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Trabrennsport-Legende Wewering : „Im Sulky fühle ich mich wie zwanzig“

  • -Aktualisiert am

Der Mann mit dem Goldhelm: Heinz Wewering Bild: Picture-Alliance

Auch nach 17.000 Siegen ist sein Ehrgeiz ungebrochen: Der 70 Jahre alte Heinz Wewering über die Balance zwischen eigenem Wetteifer und den Bedürfnissen der Pferde.

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          Beim Derby-Meeting in Berlin-Mariendorf gehören Sie wieder zu den Favoriten, obwohl Sie 70 Jahre alt sind. Ihr jüngster Konkurrent, der Niederländer Marciano Hauber, ist 17. Fühlen Sie sich nicht manchmal wie der Dinosaurier unter den Trabrennfahrern? Und denken Sie nie ans Aufhören?

          Damit habe ich mich noch nicht beschäftigt. Natürlich werde ich älter. Aber wenn ich in den Sulky steige, fühle ich mich wie zwanzig. Ich bin es einfach mein Leben lang so gewohnt – alles ist so, wie es schon früher war. Stopp – eines hat sich doch verändert. Als junger Mann habe ich schon viele Tage vor einem wichtigen Rennen pausenlos darüber nachgedacht und alle möglichen Eventualfälle durchgespielt. Das tue ich heute nicht mehr und entscheide stattdessen spontan, was im Rennen zu tun ist. Ich profitiere dabei von der Erfahrung. Und solange das gut klappt und ich mich körperlich und geistig wohl fühle, werde ich weitermachen.

          Ihre wachsende Erfolgsbilanz gleicht einem Uhrwerk, das beharrlich tickt. Wird es nach fast 17.000 Siegen nicht langweilig, als Erster über die Ziellinie zu fahren?

          Nein, keinesfalls. Ich war schon immer sehr ehrgeizig, und ich brauche diese innere Spannung, die mich antreibt. Sie ist so wichtig für mich wie die Luft zum Atmen. Aber ein Trabrennfahrer muss mit den eigenen Ambitionen recht vorsichtig umgehen. Denn er darf seinen persönlichen Wetteifer nicht gedankenlos auf die Pferde übertragen und sie zu Leistungen zwingen, zu denen sie nicht bereit sind. Der Schuss geht dann nach hinten los. Klar – ich liebe die Geschwindigkeit. Aber mein Pferd muss sie auch wollen. Nur so entsteht ein gleichberechtigtes Verhältnis, und das ist die Basis für den Erfolg.

          Sie waren 29 Mal deutscher Meister und haben für jeden Titelgewinn einen mit Blattgold belegten Sturzhelm erhalten, den nur Sie im Rennen tragen durften. Das wurde zu Ihrem Markenzeichen – die Fans bezeichnen Sie als den Goldhelm.

          Das ehrt mich natürlich, zumal ich ja nicht der amtierende Champion bin, sondern die aktuelle Rangliste von Michael Nimczyk aus Willich angeführt wird. Aber ich mag es, wenn mich die Zuschauer einfach nur Heinz nennen. Das klingt so vertraut, und ich habe sowieso immer die Nähe zum Publikum gesucht.

          Obwohl Ihr korrekter Vorname ja eigentlich Heinrich lautet, was nur ganz wenige wissen. In den Glanzzeiten des Trabrennsports waren Sie vor allem im Ruhrgebiet bekannt wie ein bunter Hund und konnten nicht auf die Straße gehen, ohne angesprochen zu werden. Aber als Heinrich hat Sie wohl nie jemand begrüßt.

          Stimmt. Auch meine Mutter hat mich stets Heinz gerufen – obwohl ich den Namen Heinrich von meinem Großvater geerbt habe, der viele Pferde besaß. Aber es hatte nicht nur Vorteile. Einmal wollte ich ein an Heinz Wewering adressiertes Schreiben von der Post abholen. Aber der Schalterbedienstete rückte es partout nicht heraus, weil ich mich nur als Heinrich Wewering ausweisen konnte. Mir war sofort klar: Der gute Mann war wohl noch nie auf einer Trabrennbahn!

          Was hat denn Heinrich Wewering mit den 29 Goldhelmen und Tausenden von Siegerpokalen gemacht? Haben Sie eine Lagerhalle angemietet?

          Das brauchte ich nicht. Denn an einem Erfolg sind ja viele Menschen beteiligt, und ich habe die meisten Trophäen an die Mitglieder des Teams – Pfleger, Besitzer und Züchter – weitergereicht. Obwohl mir das ehrlich gesagt nicht immer leichtfiel – denn wenn ich einen Pokal in den Händen halte, will ich ihn aus Freude gar nicht mehr hergeben. Deswegen befinden sich die allerwichtigsten Trophäen bei mir zu Hause und auf dem Gestüt meiner Tochter Marie. Sie sind also stets in Sichtweite.

          Dazu gehören acht Derby-Siegerpokale. Sie sind auf Erfolge im wichtigsten Trabrennen der Bundesrepublik regelrecht abonniert. An Ihre erste Teilnahme im Jahr 1972 werden Sie allerdings nicht sehr gerne zurückdenken ...

          Ich war mit dem Hengst Dürer am Start, und die damalige lange Distanz von 3200 Metern war für ihn maßgeschneidert, denn Dürer besaß ein gewaltiges Stehvermögen. Ich lag erst hinten, aber eine gute halbe Runde vor dem Ziel griff ich an. Plötzlich verlor ein Fahrer die Kontrolle über seinen Traber. Das Pferd kam mir mächtig in die Quere, und ich flog im hohen Bogen aus dem Sulky. Es war ein irres Rennen – alle Gegner wichen weit nach außen, um mich nicht zu überrollen. Nur Hänschen Frömming – einer der weltbesten Fahrer aller Zeiten und mein großes Idol – verhielt sich wie ein Schlitzohr, stieß innen durch und gewann.

          War es Ihnen denn vor 30.000 Zuschauern nicht peinlich, plötzlich auf dem Hosenboden zu sitzen?

          Nein – solche Situationen können im Gedrängel passieren, und ich war heilfroh, dass mein Pferd und ich unversehrt blieben.

          Das war aber nicht immer so. Ihr Körper hat im Laufe der Jahrzehnte ein paar Schrammen abbekommen.

          Tja, bei Stürzen habe ich mir die Schulter, einen Fuß und ein Handgelenk gebrochen. Aber wenn ich das auf die 52.000 Rennen hochrechne, an denen ich bisher teilgenommen habe, ist das eigentlich nicht viel.

          Sie haben mal gesagt, dass gerade die Tiefpunkte in Ihrer Karriere besonders wichtig für Sie waren.

          Davon bin ich fest überzeugt. Und ich glaube, dies gilt für jeden Sportler, der ganz oben mitmischen will – völlig egal, ob er Fußballprofi oder Leichtathlet ist. Niederlagen bieten die Chance, über gemachte Fehler nachzudenken und aus ihnen zu lernen. Sie sind also überhaupt keine Katastrophe, sondern eine unverzichtbare Lektion auf dem Weg zum Erfolg. So habe ich auch mein letztes Derby mit dem Hengst Unikum gewonnen. Im wichtigsten Vorbereitungsrennen war meine Taktik falsch – also habe ich sie geändert und im Finale triumphiert.

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