu arbeiten. Ich war eine Stunde früher in der Halle als alle anderen und ging eine Stunde später als die anderen nach Hause.“

          So macht Toba es bis heute. „Es hat sich festgeschrieben, dass ich mehr machen muss, als die anderen, um genauso gut oder besser zu sein.“ Die Härte, sich von dieser Situation nicht abschrecken zu lassen, hat er von seinem Vater. „Die Zielstrebigkeit, das unermüdliche Arbeiten.“ Er hoffe aber, sagte Toba, dass er nicht genau so viele Operationen über sich ergehen lassen müsse wie der Erzeuger. Der legte sich 21 Mal unters Messer.

          Lange dachte der Sohn, dass er seinem extrovertierten Vater überhaupt nicht ähnlich sei. Inzwischen erkennt er, dass Marius Toba genau so viel Hingabe mitbrachte und genau so hart trainierte, wie er selbst das tut. Jedes Mal, Tag für Tag, muss Andreas Toba sich weh tun. Aber er sagt, es mache ihm Spaß. „Wenn es mir keinen Spaß machen würde, dann würde ich mit 29 Jahren nicht mehr weitermachen.“ Das Turnen lässt ihn nicht los, und er das Turnen nicht, trotz aller Schmerzen. Das kann wohl nur Liebe sein.

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