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Turn-WM : Tragödie am Pauschenpferd

  • -Aktualisiert am

Verkrampfter Hambüchen am Pauschenpferd: Alles andere als das Lieblingsgerät Bild: AP

Wegen der Schwäche an ihrem Angstgerät verpassen die deutschen Turner das WM-Finale und die direkte Olympia-Qualifikation. Selbstkritik ist aber nicht zu hören und auch kaum Erklärungsversuche.

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          Von einem „Super-Wettkampf“ sprach Fabian Hambüchen auch am Tag nach dem Auftritt des deutschen Teams bei der Weltmeisterschaft der Turner in Glasgow noch tapfer. Cheftrainer Andreas Hirsch ließ sich zwar entlocken, das Geschehene sei „sicherlich ärgerlich“, aber man habe doch „viele andere Probleme, die es im Vorfeld gab, gelöst“, das müsse er auch mal sagen. Er blieb denn auch ganz korrekt im Konjunktiv, wann immer es um die Olympia-Qualifikation ging.

          Gleichwohl gab es zu diesem Zeitpunkt keinen ernsthaften Zweifel mehr daran, dass das Ziel, die direkte Qualifikation des Teams für die Olympischen Spiele in Rio durch Erreichen der Top Acht, schon verpasst war. Das amerikanische Team zog im vorletzten Durchgang des Vorkampfes mit 350,332 Punkten erwartungsgemäß an der Riege vorbei und verdrängte die Deutschen aus den Top Acht.

          Eine ungünstige Auslosung

          Der Verlauf des Wettkampfes der Deutschen am Sonntag hatte einige Elemente einer klassischen Tragödie, allerdings mit gleich mehreren scheiternden Helden. Die Ausgangskonstellation war ebenso simpel wie schwierig zu bewältigen: Im Rahmen der beiden Qualifikationstage wurde Deutschland schon vor Monaten in die zweite von acht Gruppen gelost, und zwar mit dem Startgerät Ringe, was nach vorgeschriebener Reihenfolge automatisch bedeutet, dass das Pauschenpferd das letzte Gerät des Wettkampfes ist. Eine ungünstige Auslosung, denn die „Pausche“ ist, man muss fast sagen traditionell, mit Abstand das schwächste Gerät der Deutschen.

          Die Auslosung wollte außerdem, dass die Schweiz als direkter Konkurrent um die Olympia-Startplätze zusammen mit Deutschland an die Geräte ging. Erst vor zwei Wochen hatte man die Eidgenossen bei einem Länderkampf mit dem recht beachtlichen Abstand von vier Punkten besiegt. Und nach einer Wiederholung dieses Ergebnisses hatte es lange ausgesehen.

          Doch dann, das Pauschenpferd

          Die Turner um die Mehrkämpfer Fabian Hambüchen und Marcel Nguyen, der nach seinem Kreuzbandriss im vergangenen Jahr erst seit kurzem wieder alle Geräte absolviert, zeigten sich gewohnt nervenstark und sicher, der Wettkampf lief ideal.

          Auf ein hervorragendes Barrenergebnis folgte wie schon so oft der Höhepunkt am Reck. Fabian Hambüchen als Vierter und Andreas Bretschneider (Fünfter) zeigten Übungen, mit denen sie sicher am kommenden Sonntag im Gerätfinale stehen. Im Zwischenklassement bedeutete das den ersten Rang. Beim Abklatschen aller Teammitglieder nach der ebenfalls fast finalreifen Bodenübung von Hambüchen war die große Zuversicht sichtbar. Hambüchen erreichte somit auch das Mehrkampffinale am Freitag - wenn auch nur auf Platz 22.

          Große Bühne Glasgow: Auch am „Pommel Horse“ können Turner glänzen
          Große Bühne Glasgow: Auch am „Pommel Horse“ können Turner glänzen : Bild: AFP

          Doch dann, das Pauschenpferd: Gleich vier Turner, die sich bis dahin heldenhaft auf der Bühne präsentiert hatten, scheiterten. Andreas Toba und der Pauschenpferd-Spezialist Sebastian Krimmer verpatzen ihre Abgänge. Marcel Nguyen und Fabian Hambüchen misslang die komplette Übung. Ersterer blieb erst hängen, fiel dann runter und ging nur widerwillig wieder hoch, Letzterer saß eher auf dem Gerät, als in gestreckter Körperposition darum herum zu schwingen. Das Zwischenergebnis: Rang fünf, noch hinter Brasilien und der Schweiz. Später schob sich auch noch Südkorea vor Deutschland, ganz abgesehen von Japan (358,884 Punkte) und China (357,027). Auf Platz neun der Teamwertung verpassen die Deutschen mit 345,717 Punkten erstmals seit 2003 das Team-Finale einer WM und die direkte Olympia-Qualifikation um 0,449 Punkte. Für Rio wäre Platz acht nötig gewesen.

          Pech und mangelnde Puste

          Seitdem versucht die deutsche Mannschaft, das Geschehene so schön als irgend möglich zu reden. Marcel Nguyen gab sich „zufrieden“ mit dem Wettkampf, am letzten Gerät sei er halt ein bisschen müde gewesen. Fabian Hambüchen monierte, der zügige Wettkampfverlauf habe ihn geschlaucht. Und erklärte, man habe alles richtig gemacht, es habe „das Glück“ am Pferd gefehlt. Nach dem Warum des Fiaskos zu fragen sei „nur Spekulation“, erklärte Cheftrainer Andreas Hirsch.

          Pech und mangelnde Puste müssen als Begründung ausreichen. Die Puste fehlte, weil im Vorfeld eine ganze Reihe von Verletzungen die Vorbereitung behindert hatten und auch, weil das Team ja „nicht jünger werde“. Keine Spur von Selbstkritik und kaum ein Erklärungsversuch für die seit Jahren anhaltende Misere an diesem einen Gerät, das man nicht einfach abschaffen kann. Man habe bereits Experten aus Großbritannien konsultiert, aber die Ausbildung eines Turners dauere rund fünfzehn Jahre. Auf die Frage, warum denn die nachwachsenden Generationen nicht mal annähernd an das Niveau von Hambüchen und Kollegen heranreichen, schweifte Hirsch in grundsätzliche Gedanken zum Talentbegriff ab. Auf die, ob es am Geld liege, fragte er zurück: „Was ist Geld?“, und beteuerte, man habe ja jetzt in Kienbaum eine „schicke Halle“.

          Die nächste Frage wäre, für wen eigentlich, denn das Nationalteam ist momentan übersichtlich klein. Aber dazu kommt es nicht. Man darf wohl sicher sein, dass Hirsch sich über all diese Fragen Gedanken macht. Öffentlich erklärte er vorerst nur, man werde sich nun zusammensetzen und über die weitere Trainingsplanung sprechen. Die im April anstehende zweite Qualifikationsrunde in Rio war bislang nicht eingeplant.

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