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Vuelta a España : Voll auf Reserve

  • -Aktualisiert am

Am Limit: Contador, Quintana, Chaves und Froome (von links) schenken sich nichts. Bild: AFP

Den Briten Christopher Froome der Konkurrenz hinterherfahren zu sehen, ist ungewohnt. Der Toursieger kämpft an diesem Freitag im Zeitfahren um seine letzte Chance bei der Vuelta.

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          Es ist lange her, dass Christopher Froome andere Radprofis an sich vorbeiziehen lassen musste, dass er verzweifelt um Anschluss kämpfen musste. Bei dieser Vuelta a España geht es dem hageren Briten häufig so. Wann sah man das zuletzt schon bei einer Rundfahrt? Die ersten vier im Gesamtklassement rollen nicht, sich beständig belauernd, im Pulk über den Zielstrich, sondern fahren eine Attacke nach der anderen auf der Rampe.

          Der Viertplazierte, in diesem Fall Alberto Contador, legt vor. Der Erste, Nairo Quintana, und der Dritte, Esteban Chaves, folgen, und ziehen am Herausforderer vorbei. Der Gesamtzweite Froome fällt zurück. Er wirkt geschlagen. Meter um Meter macht er gut, erreicht und passiert Contador und schließt sogar zum Führungsduo auf. Dann pirscht sich von hinten Contador heran, und das Attackespiel beginnt von vorn. Das war am Mittwoch, und obwohl das Quartett gemeinsam den Zielstrich passierte, sahen die Zuschauer ein hochspannendes Spektakel – so wie es eigentlich typisch ist für diese gesamte Vuelta. Mit kleinen Pausen zum Atemholen, wie am Donnerstag beim Sprint-Sieg des Dänen Magnus Cort Nielsen vor dem deutschen Radprofi Nikias Arndt, als es die großen Vier ruhig angehen ließen.

          Aber alles in allem ist es zu viel Spektakel für Froome. Er kann sein Konzept der totalen Kontrolle einfach nicht durchsetzen. Zu fragil ist die eigene physische Verfassung nach Tour und Olympia, zu unberechenbar die Leistungskurven der Konkurrenz. Zu ausgelaugt sind auch die eigenen Helfer. Die Sky-Garde war so kaputt, dass sie auf der 15. Etappe nicht einmal den Versuch machte, überhaupt noch im Zeitlimit ins Ziel zu kommen. Sky hatte an diesem Tage trotz des Zeitverlustes von Froome sogar noch Glück.

          Kritik an Gnadenakt

          Denn bei strenger Regelauslegung hätte der Kapitän am Folgetag ohne Mannschaft zum Rennen fahren müssen. Nur einer Gnadenentscheidung der Jury war zu verdanken, dass seine Tempomacher – und weitere 86 Bummler – auch jetzt noch zum Einschreiben dürfen. „Mit nur 71 Fahrern die Vuelta fortzusetzen hätte das Bild des Radsports beschädigt“, verteidigte die Jury ihr Urteil. Profiteur Froome kritisierte interessanterweise den Gnadenakt. Spitzenreiter Quintana, der Benachteiligte – er hätte nur einen Helfer verloren –, verteidigte ihn hingegen. Verbaler Großmut – auch das gab es lange nicht mehr bei großen Rundfahrten. Bei der Tour verteidigte Froome noch egoistisch die umstrittene Entscheidung, ihm am Mont Ventoux Zeit zu schenken, als „fair und gerecht“. Er hat dazugelernt.

          An diesem Freitag spielt es aber keine Rolle, wer noch wie viele Helfer hat. Im Kampf gegen die Uhr ist jeder allein. Hier hat Froome trotz der Rückschläge in den vergangenen Tagen deutlich bessere Karten. Beim Einzel-Zeitfahren der Tour, das mit 37,5 Kilometern 500 Meter länger als das Zeitfahren jetzt bei der Vuelta, vor allem aber mit einem härteren Anstieg versehen war und daher dem Kletterer Quintana entgegenkam, nahm er dem Kolumbianer 2:05 Minuten ab. Auf dem flacheren Parcours von Xabia nach Calp könnte es sogar mehr werden. Bei Movistar rechnet man damit, dass der eigene Mann bis zu drei Minuten verlieren könnte. Was er sich, Stand jetzt, durchaus leisten könnte.

          Die mentalen Qualitäten von Froome

          Im Lager von Froome war man vor einigen Tagen mit dem Rückstand von nur einer Minute sehr zufrieden. Jetzt ist die Stimmung weniger optimistisch. Das rote Trikot sei jetzt „weniger wahrscheinlich, aber auch nicht unmöglich“, sagte Sky-Chef Dave Brailsford und griff tief in die Motivationskiste: „Man muss weiterhin an das Ziel glauben. Wenn man nicht mehr daran glaubt, erreicht man es erst recht nicht.“

          Brailsford lobte vor allem die Willensstärke seines Kapitäns: „Wie er immer wieder zurückkommt, das zeigt die mentalen Qualitäten von Chris.“ Der in Kenia geborene Brite knüpft damit an ganz frühe Karriereerfahrungen an. Als er in Trainingsgruppen mit meist älteren Sportlern durch die Savannen Afrikas radelte, staunten seine damaligen Begleiter darüber, dass dieser zähe weißhäutige Bursche sich immer wieder herankämpfte. Froome muss sich jetzt wieder daran erinnern. „Rennen tun immer weh, aber so stark wie hier habe ich lange nicht meine Reserven angreifen müssen“, gab er zu. Diese Erschöpfung macht auch wieder das Zeitfahren offener. Es ist mit Überraschungen in beide Richtungen zu rechnen.

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