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Tour de France : Wundersame Tour im Tunnelblick der Protagonisten

T-Mobile-Team ohne Ullrich: „Fahren im Prinzip für Jan” Bild: dpa

Es ist eine eigenartige Stimmung entstanden bei der Tour de France in diesen Tagen. Einerseits geprägt vom intensiver geführten Kampf gegen Doping und das System des ständigen Betrugs. Andererseits greifen Verdrängungsmechanismen mit der romantischen Verklärung der Tour.

          3 Min.

          Ein bißchen Bilderbuch-Frankreich: Vitre, ein Städtchen mit Schloß und historischem Kern, bestens geeignet, die Schönheit des Landes zu demonstrieren - und damit auch den vermeintlichen Charme der Tour de France. Vitre, Ziel der sechsten Etappe der Tour, eine Woche nach dem großen Schlag, nach dem Ausschluß von Stars wie Jan Ullrich oder Ivan Basso: Es ist eine eigenartige Stimmung entstanden in diesen Tagen, geprägt von dem intensiver geführten Kampf gegen das Doping, gegen das System des ständigen Betrugs, bei dem sich die Tour auch die Unterstützung der Radsportsponsoren wünscht. In diese Atmosphäre mischen sich aber auch Verdrängungsmechanismen, und es gibt immer noch auch eine romantische Verklärung der Tour.

          Rainer Seele

          Sportredakteur.

          Andreas Klöden sitzt im Foyer eines Hotels in Caen, er redet forsch über seine Ambitionen bei dieser „Großen Schleife“, die sich geändert haben seit dem vergangenen Wochenende. Klöden sollte einer der besten Helfer von Ullrich im T-Mobile-Team sein, doch jetzt, nach der Suspendierung des Kapitäns, wittert er selbst seine Chance: „Ich denke daran, ja, auf alle Fälle“, antwortet Klöden auf die Frage, ob er sich mit dem Gedanken beschäftige, die Tour nun gewinnen zu können. Bald schon wird sich herausstellen, ob Klöden dazu tatsächlich in der Lage sein kann.

          Nichts kommen lassen auf Jan Ullrich

          Die Tour dreht ihre Flamme hoch, an diesem Samstag beispielsweise mit einem 52 Kilometer langen Zeitfahren in Rennes, bei dem ein Teamkollege von Klöden, Michael Rogers, das Gelbe Trikot übernehmen könnte. Der Australier ist Weltmeister im Zeitfahren, und er liegt bei der Tour in aussichtsreicher Position. Über weitergehende Möglichkeiten spricht Rogers noch nicht - im Gegensatz zu Klöden, der gleich auch noch darauf hinweist, daß er sich dabei einer Methode des Lehrmeisters Ullrich bediene. Klöden hält sich stets im vorderen Teil des Pelotons auf, die Gefahr von Stürzen ist dort geringer als in den hinteren Regionen. „Das habe ich in den letzten Jahren ganz gut von Jan beigebracht gekriegt.“

          Tour-Alltag: Permanenter Betrug vor idyllischer Kulisse

          Überhaupt mag er nichts kommen lassen auf den Mann, der unter schwerem Dopingverdacht steht. Dieses Thema solle ruhen, sagt Klöden, „bis Licht ins Dunkel gekommen ist“. Außerdem betont auch er, daß die Mannschaft „im Prinzip auch für Jan“ eine gute Tour fahren wolle. Der Kapitän ist zwar längst nicht mehr da, und doch scheint er bei seinen Mitstreitern noch allgegenwärtig zu sein - nicht zuletzt als ein Radprofi, den man in Schutz nehmen müsse.

          Spezielle Sichtweise der Dinge

          Klöden gibt deutlich zu verstehen, daß er nun eigentlich gar nichts mehr hören mag von Doping, das Thema ist ihm lästig. „Jetzt wird natürlich alles rausgekramt“, sagt er, „es könnte ruhig auch mal aufhören.“ Die Diskussionen störten den anstrengenden Tour-Alltag, sagt Klöden, „da kommt man nicht an die Power ran“. Er möchte sich damit nicht weiterhin belasten, will „den Kopf freikriegen“, und so wäre es doch schön, sagt Klöden schließlich fordernd, „wenn wir uns alle mal auf die Tour konzentrieren würden“.

          Er hält es ja auch nicht für ein „Verbrechen“, daß etwa sein Gefährte Patrik Sinkewitz mit dem umstrittenen italienischen Mediziner Michele Ferrari zusammengearbeitet hat. „Er hat versucht, sich weiterzuentwickeln.“ Trainingsmethodisch, versteht sich. So also betrachtet Klöden die Dinge - es ist eine spezielle Sichtweise. Klöden ist ein erfahrener Rennfahrer. Die Tour de France, bei der er im Jahr 2004 Zweiter war, bestreitet er zum fünften Mal.

          Abenteuerreise mit kuriosen Begebenheiten

          Björn Schröder ist Tour-Neuling, der Berliner ist einer der Begleiter des Sprinters Erik Zabel bei der deutsch-italienischen Formation Team Milram. Am Donnerstag hatte Schröder zusammen mit dem Franzosen Samuel Dumoulin einen langen Fluchtversuch unternommen; der Debütant heimste dafür Respekt ein. Für ihn stellt sich die Tour noch in besonderer Weise als eine Abenteuerreise dar mit kuriosen Begebenheiten.

          Am Donnerstag morgen beispielsweise hatte Schröder im Tour-Village am Start den Friseur besucht, und der Coiffeur erzählte ihm dabei eine schöne Geschichte. Wem er die Haare schneide, hatte er zu seinem Kunden Schröder gesagt, der fahre danach auch in der Spitzengruppe. Der Berliner berichtete amüsiert davon, die Episode wird in seiner Erinnerung haften bleiben. Es ist eine wundersame Tour.

          „Ich bin häufig betrogen worden“

          Andy Rihs mag den Radsport ja auch, aber er dürfte um einiges ernüchterter sein als ein Mann wie Schröder. Rihs ist einer der Macher in der Branche; er leitet den Schweizer Rennstall Phonak, der häufig schon durch Dopingfälle ins Gerede gekommen ist. Zuletzt wieder unmittelbar vor der Tour - mit der Folge, daß Phonak den Kolumbianer Santiago Botero und den Spanier Jose Enrique Guitierrez nicht mit nach Frankreich nahm. Gegen beide Profis sind Dopingvorwürfe erhoben worden. Phonak, ein Hersteller von Hörgeräten, zieht sich nach dieser Saison als Hauptgeldgeber zurück. Die Mannschaft wird unter einem neuen Namen weitermachen - und mit Rihs, der die ProTour-Lizenz für dieses Team besitzt. Am Freitag aber hat er in einem Interview auch von der großen Enttäuschung gesprochen, die ihm der Radsport bereitet hat. „Ich bin häufig betrogen worden“, klagte Rihs.

          Phonak und Rihs setzen bei dieser Tour auf den Amerikaner Floyd Landis. Er trägt hohe Erwartungen. Und wird nun, wie Klöden zum Beispiel, stärker in den Blickpunkt rücken. Im allgemeinen Nachrichtenjargon heißt das: „Am Samstag steht das erste Zeitfahren bei der Tour auf dem Programm - dann werden auch die Favoriten auf den Gesamtsieg erstmals die Muskeln spielen lassen.“ Sie werden sich genauer Beobachtung sicher sein können bei diesem Spiel. Malerische Landschaften werden davon nicht ablenken.

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