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Tour-Sieger Cadel Evans : Die Straße des späten Glücks

Einst „Clown mit dem traurigen Gesicht”, nun Tour-Sieger: Cadel Evans Bild: AFP

Als Zauderer und Rennfahrer von der traurigen Gestalt galt Cadel Evans einst - nun hat er als erster Australier und letztlich souverän die Tour de France gewonnen. Die Rolle des ewigen Zweiten übernimmt dagegen der Luxemburger Andy Schleck.

          3 Min.

          Ein Volk in Gelb? Warum eigentlich nicht. So entzückt ist Australien jedenfalls von seinem neuen Sporthelden, so mitgerissen von der Traumreise des Cadel Evans durch Frankreich und Italien, dass es gleich Farbe bekennen wollte. Ein bisschen wie Evans sein, zumindest optisch: So stellt mancher Australier sich das nun vor, zum Beispiel der Premierminister des Bundesstaates Victoria. Er versuchte seine Landsleute zu animieren, gelbe Kleidung zu tragen, zu Ehren von Evans, des ersten australischen Siegers der Tour de France. Und hat nicht jetzt auch „Crocodile Dundee“ ernstzunehmende Konkurrenz bekommen?

          Rainer Seele
          Sportredakteur.

          Für den Politiker Tony Abbott scheint das überhaupt keine Frage zu sein. Der Liberale ist ebenfalls ganz aus dem Häuschen, für ihn ist der Radprofi Evans nun ohne Zweifel der „härteste Sportler“ Australiens überhaupt.

          Auf den Straßen des späten Glücks, quer durch Frankreich, ein bisschen durch Italien, über fast 3500 Kilometer: Evans erfüllte sich am Sonntag auf den Champs-Élysées in Paris, als der Brite Mark Cavendish noch einmal der Schnellste im Sprint war, eine langgehegte Sehnsucht, im Alter von 34 Jahren. Just der Mann, der schon als „ewiger Zweiter“ abgestempelt worden war, als ein Zauderer auf dem Rad, als „Clown mit dem traurigen Gesicht“, entschied letztlich souverän die Tour für sich, mit einem Vorsprung von mehr als eineinhalb Minuten vor Andy Schleck.

          Dem Feld voraus: Cadel Evans auf dem Weg nach Paris
          Dem Feld voraus: Cadel Evans auf dem Weg nach Paris : Bild: AFP

          Evans lebte mit dem Makel, nicht das Zeug zum wahren Star zu haben

          Evans trug dabei nur einen Tag lang das Gelbe Trikot, am Sonntag, auf den letzten 95 Kilometern der 98. Tour. Maßarbeit eines für gewöhnlich sehr blassen und oftmals leidend wirkenden Mannes. Das war diesmal nicht anders, und doch trat Evans beherzter in die Pedale als früher, fest entschlossen, seine Chance zu nutzen.

          Zweimal war der Australier zuvor Zweiter bei der Tour gewesen, 2007 und 2008, dazu Straßen-Weltmeister im Jahr 2009, er war eine stabile Größe im Peloton - und doch lebte der frühere Mountainbiker stets mit dem Makel, nicht das Zeug zu einem wahren Star zu haben. Ein Ruf, den nicht zuletzt mehrere Stürze mit Knochenbrüchen begründet hatten. Manchem galt Evans deswegen als ein Sicherheitsrisiko, auch im deutschen Team Telekom war das einst der Fall; es ließ den Australier deswegen links liegen.

          Er habe in den vergangenen Jahren viel Kritik einstecken müssen, sagte Evans nun. Er wurde als Fahrer bezeichnet, der das Risiko scheue, der keinen Mut zum Angriff offenbare. Immerhin hatte Evans sich jetzt als hartnäckig genug erwiesen, um seine schärfsten Rivalen, die Luxemburger Brüder Andy und Fränk Schleck oder auch den Spanier Alberto Contador, in den Bergen nicht entscheidend davonziehen zu lassen.

          „Ich habe verloren, aber ich fahre nicht niedergeschlagen nach Hause“

          Lediglich 57 Sekunden lagen nach dem Alpen-Intermezzo zwischen Andy Schleck und ihm, ein viel zu geringer Ertrag für den Luxemburger, um sich des Ansturms des Australiers im Zeitfahren von Grenoble erwehren zu können. Evans fand auf der 20. Etappe zwar seinen Meister in Tony Martin, er war sieben Sekunden langsamer als der Deutsche. Aber das konnte der Kapitän des amerikanischen Teams BMC-Racing, begleitet bei der Tour von treuen Helfern wie dem Amerikaner George Hincapie oder dem Sachsen Marcus Burghardt, leicht verschmerzen.

          Unwiderstehlich zog er seine Bahnen, mit einer wesentlich höheren Geschwindigkeit als Andy Schleck, der zum dritten Mal Tour-Zweiter wurde, diesmal vor Fränk Schleck. Ihm bleibt nichts, als einen neuen Anlauf zu unternehmen, im nächsten Jahr. Die Galionsfigur des Luxemburger Radsports kündigte noch nach der herben Niederlage in Grenoble gegen Evans an, wieder attackieren zu wollen. „Ich habe die Tour verloren, aber ich fahre nicht niedergeschlagen nach Hause“, behauptete Schleck. Mit dem Triumph von Evans sowie den Podiumsplätzen zweier Luxemburger ist wenigstens das vordere Klassement der 98. Tour festgezurrt.

          Contador drohen eine Sperre und die Annullierung einiger Erfolge

          Hätte Contador, der dreimalige Tour-Sieger aus Pinto bei Madrid, wieder einen Rang mit Auszeichnung errungen, wäre dies fraglich gewesen. Es hätte ein möglicherweise brisantes Nachspiel für die Tour geben können. Schließlich muss sich Contador, diesmal Fünfter, Anfang August einem Doping-Verfahren vor dem Internationalen Sportgerichtshof in Lausanne stellen. Ihm drohen eine Sperre und die Annullierung aller Erfolge seit dem 21. Juli 2010. Damals war Contador positiv auf das Kälbermastmittel Clenbuterol getestet worden.

          Was Evans, der Nachfolger des Spaniers, über die Causa Contador denkt, wie er sich überhaupt mit der Doping-Problematik in der Branche auseinandersetzt, blieb auch am Samstag im Dunkeln. Wie früher schon antwortete der Australier ausweichend auf Bemerkungen zu diesem Thema. Evans mochte noch nicht einmal auf die Frage, ob er einen sauberen Sport symbolisiere, eingehen.

          „Er hat mir immer gesagt, dass ich die Tour gewinnen kann

          Er sei der Falsche, darüber zu reden, sagte der Australier, in dessen Equipe Männer mit bewegter Vergangenheit in der Verantwortung stehen. Teammanager Jim Ochowicz war einst ein enger Vertrauter von Lance Armstrong. Der Schweizer Finanzier Andy Rihs und Sportdirektor John Lelangue hatten bereits 2006 für Aufsehen bei der Tour de France gesorgt - damals mit dem Team Phonak und dem Amerikaner Floyd Landis, dem später der Tour-Sieg wegen Dopings aberkannt wurde.

          Kein Platz für solche Gedanken. Evans blieb in der Stunde, in der seine Karriere gekrönt wurde, ganz bei sich. Als ein „freier Mann“, wie er betonte. Gefangen aber doch von der Erinnerung an seinen Mentor, an seinen im Dezember 2010 verstorbenen Trainer Aldo Sassi. Unter Tränen erinnerte Evans in Grenoble an seinen Förderer, der ihm den Glauben an seine Stärke gegeben habe. „Er hat mir immer gesagt, dass ich die Tour gewinnen kann.“ Sassi reichte ihm den Schlüssel, die Tür aber hat Evans erst nach einem langen Anlauf öffnen können.

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