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Turnen : Ein „Seitz“ für Olympia

  • -Aktualisiert am

Trainerin Schunk ist optimistisch: Elisabeth Seitz gilt als trainingsfleißig. Bild: dpa

Wenn es um etwas geht, lebt Elisabeth Seitz auf. Bei der WM in Tokio will die beste deutsche Turnerin mit einem neuen Übungsteil überzeugen - und ist dabei ein Geheimtipp.

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          Ein Seitz - das ist’s doch. Wie gut das klingt, eine Übung, benannt nach einer deutschen Turnerin. „Wenn nicht zufällig bei der WM eine andere auch so turnt, dann kann es gut sein, dass es künftig nach mir heißt“, sagte Elisabeth Seitz bei den deutschen Meisterschaften, nachdem sie dieses Übungsteil zum ersten Mal gezeigt hatte. Seit Freitag ist sie eingetragene „Erfinderin“. Den Aufschwung vom unteren zum oberen Holm des Stufenbarrens, den „Schaposchnikowa“, turnt Elisabeth Seitz mit ganzer statt halber Körperdrehung wie die Russin seinerzeit. Wieviel das den Kampfrichtern wert ist, steht nun im Regelwerk. In Tokio, wo die deutschen Turnerinnen an diesem Samstag zu ihrem ersten Wettkampf antreten, stuften sie es als E-Teil ein, den zweithöchsten Schwierigkeitsgrad.

          „Ich freue mich drauf, den Seitz allen zu zeigen, auf der ganzen Welt“, sagt Elisabeth Seitz. Sie strahlt, wie immer vor einem Wettkampf. Turnen, wenn es um etwas geht - dabei lebt sie auf. Und so ist sie innerhalb kurzer Zeit zur besten deutschen Turnerin aufgestiegen. Bei der Europameisterschaft in Berlin im April wurde sie überraschend Zweite; ein historischer Erfolg: Es war die erste Mehrkampfmedaille einer deutschen Turnerin seit 1985.

          Diesmal ist sie ein Geheimtipp

          Nicht einmal zwei Jahre zuvor, Trainingslager der deutschen Turner in Kienbaum: Ein fünfzehnjähriges Mädchen sitzt schüchtern dabei, als die Stars des Deutschen Turnerbundes befragt werden. Fabian Hambüchen, Marcel Nguyen, Kim Bui: gestandene Athleten mit viel Erfahrung in internationalen Wettkämpfen. Elisabeth Seitz, die damals Fünfzehnjährige, schaut beinahe ungläubig in die Runde, als ihr eine Frage gestellt wird. Nun gut, eine Junioren-Europameisterschaft hat sie schon hinter sich, hat wenige Wochen zuvor ihren ersten Länderkampf mit der deutschen Riege absolviert, aber davon nimmt die große Öffentlichkeit kaum Notiz.

          Trainerin Schunk ist optimistisch: Elisabeth Seitz gilt als trainingsfleißig.
          Trainerin Schunk ist optimistisch: Elisabeth Seitz gilt als trainingsfleißig. : Seitz turnt den Seitz Bild: dpa

          Diesmal, vor den Weltmeisterschaften in London, ist sie ein Geheimtipp. Irgendwie schüchtern, aber doch unbekümmert, erzählt sie von sich, ihrem Zuhause, dem Bruder. In London tritt sie im Mehrkampf der WM an, wird 27. unter 146 Teilnehmerinnen, verpasst das Finale der besten 24 nur knapp. Es ist der Beginn einer international erfolgreichen Karriere, reihenweise Plazierungen unter den besten zehn bei renommierten Wettkämpfen folgen. Sie erreicht bei der EM 2010 das Finale am Stufenbarren, steht bei der WM im selben Jahr in Rotterdam in zwei Finals, wird Zweite in Berlin.

          „Manchmal kann ich gar nicht begreifen, was alles in den letzten zwei Jahren passiert ist“, sagt Elisabeth Seitz. „Zwei Jahre, das ist nicht so lang. Wenn ich noch einmal überdenke, dass man das alles in zwei Jahren schaffen kann - ist schon toll, oder?“ Es klingt nach dem Supertalent, das sich durchgesetzt hat. Claudia Schunk, seit 2006 die Heimtrainerin von Elisabeth Seitz bei der TG Mannheim, schüttelt den Kopf. „Nein“, sagt sie, „es war nicht sofort klar, dass sie so gut werden würde, so ein Erfolg wie heute war nicht absehbar.“

          „Das ist ihr großer Vorteil“

          Mutter Claudia Seitz, einst selbst Turnerin, merkte allerdings früh, in welche Richtung die Begabung ihrer Tochter zielte. So schickte sie das Kind - nach langem Zögern - „weil ich wusste, was es für uns alle bedeutet: viel Fahrerei, viel Kommunikation“ - vom kleinen Verein im Heimatort Altlußheim nach Mannheim. Von da an war vor allem perfekte Organisation gefragt, Schule, Leistungssport und Familie sind unter einen Hut zu bringen. Elisabeth Seitz ist jetzt in der elften Klasse, die sie auf zwei Jahre strecken darf. Die Schule nimmt Rücksicht, wenn auch der Wunsch, immer die ersten drei Stunden morgens freizuhalten, nicht immer zu erfüllen ist. Um 7.20 Uhr steht sie jeden Morgen in der Turnhalle, trainiert zwei Stunden, geht in die Schule. Nach dem Mittagessen und der Physiotherapie das nächste Training, bis abends halb sieben.

          Elisabeth Seitz bleibt trotzdem locker, „das ist ihr großer Vorteil“, sagt Claudia Seitz. Mutter und Tochter sprechen viel miteinander, und nicht immer steht Turnen im Vordergrund. Natürlich muss die Familie ihre Pläne am Leistungssport mit seinen Anforderungen ausrichten. „Aber zum Beispiel bei der Ernährung tut uns das allen gut“, sagt Claudia Seitz.

          Die neuen Teile sollen spätestens bei Olympia sitzen

          Denn das Ziel ist klar. „Der große Traum ist natürlich Olympia“, sagt Elisabeth Seitz. Dazu muss sich die Mannschaft bei der WM in Tokio qualifizieren. Nur die besten acht Teams schaffen das auf Anhieb, von den nächsten acht bekommen im Januar bei einem Wettkampf in London die wiederum besten vier eine zweite Chance. „Ich hoffe, dass ich einen guten Wettkampf turne. Wenn ich mein Bestes gebe, dann kann ich mir nichts vorwerfen“, sagt Elisabeth Seitz, „das denke ich immer“.

          Eine Fußverletzung zwang Elisabeth Seitz im Sommer zu einer Pause, und trotzdem ist Trainerin Schunk optimistisch. Ihre Athletin sei sehr trainingsfleißig. „Und ich schätze besonders ihre Wettkampfstärke, ihre Risikobereitschaft im positiven Sinne.“ Die neuen Übungsteile sollen spätestens bei Olympia fest sitzen, damit Elisabeth Seitz nicht improvisieren muss. Denn das macht sie bei ihrem zweiten Hobby gern: Wenn sie nach Hause kommt, den Koffer in die Ecke gestellt hat, geht es ans Backen. Und der Kuchen gelingt immer, ein echter Seitz.

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