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Turf : Galopper in der "Todesspirale"

  • -Aktualisiert am

Attraktion Galopprennen Bild: dpa-Sportreport

Weniger attraktive Rennen, weniger Besucher auf den Rennbahnen, weniger Wetteinsatz, also weniger Geld, das der Veranstalter investieren kann: Die Baisse verschont nicht einmal die Großen der Turf-Branche - und niemand weist den Weg aus der Krise.

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          Schwarzseher haben vor der "grünen" Saison angesichts tiefroter Zahlen Hochkonjunktur. Manch ein deutscher Veranstalter von Galopprennen weiß noch nicht einmal, ob er den Berg von offenen Rechnungen in naher Zukunft überhaupt wird abbauen können - oder ob nicht doch Insolvenz angemeldet werden sollte. Allenthalben wird die Anzahl der Renntage und damit die Anzahl der Rennen reduziert, was zu einem unheilvollen Kreislauf führt. Der ehemalige Generalsekretär des Direktoriums für Vollblutzucht und Rennen, Hans-Heinrich von Loeper, nennt es die "Todesspirale". Weniger attraktive Rennen, das bedeutet weniger Besucher auf den Rennbahnen, weniger Wetteinsatz, also weniger Geld, das der Veranstalter investieren kann. Mangelnde Beschäftigung der Pferde führt zu sinkenden Einnahmen der Besitzer, was wiederum jene abschreckt, die sich vielleicht ein Galopprennpferd hatten zulegen wollen.

          Als erster hat der Union-Klub in Hoppegarten die Zeichen erkannt und die Mieten für die Stallboxen bis zu fünfzig Prozent gesenkt, um Trainern und Besitzern das Leben zu erleichtern. "Wir wollen Trainern und Besitzern, besonders den kleinen, ein optimales und bezahlbares Training ihrer Pferde ermöglichen", begründet Union-Klub-Präsident Peter Boenisch diesen Schritt.

          Dessen ungeachtet legen die besten deutschen Galopprennpferde im Ausland mächtig Ehre für die deutsche Zucht ein. Jahr für Jahr steigern sie die Erfolgsprämien. 2003 waren es 6,6 Millionen Euro (2002: 4,2 Millionen). Dafür fehlen sie als Attraktion auf deutschen Rennbahnen. "Das ist eine Frage der Rennpreise", sagt Jochen Borchert, ehedem Landwirtschaftsminister des Bundes und jetzt Präsident des Direktoriums. Die Dotierungen in Italien, Frankreich oder England sind weitaus höher.

          Umverteilung der Wettgelder

          Im vergangenen Jahr hat der traditionsreiche Gelsenkirchener Rennverein seine Rennbahn in Horst schließen müssen. Aus und vorbei. In den vergangenen Tagen hat die Rennwiesen GmbH in Magdeburg hilfesuchend die Finger gehoben. Vor zwei Jahren wurde die Rennbahn am Herrenkrug von der großen Flut zugedeckt, seitdem ist dort kein Rennen mehr gelaufen worden. Der Kredit von 1,7 Millionen Euro kann nicht mehr bedient werden. Millionen öffentlicher Gelder waren seit 1998 in die Infrastruktur investiert worden. Vergeblich.

          Ähnlich ergeht es anderen Rennvereinen, die um Stundung bitten müssen, weil Zins und Tilgung sie schier erdrücken. Betrug im Jahr 2002 der Wetteinsatz auf allen 44 deutschen Rennbahnen noch 110,2 Millionen Euro, sank er 2003 auf 80,9 Millionen. Zu Beginn der neunziger Jahre bewegte sich dieses Niveau auf 280 Millionen Mark. Die Zahl der Rennen belief sich 2002 noch auf 2458, im Jahr 2003 gab es nur noch 2135.

          Viele Vereinspräsidenten glaubten das Übel erkannt zu haben: die neue Wette des staatlichen Lottoblocks, oddset. "Es gab eine massive Umverteilung der Wettgelder - zu Lasten des Rennsports", sagt Borchert. Die Rennvereine, wie in Niedersachsen und Hessen, wurden bei den Landesfinanzbehörden vorstellig und erhielten einen sogenannten "oddset-Ausgleich", was politische Gruppierungen umgehend monierten. Die Zuschüsse, wie in Hessen, wurden wieder halbiert. Das Argument des Rennsports: Galopprennen sind Leistungsprüfungen im staatlichen Auftrag für die spätere Zucht, woran sich der Staat zu beteiligen habe. Das tut er schon - wenn auch überschaubar - über die teilweise Rückerstattung der Rennwettsteuer.

          „Solidarische Aufgabe“

          Trotz alarmierender Zeichen in wirtschaftlich düsteren Zeiten ist Borchert nach wie vor optimistisch, "in diesem Jahr aus der Talsohle herauszukommen". Der langanhaltende Streit des Direktoriums mit den deutschen Buchmachern über die Vergütung für die Übertragung von Bild und Ton der Rennen in deren Läden hatte zu einem massiven Ausfall der sogenannten Außenwetten, der von den Buchmachern in die Totalisatoren der Rennbahnen vermittelten Einsätze, geführt.

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