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Turn-WM in Stuttgart : Mit dem Rhythmus von Martinique gegen die „Außerirdische“

  • -Aktualisiert am

Möglichst eine Medaille, hinter Simone Biles: Mélanie de Jesus dos Santos in Stuttgart Bild: Reuters

Mélanie de Jesus dos Santos gelangt auf ungewöhnlichem Weg in die Turn-Weltspitze. Bei der Weltmeisterschaft in Stuttgart hat sie ein großes Ziel. Dabei geht es jedoch nicht um den Sieg.

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          MDJDS, das ist nicht etwa ein Kürzel für eine neue Realityshow, sondern die in Frankreich übliche Abkürzung für Mélanie de Jesus dos Santos, 19 Jahre alt, sechsfache Medaillengewinnerin bei Turn-Europameisterschaften und siebenfache französische Meisterin. „Ich konzentrier mich auf den dritten Platz“, benennt sie ihre Zielsetzung für die an diesem Donnerstag anstehende Mehrkampfentscheidung der Frauen bei den Weltmeisterschaften in Stuttgart. „Und wenn es nachher besser wird, umso besser.“

          Viel besser kann es nicht werden. Denn auch dieser Wettbewerb ist, das sieht auch Mélanie de Jesus dos Santos so, schon vor Beginn entschieden: „Über einen Sieg muss man ja gar nicht nachdenken, Simone ist zu weit weg vom Rest der Welt.“ Im Klassement der Qualifikation plazierte sie sich mit mehr als zweieinhalb Punkten Abstand auf Simone Biles und hinter deren Teamkameradin Sunisa Lee auf Rang drei. Trainer Éric Hagard lacht erst mal bei der Frage, ob überhaupt irgendwer über den Mehrkampftitel spricht: „Nein, natürlich nicht, weil Simone eine Außerirdische ist im Turnen. Die Herausforderung in diesem Mehrkampf ist der Kampf um die Silbermedaille.“

          Mélanie de Jesus dos Santos’ Weg in die Weltspitze ist außergewöhnlich. 2000 kam sie in Schœlcher, einem Städtchen mit knapp 20.000 Einwohnern an der Westküste der Karibikinsel Martinique, zur Welt, das als Überseedepartement Frankreichs zur Europäischen Union gehört. Weder ihre Mutter noch ihr aus Portugal stammender Vater hatten irgend einen Bezug zum Turnen. Doch die fünfjährige Mélanie ist sportlich, beginnt mit Judo und wechselt dann zum Turnclub Gauloise in La Trinité, wo sie für einige Jahre rund zehn Stunden pro Woche trainiert. Ihre dortige Trainerin Elsa Louis organisierte bald eine Reise zu einem Trainingslager des Verbandes in Frankreich, wo Mélanie gleich auffällt. Er habe sie vor sieben Jahren zum ersten Mal gesehen, sagt Hagard: „Als ich sie am Boden springen sah, war klar: Das ist ein Talent.“

          Mit zwölf Jahren entschied Mélanie de Jesus dos Santos, allein von der Kleine-Antillen-Insel ins 7000 Kilometer entfernte Saint-Étienne nahe Lyon zu ziehen. Sie kam bei einer Gastfamilie unter, trainierte im Zentrum bei Éric und Monique Hagard und bekam einmal im Jahr Besuch von ihrer Mutter. Zu Beginn war die Umstellung schwierig und das Heimweh riesengroß. Aber die Prognose von Trainer Hagard bewahrheitete sich rasch: 2013 wurde sie Mitglied der Nationalmannschaft und machte schnell international auf sich aufmerksam. Dann unterbrach ein Kreuzbandriss die Entwicklung. Wieder genesen, gewann sie 2017 ihre erste internationale Medaille, in diesem Frühjahr wurde sie Europameisterin im Mehrkampf und am Boden. Über ihre Heimat sagte sie gegenüber „Athletica Magazine“ im Herbst 2018: „Martinique, das ist Sonne, Strand, den ganzen Tag draußen sein, barfuß rumlaufen. Der Rhythmus ist ein ganz anderer, es ist überhaupt kein Vergleich. Ich muss da ab und zu hin, zu meiner Familie und auch, um im Meer zu baden.“

          Als Juniorin sei sie technisch noch nicht ausgereift gewesen, erklärt Hagard in Stuttgart: „Ihr fehlte anfänglich vor allem Präzision in den Körperpositionen, aber das hat sie sehr schnell verbessert.“ Sie arbeite viel mehr mit dem Kopf heute, beschreibt Mélanie de Jesus dos Santos sich selbst, weshalb sie im Wettkampf mittlerweile „viel ruhiger“ sei. Am Boden könnte sie im Mehrkampf ihre Übung sogar noch aufstocken, obschon auch das an der Überlegenheit von Simone Biles nichts ändern wird. „Gute Frage“, sagt Hagard, darauf angesprochen. „Ich denke, Simones Körper ist sehr speziell, sie ist nicht groß, was für die Schrauben von Vorteil ist. Für eine große Turnerin wäre der Triple double schlicht unmöglich. Außerdem hat sie extrem viel Kraft in den Beinen.“ Seine beste Turnerin hingegen ist nicht nur viel schmaler, sondern mit 1,52 Metern auch zehn Zentimeter größer.

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