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Nachfolger von Sigurdsson : Warum die Handballer um „CCCP“ buhlen

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Christian Prokop ist derzeit noch in Leipzig, könnte aber schon bald Bundestrainer sein. Bild: dpa

Bundestrainer Sigurdsson verlässt die deutschen Handballer. Bei der Suche nach einem Nachfolger ist ein junger Aufsteiger in der Rolle des Favoriten. Es gibt Gründe, warum er so begehrt ist.

          Christian Prokop ist derzeit ein gefragter Mann. Kürzlich durfte er sich in seiner Heimatstadt Köthen sogar im Rathaus ins Goldene Buch eintragen. Statt im Sportsweater sah man ihn im blauen Hemd, die blonden Haare zerzaust wie üblich. Den Werdegang des 37 Jahre alten Sohns der Stadt hat man hier genau verfolgt: Aufstieg mit dem SC DHfK Leipzig in die Handball-Bundesliga, da prompt Platz elf, Trainer des Jahres. Die Liste von Prokops Gelingen ließe sich fortführten. Es könnten demnächst noch weitere Karrieresprünge bevorstehen, auf die internationale Bühne womöglich. Nur mit wem, ob mit den Leipzigern oder gar im Nationalteam, ist zurzeit unklar.

          Die Sachsen machen es zurzeit den Gegnern schwer: Sie halten in der Liga gut mit, trotz eines Kleinstetats von geschätzten 3,5 Millionen Euro. Nach sieben Siegen aus elf Spielen, dem jüngsten mit 21:19 am vergangenen Sonntag gegen Aufsteiger GWD Minden, steht man auf Platz fünf der Tabelle. Trainer Prokop ist die entscheidende Figur dieser Entwicklung. Es ist seine vierte Spielzeit in Leipzig, er hat dem Team seinen Stempel aufgedrückt. Auch wenn er selbst sich nie so in den Vordergrund rücken würde. Er benennt lieber Teamleistung und die Unberechenbarkeit eines ausgeglichenen Kaders als ausschlaggebend. Doch auf dem Parkett erkennt man seine Handschrift – vor allem in der Akribie, mit der das Team zu Werke geht.

          Beim Blick auf die Zahlen dieser Saison fällt vor allem die Abwehr auf: Der Wert von nur 24 Gegentoren pro Spiel im Schnitt ist spitze. Damit können die Leipziger sogar mit den Topteams mithalten. Auf die bewegliche Deckung um Bastian Roschek und Maximilian Janke, plus zwei konstant starke Torhüter, war bislang Verlass. Doch Chef-Coach Christian Prokop, den sie in Leipzig in scherzhafter Anlehnung an den Russisch-Unterricht früherer Tage nur „CCCP“ (so wurde in kyrillischer Schrift die Sowjetunion abgekürzt) nennen, mag die Momentaufnahme nicht blenden: Europapokal ist (noch) kein Thema. „Das Ziel lautet nach wie vor, sich in dieser Liga zu etablieren“, betonte Prokop jüngst in einem Interview auf der Internetseite des Vereins.

          Und Leipzig baut weiter an der Zukunft: Schon früh in der Saison verkündeten die Sachsen die ersten Vertragsverlängerungen, darunter die des jungen Kapitäns, Lukas Binder. Auch Prokop verlängerte bis 2021. Mancher Spieler blieb sicher seinetwegen. Er gilt als Taktikfuchs und akribischer Arbeiter – geerdet, aber auch ehrgeizig. Und so verkündete Prokop bei seiner Unterschrift vor kaum vier Wochen: „Wir sind in Leipzig noch nicht am Ende unserer Entwicklung.“ Die Argumente hätten ihn überzeugt: Sie wollten hier gemeinsam Großes wagen.

          „Jetzt wissen alle Bescheid“: Bundestrainer Dagur Sigurdsson verlässt das Handball-Nationalteam.

          Handball und der DHfK sollen in der Stadt wieder größer werden, so wie zu Meisterschafts- und Europapokalsiegerzeiten eines legendären Paul Tiedemann in der DDR. Der Zuschauerschnitt liegt bislang bei 3600. In die Arena passt fast das Doppelte. „Langfristig wäre es natürlich ein Traum, irgendwann internationalen Handball in Leipzig zu erleben“, sagte Prokop. Doch das war alles vor der Anfrage vor einiger Zeit, ob er im Falle dessen Abschieds nicht Nachfolger von Europameister-Macher Dagur Sigurdsson werden wolle. Nun ist die Entscheidung gefallen. Der Isländer verlässt das Nationalteam. Und Prokop ist wohl der Favorit auf die Nachfolge.

          Der Weggang Prokops wäre für Leipzigs Ambitionen nur schwer zu verkraften. Auch er persönlich scheint zu hadern. „Eine Entscheidung gegen Leipzig würde sehr wehtun“, sagte der Trainer. Neben dem Sportlichen hat er hier auch Familie. „Aber es ist das höchste Amt im deutschen Handball. Dass ich mich damit beschäftige, ist nur menschlich.“ Der studierte Sportlehrer wird unter Kollegen geschätzt für sein Vertrauen zu deutschen Talenten, das käme ihm im Nationalteam entgegen.

          Auch seine Tugenden Realismus und Demut sind vielleicht genau das, was die deutschen Handballmänner nach EM-Titel und Olympia-Bronze brauchten, um sich weiterzuentwickeln – und auf dem Boden zu bleiben. Doch sein Langzeitkontrakt hat keine Ausstiegsklausel. DHB-Vizepräsident Bob Hanning müsste wohl tief in die Tasche greifen, wenn er Prokop von Leipzig loseisen will. Offiziell gebe es beim SC DHfK bislang keine Anfrage, sagte Klub-Geschäftsführer Karsten Günther, geschweige denn ein Angebot.

          Doch das dürfte sich nach Sigurdssons Entscheidung ändern. Er werde die Gespräche mit Leipzig „jetzt natürlich wieder aufnehmen“, sagte Hanning am Dienstag dem TV-Sender Sky. „Wir werden uns mit den Verantwortlichen in Leipzig in den nächsten Wochen zusammensetzen und gucken, ob wir hier eine einvernehmliche, freundschaftliche Lösung erreichen.“ Günther gibt sich nach außen hin gelassen. „Wir warten erst mal ab und kämpfen weiter um den Trainer“, sagte Leipzigs Geschäftsführer Karsten Günther der „Leipziger Volkszeitung“.

          Sein größter Erfolg: Sigurdsson (rechts) wird mit Deutschland Handball-Europameister 2016.

          Hanning hatte bereits in der vergangenen Woche mit Prokop gesprochen, der Interesse an dem Bundestrainer-Job bekundete. „Aber wir werden sicherlich nicht nur auf dieses Pferd setzen, sondern auch mal gucken, welche guten Alternativen es für den deutschen Handball gibt, sofern man sich da nicht mit Leipzig einigen könnte“, sagte Hanning. Auch Dänemarks scheidender Nationaltrainer Gudmundur Gudmundsson und der Trainer des TVB Stuttgart, Markus Baur, gelten als Kandidaten.

          Mit der Ruhe in Leipzig ist es ohnehin längst vorbei: Kaum kamen die ersten Gerüchte um Prokop auf, bekam das Team bei den Füchsen Berlin deutlich die Grenzen aufgezeigt. Freilich kann das gegen ein Topteam passieren. Doch der Auftritt der Leipziger erinnerte kaum noch an die mutigen Darbietungen vergangener Wochen, in denen man im Pokal die HSG Wetzlar das Fürchten lehrte und in der Liga die Rhein-Neckar Löwen nur knapp einer Niederlage entgingen. Auch gegen die Mindener musste am Sonntag hart gekämpft werden. Die Begehrlichkeiten um Prokop mögen für die Sachsen eine Ehre sein. Sportlich ist das eine andere Sache.

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