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Turnen bei den Finals : Der Stufenbarren als große Liebe

  • -Aktualisiert am

Fliegen, greifen, schweben: Elisabeth Seitz an ihrem Lieblingsgerät Bild: Imago

Am Balken erlebt Elisabeth Seitz ein veritables Desaster bei den Finals in Berlin. An ihrem Lieblingsgerät indes siegt sie. Die Deutschen bekommen sowieso am Stufenbarren die besten Noten. Das hat seine Gründe.

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          Er steht nicht nur in der Max-Schmeling-Halle im Zentrum der Aufmerksamkeit – der Stufenbarren der Turnerinnen hat es dieser Tage bis in den Berliner Hauptbahnhof geschafft. Da springt einem Elisabeth Seitz überlebensgroß mit konzentriert aufeinandergepressten Lippen entgegen. Die Arme sind in Richtung Betrachter ausgestreckt, aber der Blick fixiert den Holm des Geräts. Ihres Lieblingsgeräts. Am Samstag hat sie in Berlin an einem anderem Gerät ein veritables Desaster erlebt. Drei Stürze vom Balken zerstörten ihren Traum vom achten Mehrkampftitel. Am Stufenbarren aber bewies sie die von ihr gewohnte Souveränität, zog mit der Bestnote von 14,65 Punkten ins Gerätefinale und holte sich am Sonntag den Titel. vor Sophie Scheder und Emelie Petz.

          Elisabeth Seitz war schon Rekordmeisterin, nun sicherte sie ihren 22. nationalen Titel, allein acht davon am Stufenbarren. „Nun kann mir keiner mehr meinen Rekord streitig machen. 22 Titel – das ist cool und einfach sagenhaft“, sagte sie. Ingrid Föst gewann auch 22 Mal zwischen 1953 und 1963. Für die 25 Jahre alte Seitz haben die beiden Stangen seit Jahren eine herausragende Bedeutung: Es ist ihr erklärtes „Lieblingsgerät“, an dem sie schon 2012 bei den Olympischen Spielen in London in ihrem damals ersten olympischen Gerätfinal stand und Sechste wurde. Doch war der Barren keineswegs immer nur Grund zur Freude. 2016 bei den Olympischen Spielen in Rio stand sie wieder im Barren-Finale der acht Weltbesten. Da gaben ihre Leistungen zuvor, selbst bei nüchterner Betrachtung, Anlass, an eine Medaille zu denken. Elisabeth Seitz wurde Vierte, mit einem Abstand von 0,133 Punkten. Damals sagte sie nach dem Wettkampf, es sei „ganz toll“, Vierte in einem olympischen Barrenfinale zu werden, aber in Wahrheit überwältigte sie damals wohl das Gefühl der Enttäuschung. Die Bronzemedaille in Rio hatte ihre Teamkollegin Sophie Scheder aus Chemnitz gewonnen, die ebenfalls in Berlin im Finale stehen wird.

          Scheder bei einer gelungenen Barrenübung zuzuschauen ist etwas ganz Besonderes, denn die vergleichsweise große Turnerin hat eine außergewöhnliche Begabung für den idealen Schwung. Auf den ersten Blick schwingt sie wie alle anderen auch, um in den Handstand zu kommen, um ein Flugelement vorzubereiten, um Geschwindigkeit für die Salti und Schrauben zum Abgang zu gewinnen. Aber im Gegensatz zu der Mehrheit der Barrenturnerinnen wirkt ihr Schwung leicht und mühelos, jegliche Kraftanstrengung bleibt dem Auge des Betrachters verborgen. Eine solche Übung, die, technisch betrachtet, aus vielen einzelnen Elementen besteht, wirkt dann wie eine einzige fließende Bewegung, aus einem Schwung sozusagen.

          Sophie Scheder, die schon 2012 Junioren-Europameisterin am Barren geworden war, hat ihren Schwung bei Gabi Frehse in Chemnitz perfektioniert. Auf die Frage, warum viele ihrer Turnerinnen gerade am Barren so gut werden, sagt sie: „Weil ich dieses Gerät liebe.“ Die Liebe übertrage sich dann eben. Dabei geht es allerdings eher um beharrliches Training denn um emotionale Belange: „Ich weiß von diesem Gerät am meisten, bin technisch am versiertesten, kenne und sehe viele Details, deshalb glaube ich, jede Turnerin kann bei mir einen relativ guten Barren lernen“, sagt Frehse. Ihre Faszination für das, was sie – genau wie die Turnerinnen – als „Lieblingsgerät“ bezeichnet, hat wohl nicht zuletzt auch biographische Motive: „Ich war ja mal Spartakiade-Siegerin am Stufenbarren.“

          Elisabeth Seitz hat sich von ihrer Erfahrung in Rio keineswegs entmutigen lassen. Im Frühjahr 2017 gewann sie mit Bronze bei den Europameisterschaften ihre erste große internationale Einzelmedaille an den Holmen, im vergangenen Jahr folgte mit WM-Bronze der bisherige Höhepunkt. Über die langen Jahre ihrer Karriere hat sie am Barren vergleichsweise viel mehr Zeit zugebracht als an den anderen Geräten. Allerdings nicht etwa, weil sie es sich hätte aussuchen dürfen, ihrem liebsten Gerät einfach mehr Zeit zu widmen, sondern weil immer wiederkehrende Fußverletzungen – auch momentan kämpft sie wieder mit einem schmerzhaften Fuß – das Training an den anderen Geräten verhinderte.

          Wie schon in Rio 2012 und im vergangenen Jahr, so wurde für die Olympiaqualifikation bei der WM in Stuttgart im Oktober dem deutschen Team der Barren als Startgerät zugelost. Im vergangenen Jahr gelang der Einzug ins Teamfinale, das würde die Teilnahme in Tokio sichern. „Ich würde mal sagen, eigentlich ist es ein gutes Omen“, sagt Elisabeth Seitz. Und auch Cheftrainerin Koch zeigt sich mit der Auslosung zufrieden. Auf die Frage, warum deutsche Turnerinnen im internationalen Vergleich immer am Barren die besten Noten erzielen, sagt sie: „Weil wir Tradition haben und weil wir wissen, dass wir es können, dann ist es nämlich einfacher.“

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