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Radprofi Vincenzo Nibali : Ein wahrer Saubermann?

  • -Aktualisiert am

Herausragender Fahrer: Der Italiener Vincenzo Nibali führt die Tour de France an. Bild: AFP

Vincenzo Nibali ist der Patron der Tour de France und lässt Italien auf frischen Radsport-Ruhm hoffen. Doch er fährt für das Team Astana - und das hat einen zweifelhaften Ruf.

          3 Min.

          Ein Hasardeur? Wohl kaum. Aber ein Mann ohne Furcht. Das lässt sich ohne Einschränkung über Vincenzo Nibali sagen. Das drückt schon sein Beiname aus: der „Hai von Messina“. Ein Hai, der plötzlich bei der 101. Tour de France in die allererste Reihe gespült worden ist. Nicht nur, dass Nibali seit einigen Tagen das Gelbe Trikot trägt, er gilt inzwischen auch als Patron der Rundfahrt. Als jemand, dem beste Aussichten eingeräumt werden, dieses Rennen für sich zu entscheiden - nachdem der Brite Christopher Froome mit Brüchen an beiden Händen die Tour unter Schmerzen verlassen hat. Italien schwärmt bereits von einem Märchen. Kein Wunder, das Land sehnt sich schließlich nach einem Tour-Sieger. Der letzte Italiener, der in Paris in Gelb ankam, war Marco Pantani, 1998, im Jahr des Doping-Skandals um das Team Festina. Pantani wird immer noch verehrt in seiner Heimat, ungeachtet seiner Verfehlungen im Radsport, seines tragischen Endes. Pantani starb 2004 an einer Überdosis Kokain.

          Rainer Seele

          Sportredakteur.

          Nibali gibt auf dem Rad eine elegante Figur ab, er fährt offensiv und taktisch clever. Er hatte kürzlich selbst das Kopfsteinpflaster im Norden Frankreichs mühelos gemeistert. Wie ein Tänzer, schrieb die „Gazzetta dello Sport“ begeistert. Der 29 Jahre alte Nibali, der schon die Vuelta 2010 gewann und den Giro d’Italia 2013, scheint tatsächlich über die Qualitäten eines Champions zu verfügen. Er beherrscht das Zeitfahren, er zeigt Stärke am Berg - und nicht zuletzt bei den rasenden Abfahrten. Der Italiener scheut nicht die Risiken, wenn es talwärts geht, das könnte nun auch bei der Tour einer seiner großen Vorteile in den Alpen oder Pyrenäen sein.

          Der Hoffnungsträger: Vincenzo Nibali begeistert die italienischen Radsportfans.

          Als Nibali im Vorjahr den Giro gewonnen hatte, wurde er in Italien als lange gesuchter Champion gefeiert. Das hatte auch damit zu tun, dass der italienische Radsport derzeit ein wenig darbt. Neben Nibali sind keine wirklichen Siegfahrer auszumachen. Es gibt immer nur flüchtige Feuer, zum Beispiel am Freitag, als Matteo Trentin, Kompagnon von Zeitfahr-Weltmeister Tony Martin, der Schnellste der siebten Tour-Etappe war. Der Sizilianer Nibali hingegen erleuchtet die nationale Szene und schafft damit vorläufig auch Ablenkung von den Betrugsdebatten in der Branche.

          Immer kommt schließlich auch der italienische Radsport durch Doping-Fälle ins Gerede. So war Diego Ulissi, eine frische Hoffnung der Italiener, während des Giro positiv auf das Asthmamittel Salbutamol getestet worden, das Team Lampre suspendierte ihn daraufhin. Nibali verkörpert, das glaubt zumindest die italienische Radsport-Gemeinde, das Gute. Das liegt vermutlich nicht zuletzt an seinem Auftreten, seinen guten Manieren, seiner Fähigkeit, sich zu artikulieren. Nibali schätzt die Nähe des Publikums, einerseits, er lebt allerdings in Lugano in der Schweiz, um doch ein bisschen Ruhe zu haben vor den heißblütigen heimischen Fans.

          Nibali, ein wahrer Saubermann? Ganz anders als sein spanischer Rivale Alberto Contador, ein Radrennfahrer mit Doping-Vergangenheit? Mancher mag ein wenig daran zweifeln. Immerhin ist der Italiener - für ein geschätztes Jahressalär von drei Millionen Euro - die Nummer eins beim Team Astana, das keineswegs über einen makellosen Ruf verfügt. Allein schon wegen Alexander Winokurow, der einst des Blutdopings überführt wurde. Der Kasache hatte nach seinem Olympiasieg 2012 seine Karriere beendet und wurde Teameigner.

          Das Team Astana geriet erst jüngst wieder ins Zwielicht

          Das Radsport-Projekt Astana wird massiv unterstützt von der kasachischen Regierung. Dass Winokurow sich unerlaubter Mittel bedient hat als Radprofi, scheint keine Rolle zu spielen. Er ist ein kasachischer Volksheld und soll dem Regime jetzt als Funktionär sportliche Erfolge liefern. Jüngst geriet das Team Astana durch die Affäre um den Tschechen Roman Kreuziger wieder ins Zwielicht. Kreuziger wurde, nachdem Unregelmäßigkeiten bei seinen Blutwerten bekanntgeworden waren, vom Rennstall Tinkoff-Saxo aus dem Tour-Aufgebot gestrichen. Die Auffälligkeiten bei Kreuziger gehen auf die Jahre 2011 und 2012 zurück; damals stand der Spezialist für Rundfahrten beim Team Astana unter Vertrag.

          Vielseitiger Fahrer: Die kritischen Kopfsteinpflaster-Passagen bei der Tour bewältigte Nibali bestens.

          Der schlechte Leumund von Winokurow stört Nibali offenbar nicht. Sein Manager Alex Carera, der auch den deutschen Rennfahrer Björn Thurau betreut, sagte neulich, dass Winokurow als Fahrer zwar Fehler gemacht habe, als Manager sei ihm jedoch nichts vorzuwerfen. So zufrieden sind Nibali und seine Entourage mit ihren kasachischen Arbeitgebern, dass der Kontrakt mit ihnen im vergangenen Jahr bis 2016 verlängert wurde.

          Jetzt also präsentiert der italienische Meister in exponierter Stellung bei der Tour de France die Farben Kasachstans - helles Blau, goldene Symbole. Winokurow dürfte zuletzt hochzufrieden mit seiner Galionsfigur gewesen sein, allerdings gibt sich auch er noch ein wenig zurückhaltend: Er ist schließlich erfahren genug, zu wissen, dass auf dem Weg nach Paris noch manche Tücken lauern. Die Tour hat bereits in der ersten Woche etliche Leidensgeschichten produziert, mit Vorjahressieger Froome als prominentestem Opfer. Am Freitag stürzten gleich drei hoch gehandelte Profis, der Belgier Jürgen van den Broeck sowie die Amerikaner Tejay van Garderen und Andrew Talansky. Sie setzten ihre Fahrt fort, im Gegensatz zu dem Spanier Jesus Hernandez, der ein Helfer von Contador war.

          Das Team Astana war zuletzt noch komplett. Eine wehrhafte Truppe offensichtlich, ganz nach dem Geschmack des umtriebigen Winokurow. Seinem Frontmann Nibali soll es ja auch nichts fehlen. Jetzt, da sich eine große Chance auf frischen Ruhm zu bieten scheint. Für Italien. Und für Kasachstan.

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