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Trainingswissenschaft : Stabhochsprung im Schlaf

  • -Aktualisiert am

Sportlertraum: In Heidelberg wird im Schlaf trainiert Bild: Schenck

In einem Heidelberger Labor versuchen Sportler, durch „Klarträume“ ihre motorische Leistung zu steigern. Kritiker halten die Schlummer-Übung für esoterisch, Forscher sehen darin eine Trainingsmethode mit Zukunft.

          5 Min.

          Es ist 6 Uhr 58, als Sandro de Boni mit dem Training beginnt. Sein Betreuer Marcel Richter hat die ganze Nacht nicht geschlafen. De Boni ist ein stämmiger, untersetzter Turner, er grätscht die Beine, schließt sie wieder, macht eine Rolle vorwärts, dann Strecksprung, halbe Drehung. Schon nach wenigen Minuten hat Richter genug gesehen. Er weckt de Boni, denn die Trainingseinheit hat nur im Schlaf stattgefunden. Ließe Richter sie weiterlaufen, würde er riskieren, dass sich sein Proband schon bald an nichts mehr erinnert. Dann wäre eine ganze Nacht im Schlaflabor wertlos gewesen.

          Es ist bereits die zwölfte Nacht in diesem Monat, in der Richter nicht schlafen darf. Für seine Abschlussarbeit an der Universität Heidelberg sucht er Methoden, die Sportlern verlässlich sogenannte Klarträume ermöglichen. Viermal hat er in dieser Nacht versucht, mit einem Tonsignal in Sandro de Bonis träumendes Unterbewusstsein vorzustoßen, doch immer hat er ihn damit geweckt. Kurz bevor er am Morgen das Experiment abbrechen will, stellt sich doch noch Erfolg ein: De Boni vernimmt das Signal. Er schlummert zwar weiter, doch jetzt wird ihm bewusst, dass er träumt. Er kann die Kontrolle über sein Handeln übernehmen.

          Genau diese Kontrolle will Daniel Erlacher nutzen, damit Athleten im Schlaf motorische Abläufe üben. Der Sportwissenschaftler, der sich nach einem Gastspiel im Schlaflabor der amerikanischen Elite-Universität Stanford der Schlafforschung verschrieb, ist Marcel Richters Betreuer. Bei einer Umfrage unter 840 Spitzensportlern fand er 44, die Klarträume für ihr Training nutzen - quer durch alle Sportarten, von Basketball und Leichtathletik bis zu Eiskunstlauf, Skispringen und Fußball. Mehr als die Hälfte hatten schon einmal einen Klartraum erlebt, immerhin ein Viertel gab an, mindestens ein Mal pro Monat diesen Zustand zu erreichen. Potential genug für eine Trainingsmethode mit Zukunft?

          Klartraumkurve: Die roten Zacken stehen für Augenbewegungen
          Klartraumkurve: Die roten Zacken stehen für Augenbewegungen : Bild: Schenck

          Michael Schredl verspricht sich viel davon. Er leitet das Schlaflabor am Zentralinstitut für Seelische Gesundheit der Universität Mannheim. „Therapeuten setzen Klarträume schon lange ein, um ihre Patienten auf öffentliche Auftritte vorzubereiten oder damit sie in Albträumen ihre Ängste konfrontieren“, sagt er. Warum sollten sie nicht auch Sportlern helfen? „Schon ein Klartraum pro Woche könnte die Technik entscheidend voranbringen“, schätzt Schredl.

          Trainingsvideo im Traum

          Für einen Zuwachs an Muskelmasse müssen Athleten auch in Zukunft Gewichte stemmen. Doch im Training ohne Schwerkraft und Zeit lassen sich komplexe Bewegungsabläufe - ein Stabhochsprung etwa oder eine schwierige Turnübung - beliebig ausdehnen. Die meisten Athleten, die Erlacher befragte, nutzen luzide Träume, um ihre Technik zu verfeinern. Sie perfektionieren das Zusammenspiel ihrer Muskeln bei schwierigen Bewegungen - häufig solchen, die im Wachzustand noch viel zu riskant wären. Manche spulen ihren Traum wie ein Trainingsvideo so oft zurück, bis sie zufrieden sind. Andere verwenden Zeitlupen oder saugen die Atmosphäre eines voll besetzten Stadions auf. Fast alle fühlen sich am Morgen beschwingt. „Überall, wo mentales Training greift, kann auch dieses Training im Traum funktionieren“, sagt Erlacher. Vorausgesetzt, die Klarträume stellen sich regelmäßig ein.

          Im Keller des Heidelberger Sportinstituts gehen nach und nach die Lichter aus. Marcel Richter macht wieder die Nacht zum Tag. Damit sein Proband Sandro de Boni heute erstmals einen Klartraum erlebt, schickt ihn der junge Forscher abends zwei Stunden lang auf ein „Balance Board“ der Spielekonsole Wii. Immer wieder spielt er ihm dabei über Lautsprecher eine Stimme zu, die unterstellt: „Du träumst doch!“ Dann muss de Boni vom Balancierbrett steigen und einen Realitätstest machen. Dazu hält er sich fest die Nase zu und prüft, ob er trotzdem einatmen kann. Er könnte auch auf seine Hand blicken und versuchen, sechs Finger zu zählen. „Gelingt ihm das, weiß er, dass er träumt“, erläutert Richter. De Boni spielt so lange auf dem Gerät, bis ihm die Frage in Fleisch und Blut übergeht. Denn er soll auch im Traum sofort einen Realitätstest machen, wenn ihm der junge Forscher das Stimmsignal aufs Ohr spielt.

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