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Triathlon : „Ich habe mir selbst das Herz rausgerissen“

Nina Kraft beging den wohl größten Fehler ihres Lebens Bild: dpa

Nina Kraft steht nach ihrem Doping-Geständnis vor einem Scherbenhaufen. Doch auch der Triathlon steht vor ungelösten Fragen. Einheitliche Tests gibt es auf der olympischen Kurzstrecke, nicht aber auf der Ironman-Distanz.

          Der Fall Nina Kraft hat weitreichende Folgen. Nicht nur die des Dopings überführte Triathletin steht vor einem Scherbenhaufen. Auch die Sportart selbst und die verantwortlichen Verbände stehen vor bislang ungelösten Fragen. Warum gibt es einheitliche Dopingtests auf der olympischen Kurzstrecke, nicht aber auf der prestigeträchtigen Ironman-Distanz?

          Roland Augustin, der Geschäftsführer der Nationalen Anti-Doping-Agentur (Nada), spricht gegenüber der Frankfurter Allgemeinen Zeitung im Dopingfall Nina Kraft von einer "Grauzone, in der sich die reinen Profi-Triathleten befinden, die nicht in einem olympiabezogenen Kader erfaßt sind". Die von der Nada mit den jeweiligen Sportfachverbänden getroffenen Dopingvereinbarungen würden deshalb auch nicht für diesen Kreis von Profi-Triathleten Anwendung finden. Rolf Ebeling, Sportdirektor der Deutschen Triathlon-Union (DTU), fordert: "Es darf nicht noch mehr Schatten auf unsere Sportart fallen. Die Athleten müssen spätestens jetzt Verantwortung zeigen. Sie müssen zu freiwilligen Tests bereit sein, um jeglichen Zweifel von vornherein auszuräumen."

          „Ich bin die Schuldige"

          Am Donnerstag nachmittag hat die Triathletin Nina Kraft gegenüber dem Hessischen Rundfunk im ersten Interview nach dem positiven Dopingbefund ihre Schuld eingestanden. "Ja, ich habe Epo von jemandem bekommen, ich habe es genommen, ich bin die Schuldige", sagte sie. "Drei Wochen vor Hawaii habe ich mit der Epo-Kur angefangen, fünf Tage vorher habe ich es abgesetzt." Nach der Beteuerung "es tut mir alles sehr leid" blickte sie zurück auf das Jahr 2003, in dem sie auf Hawaii nach einer Zeitstrafe Zweite hinter der Schweizerin Natascha Badmann geworden war. "2003 fühlte ich mich, als hätte man mir das Herz rausgerissen. Im letzten Jahr hätte ich ohne Zeitstrafe gewonnen. Ich wollte aufhören. Aber jetzt habe ich mir selbst das Herz rausgerissen."

          Die Profi-Triathletin stellte fest: "Das Ganze ist von mir naiv. Aber ich kann den Fehler nicht mehr rückgängig machen." Angeblich habe sie sich wegen des Betrugs bereits während des Wettbewerbs, den sie als Erste vor der Schweizerin beendete, nicht wohl in ihrer Haut gefühlt. "Ich habe mich schon nach dem Sieg geschämt. Der Erfolg war nicht so schön wie in Frankfurt." Den Ironman am Main hatte sie zuvor ebenfalls gewonnen, angeblich ohne verbotene Hilfsmittel. Ihre Karriere sieht die 35 Jahre alte Braunschweigerin nun als beendet an: "Ich muß jetzt abtrainieren, ich habe ja alle Zeit der Welt."

          Belgier durfte trotz positiver Probe starten

          Seit 1999 geht die gelernte Technische Zeichnerin Nina Kraft ihrer sportlichen Leidenschaft Ironman professionell nach. Siege bei der globalen Ironman-Serie in Südafrika und Frankfurt sowie zweite und dritte Plätze in Kailua-Kona haben sie schnell an die Spitze katapultiert. Nur der letzte Schritt zum großen Ruhm, der Erfolg beim Mythos auf Hawaii, fehlte ihr. Bis zur Vollmondzeit in diesem Oktober.

          Doping im Triathlon, Doping vor allem auf der Ironman-Distanz: Das ist schon länger im Gerede. Auch Rutger Beke, einer der ambitionierten Langstreckenathleten aus Belgien, ist am 1. September bei einem Wettkampf in Knokke sowohl in der A- als auch in der B-Probe positiv auf die Einnahme von Epo getestet worden. Trotzdem wurde er vom belgischen Verband entgegen der bestehenden Regularien nicht für zwei Jahre gesperrt, sondern durfte im Oktober auf Hawaii starten. Beke wurde Fünfter. Im Vorjahr noch hatte er als "Rookie", als Debütant, sogar mit Platz zwei geglänzt.

          "Sie ist sich gar nicht bewußt, was sie anrichtet"

          Es gibt schon seit Jahren Dopingkontrollen im Triathlon. Doch mit welchem Ernst werden sie betrieben? Und auf welche Mittel wird getestet? Kurt Denk, Veranstalter des deutschen Hawaii-Qualifikationsrennen Opel Ironman Germany, sagt gegenüber der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, "daß ich jährlich einen hohen fünfstelligen Betrag für Dopingkontrollen und Kampfrichter zahlen muß". Ob aber nach Epo, Testosteron oder anderen Mitteln gesucht wird - Denk weiß es nicht und erfährt es auch auf Nachfrage bei der DTU nicht; aus "juristischen Gründen", wie er sagt. Seine Empfehlung an den Verband: "Macht es wie in Athen. A-Probe, B-Probe, und raus damit."

          Nina Kraft ist der bei weitem prominenteste Dopingfall, der den Triathlon in Verruf bringt. "Sie ist sich gar nicht bewußt, was sie anrichtet", sagt der erzürnte Normann Stadler. Auch Stadler hatte in Hawaii triumphiert, allerdings ohne Zuhilfenahme unerlaubter Mittel, soweit es ein negatives Testergebnis belegt. "Nina Kraft hat dem Triathlonsport weltweit schweren Schaden zugefügt. Sie hat Menschen geschädigt, die an sie glaubten," sagt er. Stadler plädiert dafür, daß der Beitritt in den "Sonderkader Trainingskontrollen" der DTU, "dem ich am 26. Februar 2003 freiwillig eingetreten bin", für alle Ironman-Athleten Pflicht werden sollte. "Denn als sauberer Athlet möchte ich mich nicht über die schwarzen Schafe im Sport auslassen müssen."

          Vor dem Abflug nach Hawaii hatte Nina Kraft, auf das Thema Doping angesprochen, gesagt, daß es "sicherlich ein paar schwarze Schafe gibt. Aber im Triathlon gibt es nicht so viel Geld zu verdienen, als daß die Athleten zu Dopingmitteln greifen würden. Das ist anders als im Radsport oder in der Leichtathletik. Ich glaube an das Gute, daran, daß im Triathlon nicht gedopt wird. Sonst könnte ich doch aufhören, oder?" Jetzt steht Nina Kraft wirklich vor dem Ende ihrer Karriere. Weil sie das denkbar Schlechteste getan hat.

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