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Turn-WM : Duell auf Augenhöhe

  • -Aktualisiert am

Glücklich: Fabian Hambüchen freut sichüber Bronze Bild: dpa

Mit dem zweiten Platz im Mehrkampf schließt Philipp Boy bei der WM in Rotterdam zum deutschen Vorturner auf. Im Einzelfinale am Reck hat Fabian Hambüchen als Dritter knapp die Nase vorne. Aber Boy hadert nach Platz vier mit den Kampfrichtern.

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          Der tosende Applaus galt nicht Fabian Hambüchen. Zwar hatte der deutsche Kunstturner gerade seine Kür am Reck bei der Weltmeisterschaft in Rotterdam beendet, aber seine Wertung von 15.966 Punkten bedeutete den Platz hinter dem Niederländer Epke Zonderland. Das war den mehr als 8000 Zuschauern in der ausverkauften Ahoy-Arena einen Urschrei wert. Hambüchen blieb im Finale am Reck am Sonntag nur der dritte Platz. Denn er und der umjubelte Lokalmatador Zonderland wurden noch vom letzten Turner am Gerät, dem Chinesen Chenglong Zhang, eingeholt. „Ich bin überglücklich über die Bronzemedaille“, sagte Hambüchen. „Ob nun einen Platz besser oder nicht, ist mir nicht so wichtig.“

          Dramatische Auswirkungen hatte der starke Schlusspunkt des Chinesen jedoch auf Philipp Boy. Der Cottbuser verlor buchstäblich in letzter Sekunde seinen Platz auf dem Siegerpodest. Ihm blieb nur der undankbare vierte Rang. In den Katakomben der Arena, dort, wo Boy noch am Freitagabend nach dem Gewinn der Silbermedaille im Mehrkampf freudestrahlend Hof gehalten hatte, kauerte er nun untröstlich am Boden und haderte mit seinem Schicksal. „Die Wertung für den Chinesen kann ich nicht nachvollziehen“, sagte Boy. „Die Leistung war nicht grandios.“ Er kündigte noch für den Abend an, das Gespräch mit den Punktrichtern zu suchen. „Vielleicht können sie es mir ja erklären.“

          Zur Entrüstung des Perfektionisten Boy trug sicherlich auch die Enttäuschung über die eigene Fehlbarkeit bei. Denn der Zeitsoldat der Sportförderkompanie hatte seinen Abgang vom Reck nicht sauber in den Stand gebracht. Er musste einen zusätzlichen Schritt zur Rettung der Landung vornehmen. „Sonst hätte es vielleicht gereicht. So aber wusste ich, dass die Punktrichter mich nicht vor Fabi setzen würden“, sagte Boy, der noch im April bei der Europameisterschaft in Birmingham gleichauf mit Hambüchen den dritten Platz am Reck belegt hatte. Dort war ihm allerdings das gleiche Missgeschick beim Abgang unterlaufen.

          Deutsche Helden: Fabian Hambüchen freut sich über Bronze, der Mehrkampfzweite Philipp Boy (l.) ist eher unzufrieden
          Deutsche Helden: Fabian Hambüchen freut sich über Bronze, der Mehrkampfzweite Philipp Boy (l.) ist eher unzufrieden : Bild: dpa

          Chancenlos am Barren

          Auch Hambüchen hatte leise Zweifel, ob die Kür Zhangs tatsächlich so viel besser war als die der gesammelten Konkurrenz. „Der Hauptkampfrichter war Chinese, ich weiß nicht, was da im Hintergrund an Politik alles läuft“, sagte Hambüchen. Ihm war im Laufe des Wettbewerbs schnell offenbar geworden: „Am Holländer hätten sie mich sowieso nicht vorbeigelassen.“ Mit der Bronzemedaille um den Hals, der zweiten nach dem dritten Platz im Mannschafts-Mehrkampf bei dieser WM, war Hambüchen allerdings schnell wieder mit den Punktrichtern versöhnt. „Mir kann es egal sein“, sagte der Wetzlarer. Allerdings hätte er gerne Zonderland und nicht dem Favoriten Zhang den Sieg gegönnt - weiß er doch, wie es sich anfühlt, Weltmeister vor heimischem Publikum zu werden. Vor drei Jahren hatte er in Stuttgart den Titel am Reck gewinnen können.

          Hambüchen hatte überraschend ein zweites Gerätefinale erreicht. Rund eine Stunde vor dem Endkampf am Reck musste er sich am Barren der starken Konkurrenz aus Asien geschlagen geben. Seine Leistung aus der Qualifikation konnte er nicht mehr steigern. Im Gegenteil: Durch einen Standfehler reichte es nur zu Platz vier. „Das war eine gute Übung. Bis auf den kleinen Patzer am Ende“, sagte Hambüchen. So blieb ihm immerhin die direkt vor dem Finale am Reck abgehaltene Siegerehrung erspart, dem Chinesen Zhe Feng jedoch nicht. Minuten zuvor noch Weltmeister am Barren geworden, konnte Feng mit der Konkurrenz am Reck nicht mehr mithalten.

          Lust aufs Comeback im Mehrkampf

          Hambüchen verstand den Gewinn seiner zweiten Bronzemedaille im Wortsinne als Rückkehr auf das Podest. „Das war ein Befreiungsschlag, ich bin wieder zurück“, sagte der Hesse wenige Stunden vor seinem 23. Geburtstag. „Diese Medaille hat einen anderen Wert als die mit der Mannschaft.“ Schließlich war er die Titelkämpfe angeschlagen angegangen, wegen einer Fußverletzung konnte er lediglich als Teilzeitkraft antreten und musste auf den Mehrkampf verzichten. Die Rolle des Vorturners in der deutschen Auswahl musste er dem Konkurrenten Boy überlassen. Dem Brandenburger, mit dem Preis für den elegantesten Turner des Turniers ausgezeichnet, gelang es, zu Hambüchen aufzuschließen.

          Auch wenn er das direkte Aufeinandertreffen am Reck verlor. Den Mehrkampf will Hambüchen nun „so schnell wie möglich“ wieder angehen, bei der Europameisterschaft im kommenden Jahr in Berlin und der Weltmeisterschaft in Tokio. Das Feld will er dem Konkurrenten im eigenen Team künftig nicht mehr kampflos überlassen. Auch Boy wurde, nachdem er die Enttäuschung überwunden hatte, wieder kampfeslustig: „Dieses Duell zwischen Fabi und mir wird es jetzt immer geben.“

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