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Tour de France : Wie Roglic noch das Gelbe Trikot verlieren konnte

  • -Aktualisiert am

Blick und Beine komplett leer: Primoz Roglic Bild: EPA

Primoz Roglic wurde 19 Etappen lang von seinem starken Team eskortiert. Als er auf sich alleine gestellt war, reichte es nicht. Doch die unerwartete Niederlage enthielt für ihn auch einen Gewinn.

          3 Min.

          Erst schien es nur eine Frage der Zeit, wann er das Gelbe Trikot überziehen würde. Und dann wirkte das Gelbe Trikot auf seinen schmalen Schultern wie in einem für die Konkurrenten unknackbaren Safe verwahrt. Zu stark fuhr er Rad, schien selbst bei den vielen Bergankünften dieser Tour de France nicht mal schwer atmen zu müssen. Schien immun gegen den Druck, sein Gesicht war eine fast regungslose Maske, seine Beine allen Aufgaben stets gewachsen, ohne nur einen Hauch von Schwäche zu offenbaren.

          Primoz Roglic wurde 19 Etappen lang eskortiert von einigen der besten Fahrer der Welt, die im Team Jumbo-Visma zusammengezogen worden sind, um ihn in Gelb nach Paris zu chauffieren. Bei der 20. Etappe, dem einzigen Einzelzeitfahren dieser Tour hinauf nach Planche des Belles Filles, musste er den letzten Schritt ins Glück allein gehen. Die letzte Hürde zwischen ihm und dem ewigen Radsport-Ruhm als Tour-Sieger – an der er scheiterte.

          Auf so krachende wie dramatische Art und Weise, dass sein verlorenes Endspiel um Gelb gegen Tadej Pogacar in die Tour-Annalen eingehen wird. Samt den Bildern, wie Roglic in seinen nach elf Tagen letzten Momenten im Maillot jaune mit ausgestreckten Beinen auf dem Asphalt saß. Blick und Beine komplett leer. Gewahr werdend, was ihm widerfahren ist. Aus der erwarteten Krönungsmesse in den Vogesen wurde für den Slowenen ein nicht für möglich gehaltener Blick in den Abgrund.

          Im Fußball haben die Profis nach schweren Niederlagen auf dem Rasen zunächst Momente für sich, im Radsport bildet sich im Nu ein Pulk aus Kameramännern, Offiziellen, Helfern und Teambetreuern um die Entkräfteten. „Ich“, sagte Roglic, der drei Wochen lang emotionslos gewirkt hat, „werde weinen. Vielleicht habe ich es auch schon getan. Ich habe alles versucht, aber Tadej war in einer anderen Welt für mich. Wir müssen alles analysieren, aber im Moment ist es schwer, klar zu denken.“

          In Erinnerung bleiben auch die Gesichter seiner Teamkameraden, als sie Roglic’ und damit auch ihr Scheitern verfolgten. Schreck und Fassungslosigkeit vermochten selbst die Masken nicht zu verdecken. Einer der Helfer in diesem Projekt Gelb der drei Wochen lang die Tour dominierenden Mannschaft Jumbo-Visma ist der deutsche Profi Tony Martin. „Ich habe noch nie bei einem anderen Fahrer im Rennen so sehr mitgefiebert“, erzählte er dieser Zeitung. „Wir sind sehr enttäuscht, traurig und auch verwundert. Das rührt daher, dass wir dachten, dass Primoz’ Vorsprung komfortabel genug ist.“

          Auf dem geteilten Bildschirm ließ sich genau sehen, wie der entfesselte Eroberergeist Pogacar immer mehr antrieb und selbst die Logik außer Kraft setzte. Und wie Roglic nicht in seinen metronomartig fließenden Tritt fand, wie er gegen seine Natur immer wieder aus dem Sattel ging. Wie die ursprünglich 57 Sekunden Vorsprung in seiner Spezialdisziplin Zeitfahren zerrannen, wie er plötzlich so viel zu verlieren hatte. „Wir waren bereit zu feiern“, sagte der Belgier Wout van Aert, der unter den Jumbo-Visma-Helfern mit zwei Etappensiegen besonders imponierte. „Doch schon während des Zeitfahrens habe ich gesehen, dass Primoz anders als sonst auf dem Rad saß.“ Tony Martin war wichtig zu sagen, dass „Primoz nicht versagt, sondern Pogacar eine unglaubliche Leistung vollbracht hat“. Die Roglic im rein slowenischen Duell um den Tour-Thron 2020 den entscheidenden Rückstand von 59 Sekunden eingebrockt hat vor der Schlussetappe nach Paris am Sonntag, bei der das Gelbe Trikot traditionell nicht mehr angegriffen wird.

          Schwarm „Killerwespen“ reichte nicht

          Es wäre spannend zu sehen gewesen, zu welch mächtiger Reaktion Jumbo-Visma imstande gewesen wäre, wenn die Tour noch andauern würde. Es lässt sich jetzt leicht bekritteln, dass die niederländische Equipe aus ihrer Überlegenheit vielleicht noch mehr hätte machen müssen. Dass sie Pogacar, der sich in Ermangelung eines ebenbürtigen Teams meist an den gelb-schwarzen Zug dranhängte, konsequenter isolieren und abhängen hätten sollen. So bleibt der Eindruck haften, dass ein Schwarm „Killerwespen“, wie der in der Endabrechnung drittplazierte Richie Porte Jumbo-Visma unlängst nannte, nicht genug war.

          Roglic hat bei den großen Landesrundfahrten nun einen dritten (Giro), einen zweiten (Tour) und einen ersten Platz (Vuelta) zu bieten. Doch dass der kühl kalkulierende Rechner auf dem Rad den sicher geglaubten Tour-Sieg an den mit heißem Herzen fahrenden Pogacar verloren hat, wird ihm noch lange nachhängen. „Ich kann die Person nicht ändern, die ich bin. Aber ich habe viele Emotionen in mir“, sagte Roglic. Vielleicht musste er die Tour verlieren, um Herzen erreichen zu können.

          Tour de France

          Der Gewinnör

          Rouleur, Puncheur, Grimpeur, Baroudeur, Sprinteur – der Radsport hat auf Französisch ein paar herrlich tönende Rennfahrer-Charakterisierungen hervorgebracht. Auf Deutsch klingen sie leider so ein bisschen wie: Ein Inschinör hat’s schwör. Womit wir direkt beim Thema wären: Kann es sein, dass die hochgelobten Ingenieure und Strategen des Teams Jumbo-Visma mit Primoz Roglic aufs falsche Pferd gesetzt haben? Also auf denjenigen, der seinen Mangel an Pferdestärken drei Tour-Wochen lang im Windschatten verstecken konnte? Hätten sie in ihrem Team mal Wout van Aert zum Kapitän gemacht. Schwäche, Einbruch, Fehler – gibt’s bei dem Belgier nicht. Der 26-Jährige ist eine radelnde Sensation. Wout kann alles – sprinten, zeitfahren, klettern. Obwohl er schlappe 13 Kilogramm schwerer ist als Roglic, also alles andere als beste Voraussetzung für Tempo am Berg mitbringt. Genau deshalb, liebes Jumbo-Visma, kein Zweifel: hättet Ihr van Aert an die Spitze gestellt, dann hättet Ihr einen „Gewinnör“. Hätte, hätte... (west.)

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