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Aufregung bei Turn-WM : Stuttgarter Schreikontest

  • -Aktualisiert am

Die Juroren meinen es gut mit ihm: Lukaus Dauser steht in einem Gerätefinale. Bild: Reuters

Die enorme Geräuschkulisse bei den Weltmeisterschaften treibt Turner an – doch es gibt auch kritische Stimmen. Die Frage ist nun: „geile Stimmung“, „zu laut“ oder gar „nationalistisch“?

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          Dass es in den entscheidenden Momenten auf den Kopf und nicht auf den Bizeps ankommt, ist im Turnen eine Binsenweisheit. Eine Konkurrenz bei Welttitelkämpfen wird nicht entschieden, weil der eine mehr Puste hat oder der andere spontan noch einen Salto dranhängt. Die Übungen sind Abertausende Male absolviert und in der Weltspitze auch Tausende Male gelungen, im Training. Die Frage ist, ob das auch in der Wettkampfsituation gelingt.

          Cheftrainer Andreas Hirsch sprach nach dem Auftritt der deutschen Turner in der Olympiaqualifikation in Stuttgart am Sonntagabend von Übungen „mit vermeidbaren Fehlern“, die der „relativ großen Anspannung im Team in der Summe durch die Bedeutung der Weltmeisterschaft“ geschuldet seien. Drei Stürze und einige Patzer unterliefen den Turnern um den fehlerfreien Andreas Toba, den Hirsch als den „Garanten im Hintergrund“ bezeichnete.

          Heimvorteil durch das Publikum

          Toba, 29 Jahre alt, der sich souverän für das Mehrkampffinale qualifizierte, hat viel Erfahrung im Umgang mit Situationen, in denen es um alles zu gehen scheint. Der 19-jährige Karim Rida hingegen sagte, am ersten Gerät habe die enorme Geräuschkulisse in der Halle schon dazu geführt, dass seine „Aufregung gewachsen“ sei. Es gibt Turner, die das Geschehen um sich herum im Wettkampf komplett ausblenden. Solche, die eigentlich Ruhe brauchen. So forderten zum Beispiel die italienischen Turner selbst ihre lautstarke Fangruppe mit Gesten auf, still zu sein, als einer von ihnen ans Pauschenpferd ging. Anderen wiederum gelingt es, die Geräuschkulisse positiv zu nutzen, nach dem Motto: Da sind Menschen, die mich sehen wollen? Großartig! Ich werd’s euch zeigen!

          Bei diesen Turnern funktioniert das, was gemeint ist, wenn man im Fußball sagt, das Publikum sei der zwölfte Mann. Ein Moment des schwer messbaren, aber vielbeschworenen Heimvorteils. Darauf setzte auch das deutsche Team. Zwar interessierten sich für den entscheidenden Wettkampf der deutschen Männer weniger Menschen als am Vorabend für Simone Biles, und diese kreischten auch nicht ganz von allein, wenn ein Deutscher ans Gerät ging. Aber dafür hat man in Stuttgart einen Hallensprecher engagiert, der sich als Einpeitscher der Extraklasse erwies. Nach jeder deutschen Übung schrie er den Vornamen des Turners ins Mikrofon, dem Publikum blieb nach vielfacher Aufforderung nur, den Nachnamen hinterher zu schreien. War es ihm nicht laut genug, wurde die Übung gemeinsam wiederholt.

          Jede einzelne deutsche Wertung wurde in den laufenden Wettkampf geschrien, nicht ohne abermalige Aufforderung, sie zu beklatschen. Es gab Regieanweisungen im harschen Befehlston, und das deutsche Publikum gehorchte. Die englischsprachige Ko-Kommentatorin kam in dem zweieinhalbstündigen Wettkampf so gut wie nicht zu Wort. Ein einziges Mal, als es darum ging, den brasilianischen Olympiasieger Arthur Zanetti anzukündigen, gelang es ihr, den Kollegen zu unterbrechen. Im Nachhinein lobten viele die „geile Stimmung“, andere empfanden das Ganze als „zu laut“ oder „nationalistisch“. Die Frage hier ist nicht zuletzt, wann die Grenzen dessen, was gemeinhin als Sportlichkeit bezeichnet wird, überschritten sind, denn immerhin standen mit den Deutschen andere Mannschaften sowie Einzelstarter aus sieben Nationen in der Halle, für die es hier ebenfalls um die Olympiaqualifikation geht. So zogen zunächst Brasilien und Spanien mit ihren letzten Übungen im Klassement an Deutschland vorbei, genau wie später sechs weitere Teams, so dass sich die Deutschen knapp als Zwölfte für Tokio qualifizierten.

          Eine andere Frage ist, was in sportpsychologischen Untersuchungen, insbesondere zum Fußball, als Crowd-Noise-Effekt bezeichnet wird, also die Beeinflussung der Schiedsrichterleistung durch die Geräuschkulisse. Im Turnen müssen sieben Kampfrichter in abgetrennten Kabinen unter Zeitdruck die Ausführung der Übung bewerten. Für sie gilt es, die Geräuschkulisse konsequent zu ignorieren, denn letztlich ist keine Übung deshalb besser als eine andere, weil Tausende von Menschen schreien. Dass das nicht einfach ist, liegt auf der Hand. So rutschten den Juroren am Barren für Lukas Dauser, der nach sehr guter Übung seinen Abgang nicht gut in den Stand brachte, mehr Punkte heraus als zuvor für makellose Vorträge der Russen. Dafür kann Dauser nichts. Er qualifizierte sich für das Finale am Barren, Teamkollege Nick Klessing für jenes an den Ringen.

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