https://www.faz.net/-gtl-8iz2b

Ironman in Frankfurt : Triathlet Kienle klopft an die „Himmelspforte“

Vollkommen erschöpft: Sebastian Kienle nach dem Zieleinlauf Bild: Marcus Kaufhold

Badisches Duell mitten in Frankfurt: Beim Ironman in der Bankenmetropole hält Sebastian Kienle seinen Konkurrenten Andreas Böcherer auf Distanz – und zahlt dafür am Ende beinahe einen hohen Preis.

          3 Min.

          Respekt und Demut sind Tugenden, die Sebastian Kienle besonders schätzt. Auch deshalb hielt sich der Favorit der Ironman-Europameisterschaft vorab mit markigen Sprüchen zurück. „Es gibt keine Schlagzeile von mir. Denn ich weiß: Bei einem Ironman kann bis zum Schluss wirklich alles passieren.“ Zum Beispiel dies: Dass ihn sein badischer Landsmann und härtester Widersacher Andreas Böcherer noch auf den letzten Metern einholt.

          Am Sonntag, bei der 15. Auflage des zweitwichtigsten Langstreckenrennens der Welt, musste sich Kienle zweimal umdrehen und nach dem heraneilenden Böcherer Ausschau halten, um das Gefühl auskosten zu dürfen, als Erster in den Zielkanal auf dem Frankfurter Römerberg einzubiegen. Lubos Bilek, Manager beider Sportler, hatte sich zwar erhofft, „dass beide in einem Zielsprint um den Sieg kämpfen. Das wäre perfekt.“ Doch diesen Gefallen taten die beiden herausragenden Athleten dieser EM ihrem Trainer nicht.

          Von den Strapazen gezeichnet

          Am Ende war es der Champion von 2014, der auch 2016 triumphierte, sich aber eingestehen musste, „dass die letzten vier, fünf Kilometer nicht so schön gewesen sind. Ich hatte das Gefühl, dass ich gerade an die Himmelspforte geklopft habe“, sagte der 31 Jahre alte Knittlinger Kienle, sichtlich erschöpft und gezeichnet von den Strapazen eines sportlichen Tages, der nicht einmal acht Stunden dauerte und nach 7:52:43 Stunden zu Ende war.

          „Mein Kopf war komplett leer“, sagte Kienle. „Am Ende war mein Lauf nicht mehr kontrolliert.“ Kontrolliert, fokussiert war die Aufholjagd, zu der sich Böcherer aufgemacht hatte. „Doch Sebi ist ein Fuchs. Immer wieder, als ich scheinbar herangekommen bin, hat er Zeit draufgepackt“, sagte Böcherer. Als er nach 7:53:40 Stunden den Zielstrich passierte, strahlte er trotzdem ohne Unterlass. „Ich bin super zufrieden. Dieser Ironman Baden gegen Baden hat brutal viel Spaß gemacht.“ Zweiter in Frankfurt: So gut ist der 33 Jahre alte Böcherer noch nie gewesen. Dabei hatten Kenner der Szene spätestens 2011 aufgehorcht, als Böcherer in Wiesbaden Europameister über die 70.3 genannte Mitteldistanz wurde. 2015 kam er hinter Jan Frodeno und Kienle auf Platz drei in Frankfurt – und dank des famosen Auftritts 2016 ist der letztjährige Zwanzigste des Ironman Hawaii auch ein ernstzunehmender Kandidat für eine Top-Ten-Plazierung beim Klassiker auf Big Island.

          Ein Start-Ziel-Sieg für den Favoriten Kienle wurde es nicht, weil der 31 Jahre alte Triathlonprofi bis Kilometer 104 auf der Radstrecke warten musste, um erstmals das Klassement anzuführen. Trotzdem: Kienle und Frodeno stehen für Gegenwart und Zukunft des Ironman. Kienle gewann 2014 in Frankfurt und auf Hawaii, Frodeno setzte 2015 zum Doppelcoup am Main und im Pazifik an. 2016 war Kienle wieder an der Reihe, das Frankfurter Rennen für sich zu entscheiden, weil es Frodeno vorzieht, in zwei Wochen beim Challenge-Rennen in Roth die Weltbestzeit von Andreas Raelert (7:41:33 Stunden) zu unterbieten.

          Der Frankfurter Ironman ist zumeist eine Sache für die starken Deutschen gewesen, die elf der fünfzehn Rennen gewinnen konnten. Wobei Kienle sehr wohl um die mentale Herausforderung weiß, in weniger als acht Stunden 3,8 Kilometer zu schwimmen, 180 Kilometer Rad zu fahren und zum großen Finale noch einen Marathonlauf von 42,195 Kilometern zu absolvieren. „Bei Kilometer 30 bekommst du gute Einblicke in deine Seele“, sagte Kienle. „Dieser Kilometer 30 kann aber auch schon mal bei Kilometer 20 kommen.“

          Nicht am Sonntag. Nicht an dem Tag, an dem weitaus weniger Zuschauer als sonst die einzelnen Streckenabschnitte säumten und zur Mittagszeit Regen einsetzte. Gut für die Athleten, die in Frankfurt schon so manche Hitzeschlacht meistern mussten. „Bei einem Ironman zählen die Kilometer, die die Beine schon gesehen haben“, sagte Kienle.

          Die Beine der Mitteldistanzspezialistin Natascha Schmitt sind auf der Ironmanstrecke noch nicht über Gebühr strapaziert worden. Trotzdem zeigte die 30 Jahre alte Frankfurterin, die lange in Führung lag, ihre beste Vorstellung und belohnte sich immerhin mit Rang vier, nachdem sie im Marathon den vorherigen Leistungen Tribut zollen musste. Die australische Siegerin Melissa Hauschildt (9:01:17) und die zweitplazierte Hallenserin Katja Konschak (9:09:58) profitierten ebenso wie die Darmstädterin Daniela Sämmler (9:13:23) vom Ausstieg der Titelverteidigerin und Hawaii-Ersten Daniela Ryf, die mit Schüttelfrost früh bei Kilometer 30 vom Rad stieg.

          Unbenanntes Dokument

          Die neue digitale Zeitung F.A.Z. PLUS

          Die ganze F.A.Z. in völlig neuer Form, mit zusätzlichen Bildern, Videos, Grafiken, optimiert für Smartphone und Tablet. Jetzt gratis testen.

          Kienle und Böcherer haben sich durchgekämpft. Für Böcherer hat der zweite Platz besonderen Wert. Vor zwei Jahren, am 25. April 2014, stieß er während eines Trainingaufenthalts auf der Karibikinsel St. Lucia mit einem Auto zusammen. Der Freiburger zog sich derart schwere Verletzungen an Körper und Kopf zu, dass er sich an den schlimmen Unfall nicht mehr erinnern kann. Dafür wird die Erinnerung an den jüngsten Coup und dieses spezielle Ironman-Duell Baden gegen Baden präsent bleiben.

          Weitere Themen

          Legende  mit Buckel

          Welterfolg des Jumbojets : Legende mit Buckel

          Vor 50 Jahren stellte Pan Am die erste Boeing 747 in Dienst. Es wurde ein Welterfolg. Erst der Jumbojet ermöglichte vielen Menschen das Fliegen. Fast sechs Milliarden Menschen sind inzwischen mit der 747 abgehoben.

          Topmeldungen

          Regionalwahl in Italien : Salvini und die Sardinen

          In der Emilia-Romagna und Kalabrien wird an diesem Sonntag gewählt, und es geht auch um die Macht in Rom. Die Regierung in Italien ist angezählt. Nur eine neue Protestbewegung steht der rechten Lega noch im Weg.
          Kim Jong-un (Mitte) mit seiner Frau Ri Sol-ju – und Kim Kyong-hui rechts daneben am Samstag im Pjöngjanger Samjiyon-Theater

          Kim Jong-uns Tante : Sie ist wieder da

          2013 ließ Nordkoreas Regime den mächtigen Politiker Jang Song-thaek hinrichten – seine Witwe wurde danach öffentlich nicht mehr gesehen. Nun taucht sie wieder auf, direkt neben Machthaber Kim Jong-un.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.