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Turn-WM : No Risk, no Fun

  • -Aktualisiert am

Amerikanisches Sprungwunder: Simone Biles Bild: Reuters

Die deutschen Turner bleiben bei der Heim-WM ohne Medaille. Das amerikanische Springwunder Simone Biles räumt dagegen ab und stockt ihre Rekordsammlung auf 25 auf.

          3 Min.

          Es hätte genau so gut auch klappen können. Elisabeth Seitz hatte ihre Verbindung, eine Kombination von Flugteilen von oberen zum unteren und wieder zurück zum oberen Holm, schließlich erst zwei Tage vorher erfolgreich geturnt und damit wichtige Punkte gut gemacht für das beste Resultat, das sie jemals im Mehrkampf erreichte – Platz sechs bei den Weltmeisterschaften in Stuttgart. Ein Ausrufezeichen, sagte sie, habe sie gesetzt mit ihrer Verbindung, deren Fachbezeichnung im Gehirn eines Laien ungefähr den ähnlichen Wirbel verursacht wie ihr realer Anblick: Pak-Salto, Stalder-Umschwung und Schapaschnikowa mit halber Drehung.

          Evi Simeoni

          Sportredakteurin.

          Dieses komplizierte Ausrufezeichen wollte Elisabeth Seitz am Samstag wieder setzen, als es im Finale der Barren-Spezialistinnen für sie um eine Medaille hätte gehen können. Sie wusste, sie würde angesichts der starken Konkurrentinnen im Jahr vor den Olympischen Spielen in Tokio ihren technischen Ausgangswert damit aufstocken müssen, wenn sie bei der Siegerehrung aufs Podest wollte. Und das war das klare Ziel. Also entschied sie sich für das Risiko. Sie begann ihre Übung sehr gut – doch bis zum Pak-Salto kam sie nicht. Das Timing stimmte nicht mehr. Und plötzlich stand sie am Boden. Medaille futsch. „Ich musste das Risiko eingehen“, sagte sie später.

          Die anderen Turnerinnen hätten mit Ausgangswerten geradezu um sich geschmissen, da habe sie keine andere Möglichkeit gesehen. Und mit einer Sicherheitsübung wäre sie womöglich Vierte geworden wie bei den Olympischen Spielen 2016, was sie damals sehr wurmte. Dann lieber grandiose Achte von acht Final-Teilnehmerinnen. „Letztlich habe ich gesehen, dass ich mit meinen stolzen 25 Jahren immer noch zur Weltspitze gehöre“, sagte sie und wirkte gar nicht einmal so enttäuscht. Eine WM-Medaille liegt ja schon zuhause – im vergangenen Jahr in Doha wurde sie Dritte am Stufenbarren, ohne die riskante Verbindung. Aber die Entwicklung schreitet fort.

          Keine deutsche Medaille: Elisabeth Seitz muss ihr Gerät zwischendurch verlassen.

          Auch Simone Biles, die aktuelle Beherrscherin des Frauenturnens, stieß am Samstag an ihre Grenzen – ein Trost für alle Irdischen, die mit offenem Mund ihre akrobatischen Sprünge an anderen Geräten bestaunen. Der Stufenbarren ist das einzige Gerät, an dem sie Schwächen hat, ihre Haltungsfehler kosteten sie so viel Punkte, dass sie als Fünfte ohne Medaille blieb. Halb so schlimm, die sprunggewaltige Amerikanerin ist überreich damit versorgt. Die erfolgreichste Turnerin der Geschichte erweiterte am Wochenende mit Titelgewinnen im Sprung, am Boden und am Schwebebalken ihre Gold-Sammlung auf 19.

          Mit insgesamt 25 WM-Medaillen hat sie den bisherigen Rekordhalter, den Weißrussen Witali Scherbo überholt, der seine 23 Trophäen von 1991 bis 1996 sammelte. Tokio kann also kommen für die 22 Jahre alte Super-Biles. Die Olympischen Spiele in der Heimat Kohei Uchimuras, wo man Turn-Stars vergöttert, könnte für die 1,42 Meter kleine Sport-Riesin ein unvergleichlicher Siegeszug werden. Vielleicht sogar bereits als grandioses Finale einer einzigartigen Turnerinnen-Karriere.

          Sarah Voss leistet sich einige Wackler

          Die erst 19 Jahre alte Sarah Voss, überraschend Zehnte im Mehrkampf, hat gerade erst angefangen, die Welt zu erobern. Ihre Schwebebalken-Übung am Sonntag lief nicht perfekt, sie wurde nach mehreren Wacklern Siebte. „Ich bin froh, nicht vom Balken gefallen zu sein“, sagte die Kölnerin. Ihre Nerven scheint sie dank eines Mentaltrainings immer besser in den Griff zu bekommen. Sie will ihren Kopf abschalten während der Übung.

          Der 21 Jahre alte Ringe-Spezialist Nick Klessing wirkt da unbekümmerter. Er musste sich aber wie Elisabeth Seitz mit Platz acht begnügen. Dafür bekam er so tosenden Applaus wie ein Weltmeister. Er turnte seinen einzigartigen Abgang, den Dreifach-Salto, und musste bei der Landung nur einen kleinen Ausgleichschritt machen. „Es war schon eine mega Leistung, ins Finale einzuziehen“, resümierte der 21 Jahre alte Polizeimeister-Anwärter aus Halle. Zum Abschluss der deutschen Final-Auftritte ging der 26 Jahre alte Lukas Dauser aus Unterhaching an den Barren. In der Qualifikation hatte er die Bestnote des ganzen Feldes erzielt, im Finale stürzte er vor lauter Stress. Auch er, der eine schlimme Verletzungsserie hatte überwinden müssen, wurde Achter. Keine deutsche Medaille. Aber Männer wie Frauen haben in Stuttgart die Qualifikation für Tokio geschafft, Und das war das wichtigste Ziel.

          Nicht ganz sauber im Abgang: Lukas Dauser.

          Was noch schön war in Stuttgart: Insgesamt kamen in den zehn Wettkampftagen 102.000 Zuschauer in die vor sich hin alternde Hanns-Martin-Schleyer-Halle, was wieder einmal dafür spricht, dass Deutschland Sport-Großveranstaltungen zu goutieren weiß. Sollte Stuttgart es demnächst zu einer neuen Halle bringen, will sich der Deutsche Tuner-Bund ein weiteres Mal für eine WM bewerben, es wäre die vierte in der schwäbischen Metropole.

          Die Stimmung sei bombastisch gewesen, sagte Elisabeth Seitz, der die Zuschauer selbst nach ihrer verpatzten Barren-Übung noch ein herzliches Lächeln entlockten. Auch der Heim-Faktor spielte da eine Rolle, schließlich ist sie in Stuttgart zuhause. Wer jetzt aber empörte Vergleiche anstellen will zwischen der berauschenden Turn-WM in Stuttgart und der beschämenden Leichtathletik-WM vor kurzem in Doha, der sei daran erinnert: In Doha waren die Turner vergangenes Jahr.

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