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Tour de France : Tage des Schmerzes

Star im Krankenwagen: Der Belgier Jürgen van den Broeck Bild: AFP

Eine Woche Tour de France: Ein Rennen mit überraschenden Wendungen und vielen prominenten Sturzopfern – der Kasache Winokurow, der Belgier van den Broeck und etliche andere müssen aufgeben. Und an allen Ecken lauern Schatten.

          Das Feld lichtet sich, fast täglich inzwischen, die Tour de France fordert einen hohen Tribut. Sie hat, nach nur einer Woche, schon mehrere Fahrer mit klangvollen Namen verloren – jähes Ende mancher Hoffnungen. Der belgische Sprinter Tom Boonen etwa stieg unfreiwillig vom Rad, ebenso der hoch gehandelte Brite Bradley Wiggins. Am Samstag trat der Amerikaner Christopher Horner wegen seiner Blessuren nicht mehr zu dem Rennen an. Am Sonntag, als der Franzose Thomas Voeckler als Tageszweiter hinter dem Spanier Luis-Leon Sanchez das Gelbe Trikot übernahm, mussten der Kasache Alexander Winokurow sowie der belgische Star Jürgen van den Broeck aufgeben – allesamt Opfer schwerer Stürze.

          Rainer Seele

          Sportredakteur.

          Winokurow erlitt einen Oberschenkelbruch, van den Broeck unter anderem einen Bruch des Schulterblattes; ein bitterer Tag für einige Profis und damit letztlich auch für die Tour. Auch das amerikanische Team RadioShack zahlt einen beträchtlichen Blutzoll bei der Tour. Immerhin war vor Horner schon der Slowene Janez Brajkovic ausgeschieden; auch er hatte sich bei einem Unfall Verletzungen zugezogen. Da der Amerikaner Levi Leipheimer Mühe hat, in Tritt zu kommen, gilt jetzt der 36 Jahre alte Andreas Klöden als alleiniger Anführer des Teams. Der nichts sagende Rennfahrer aus der Lausitz, Achter der Gesamtwertung, hält seine Empfindungen allerdings weiterhin verborgen – Omerta auf deutsche Art.

          In manchen Ländern kommen Sportler – trotz dunkler Vergangenheit – immer noch in den Genuss großer Anerkennung. Das gilt auch für den 37 Jahre alten Kasachen Winokurow, der eine wechselvolle Karriere hinter sich hat, Dopingsperre inklusive. Der ehemalige Kompagnon von Jan Ullrich bestritt nun seine letzte Tour de France, das Ende seiner Laufbahn steht kurz bevor. Der Mann, der genau weiß, wie man beschleunigen kann im Radsport, war zuletzt häufig an der Spitze des Fahrerpulks zu sehen, offensichtlich wollte er mit einem Coup Abschied nehmen von der Tour. Auch am Samstag hatte er – vergeblich jedoch – attackiert, tags darauf landete er dann bei einer Abfahrt in einer Böschung: schmerzhaftes Aus bei der Tour, und vielleicht war das sogar schon sein letztes Rennen. Um die Zukunft muss dem Unglücksraben vom Sonntag aber nicht bange sein. In Kasachstan steht auch der Staatspräsident in Treue fest zu dem einstigen Sünder, zudem wird Winokurow wohl in das Management des Teams Astana wechseln, natürlich in herausgehobener Stellung.

          Schwer gestürzt: Alexander Winokurow wollte eigentlich mit einem Coup Abschied nehmen von der Tour

          Gefühle zu zeigen scheint Rui Alberto Costa - im Gegensatz zu dem Deutschen Klöden beispielsweise – keine Mühe zu bereiten. Am Samstag hatte der Portugiese seinen Sieg in Super-Besse im französischen Zentralmassiv einem toten Kollegen gewidmet, Xavier Tondo. Der Spanier war Mitte Mai beim Öffnen seines Garagentors vom eigenen Auto erdrückt worden. Er sollte das spanische Team Movistar, bei dem auch Costa unter Vertrag steht, eigentlich als Kapitän zur Tour führen. Seiner gedachte Costa jetzt also, aber Movistar rührt auch das Schicksal des kolumbianischen Profis Juan Mauricio Soler, der bei der Tour de Suisse schwer zu Fall gekommen war und danach einige Zeit im künstlichen Koma lag. Die Ärzte sprechen von der Gefahr bleibender Hirnschäden.

          Costa, sein Bruder und das Methylhexanamin

          Dass Costa sehr bewegt war in Super-Besse, war somit gut zu verstehen; es gab dafür mehrere Gründe. Ohnehin rückt ein Fahrer wie er nicht alle Tage in den Blickpunkt. Zuletzt hatte der Portugiese 2010 Aufsehen erregt, allerdings abseits des Pelotons. Costa und sein Bruder Mario waren bei den nationalen Meisterschaften positiv auf Methylhexanamin getestet und zunächst suspendiert worden. Die beiden Rennfahrer behaupteten, die Substanz unwissentlich mit einem Nahrungsergänzungsmittel zu sich genommen zu haben – und wurden daraufhin vom portugiesischen Radsportverband freigesprochen. Man kennt solche Vorgehensweisen ja, zum Beispiel aus Spanien.

          Thor Hushovd ist, wie etwa Winokurow, ebenfalls schon jenseits der 30, aber immer noch in blendender Verfassung. Der Norweger hatte das auch am Samstag demonstriert, als er Gelb überraschend auf hügeligem Terrain noch einmal verteidigte, ehe Voeckler auf der neunten Etappe mit der Ankunft in Saint-Flour als einer von drei Ausreißern in seine Rolle schlüpfte. Ursprünglich zählte Hushovd zur Spezies der Sprinter, aber im Radsport scheint es bisweilen nicht allzu schwierig sein, seinen Tätigkeitsbereich auszubauen; auf alle Fälle präsentiert sich der Norweger nun als eine Art Allrounder. Er wusste jedoch auch zu erklären, wie sein (kleiner) Aufschwung in den Bergen zustande gekommen sei. Er habe dafür ein spezielles Training in Südfrankreich absolviert, sagte Hushovd, „das hat sich gelohnt“.

          Folgt Klöden Schumacher?

          Ob wohl auch Klöden demnächst nach Gelb greifen wird? Oder Tony Martin, der immerhin schon davon gesprochen hat, danach zu streben? Sollte es einer von ihnen tatsächlich schaffen, wäre er Nachfolger von Stefan Schumacher, der als letzter Deutscher das gelbe Hemd bei der Tour getragen hatte, im Jahr 2008. Allerdings hatten weder er noch sein damaliger Rennstall, das Team Gerolsteiner, wirklich Freude an diesem Schmuckstück: Dopingaffäre, Zwangspause für Schumacher, später Untergang seines Teams. 2008 hatte Schumacher übrigens just in Super-Besse Platz eins bei der Tour wieder eingebüßt – der Schwabe war damals, nach einem Zusammenstoß mit dem Luxemburger Kim Kirchen, zu Boden gegangen. Unlängst hieß es, er wolle wieder zur Tour zurückkehren. Ganz nach seiner Devise: „Das Leben ist wie Radfahren. Du fällst nicht, solange du in die Pedale trittst.“ Aber das ist ja manchmal nicht so einfach. Zu sehen an der Tour 2011, die bereits nach der ersten Woche ein besonderes Siegel trägt – als eine außergewöhnliche Fall-Studie.

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