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Tricks von gestern : Revolutionen und Marotten

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Ob Eierhelm, Katapultschuh oder Rotationstechnik der Speerwerfer: Viele Tricks von gestern sind im Spitzensport von heute vergessen.

          Ästhetik im Sport ist eine Frage der Gewöhnung und eine Frage der Definition. Und die Übereinkunft, welche sportliche Bewegung als schön gilt, ist stetem Wandel unterworfen. Nicht zuletzt adelt der Erfolg den Stil, den ein Athlet kreiert, oder die Marotten, die eine Sportart hervorbringt. Vor fünfzehn Jahren ist der Schwede Jan Boklöv noch als "Froschkönig" belacht worden, als er mit zu einem "V" geöffneten Ski von den Schanzen hüpfte. Inzwischen spricht niemand mehr abfällig vom "Froschstil", sondern respektvoll vom "V-Stil". Und da sogar wissenschaftliche Untersuchungen die neue Art zu fliegen als am effizientesten untermauerten, entschieden die Skisprung-Funktionäre 1993, das V nicht länger mit schlechten Haltungsnoten zu bestrafen. Seither kommt kein Skispringer ohne das V aus, und die Stimmen, die den V-Stil als unästhetisch bezeichneten, sind längst verstummt. Belächelt werden nun die Bilder vom zuvor üblichen "Fischstil", bei dem die Ski parallel geführt und die Arme, wie auch heute noch, flossenähnlich dicht am Körper gehalten wurden.

          Rückwärts über die Latte
          Einschneidender noch als Jan Boklövs V-Stil wirkte der Flop, mit dem Dick Fosbury die Entwicklung im Hochsprung revolutionierte. Abweichend von allen bisherigen Methoden, die Latte zu überwinden, vom Schersprung über den Western Roller und Tauchwälzer bis hin zum als optimal gefeierten Straddle, sprang der Amerikaner mit dem Rücken zur Latte gekehrt ab. Was anfangs noch mit Staunen und Lachen als ein neues Stück für das Raritätenkabinett quittiert wurde, avancierte 1968 bei den Olympischen Spielen von Mexiko zur Erfolgsstory. Mit seinem Olympiasieg von 2,24 Metern leitete Fosbury den beispiellosen Triumphzug des Flops ein. Und spätestens als die sechzehnjährige Ulrike Meyfarth 1972 in München mit dem Fosbury-Flop Gold gewann, war der neue Flugstil nicht mehr aufzuhalten.
          Der Erfolg des Flops war aber nur möglich, weil die Sportfunktionäre den Rückwärtssprung als regelgerecht zuließen. Das war nicht selbstverständlich. Denn zum Beispiel hatten sie Sprünge mit dem Kopf voran verboten. Wie übrigens auch den Saltoweitsprung, mit dem der Kornwestheimer Lehrer Bernd Stierle 1974 immerhin die Weite von 7,42 Metern erreichte. Auch wurden technische Hilfsmittel wie der sogenannte Katapultschuh nicht dauerhaft geduldet. Dieser Schuh wurde am Sprungbein getragen und hatte eine keilförmige, nach vorn bis auf fünf Zentimeter anwachsende Stärke der Sohle. Der Sowjetrusse Juri Stepanow überquerte 1957 mit dem Katapultschuh 2,16 Meter und entführte so den Hochsprung-Weltrekord zum ersten Mal aus Amerika nach Europa. 1958 war die Karriere des Katapultschuhs, den auch die Deutschen Theo Püll und Peter Riebensam benutzten, schon beendet. Die Sohle des Sprungschuhs durfte von da an nur noch einen halben Inch, 12,7 Millimeter, dick sein.

          Kamprichter leben gefährlich


          Aus dem Rahmen fiel auch die Drehtechnik im Speerwerfen, die von den Spaniern Felix Erausquin und Miguel Salcedo in Anlehnung an ein baskisches Ballspiel propagiert wurde. Sie rotierten dabei mit dem Speer um die eigene Körperachse und sollen das Wurfgerät im Training an die 100 Meter weit geworfen haben. Verbrieft ist im Wettkampf Salcedos Weite von 83,43 Metern, was nahe an den Weltrekord des Polen Janusz Sidlo von 83,66 Metern herankam. Doch da der Speer schon einmal in nicht beabsichtigte Richtungen abdriftete, lebten Kampfrichter und Zuschauer gefährlich. Außerdem waren die Stadien für solche Weiten nicht groß genug. Gründe genug, die Drehtechnik bald wieder zu untersagen.
          Manchmal geht es in erster Linie darum, den Charakter einer Sportart zu bewahren. So in den siebziger Jahren, als der Vilsbiburger Schläger, der doppelt besaitet war, mit merkwürdigen Dralleffekten die Schönheit des Tennisspiels beschädigte und nebenbei die Gefahr des Tennisarms barg. Der Internationale Tennisverband sah sich 1978 genötigt, seine Regeln so zu modifizieren, daß nur noch eine einfache Bespannung möglich und damit die Karriere der "Fliegenklatsche" aus Niederbayern beendet war.
          Ähnliche Absonderlichkeiten sind im Tischtennis weiter an der Tagesordnung. Denn wie anders ist die Gepflogenheit zu bezeichnen, daß Spitzenspieler das Holz ihrer Schläger vor dem Wettkampf mit einer Schicht Kleber und den Schwammbelag mit zwei bis vier Schichten Kleber bestreichen. Die Gase des Klebers dringen in den Schwamm ein, blähen ihn auf und erzielen beim Spiel einen vorteilhaften Katapulteffekt. Dabei nehmen die Aktiven gesundheitliche Risiken in Kauf, auch wenn der Internationale Tischtennis-Verband mit einer Liste von weniger schädlichen Klebern versucht, Schädigungen zu minimieren und die richtige Handhabe sogar stichprobenartig kontrolliert. Fünfzig Beläge verschleißen die Spitzenspieler pro Saison, die den Vorzug genießen, daß ihnen die Firmen das Material stellen. Wer nicht zur Elite der dreißig, vierzig Besten im Lande zählt, muß dagegen richtig Geld in die Hand nehmen. Denn ein Belag kostet pro Schlägerseite mittlerweile rund 30 Euro.


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