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Tour de France : Schumachers Krönung mit Kratzern

  • -Aktualisiert am

Öfter im Gerede: Der Tour-Führende Stefan Schumacher Bild: AFP

Ausgerechnet der Problemfall Stefan Schumacher könnte für sein Team Gerolsteiner zum Glücksfall werden und neue Sponsoren bringen. Für Teamchef Holczer hat sich das nicht einfache Verhältnis zu seinem Spitzenfahrer normalisiert - obwohl er angeblich harte Auseinandersetzungen mit ihm hatte.

          Hans-Michael Holczer saß entspannt im Hotelfoyer, er redete ohne Unterlass, er wirkte stolz. „Diese Bilder“, sagte er, „gehen um die Welt.“ Die Bilder von Stefan Schumacher, des Gelben Trikots, des Teams Gerolsteiner. Das ist vor allem sein Werk, der Schwabe hat diese Mannschaft aufgebaut, und jetzt bekam er eine gelbe Tasche überreicht, die Holczer wie ein Schmuckstück in den Händen hielt.

          Rainer Seele

          Sportredakteur.

          Er holte eine gelbe Regenjacke heraus und zwei Hemden in Gelb, eines mit kurzen und eines mit langen Ärmeln. Er betrachtete diese Zeichen des Triumphs mit großer Genugtuung, und er sagte: „Ich genieße es uneingeschränkt.“ Kurz zuvor war der Teamchef noch mit einer anderen Realität konfrontiert worden. Im Teambus, einem fast 400.000 Euro teuren Gefährt, hatte er eine Nachrichtensendung des deutschen Fernsehens gesehen. In dem Bericht über die Siegesfahrt des Mannes mit der Nummer 111 wurde auch erwähnt, dass Doping-Verdächtigungen gegen den Radprofi aus Nürtingen im Raum standen. „Damit müssen wir leben“, sagte Holczer.

          Auch für Holczer ist es nicht einfach, mit Stefan Schumacher umzugehen

          Mit Schumacher umzugehen ist nicht einfach, auch für Holczer nicht. Obwohl er sagt, dass sich sein Verhältnis zu dem 26 Jahre alten Rennfahrer entspannt habe. Holczer beschreibt das so: „Man ist zur notwendigen Realität zurückgekehrt.“ Er hatte angeblich harte Auseinandersetzungen mit Schumacher geführt. Womöglich zog er gar eine Trennung in Betracht, nachdem Schumacher im vergangenen Herbst in eine beträchtliche Schieflage geraten war.

          Gerolsteiner-Chef Hans-Michael Holczer: „Man ist zu der notwendigen Realität zurückgekehrt”, sagt er über sein Verhältnis zu Schumacher

          Nachdem bei dem Profi während der Weltmeisterschaft in Stuttgart auffällige Blutwerte festgestellt worden waren, ließ Holczer sich noch von Medizinern überzeugen, dass keine Manipulation vorliege. In Schumachers Autounfall unter Alkoholeinfluss sah er jedoch einen gravierenden Imageschaden für das Team - zumal im Körper des Athleten Spuren von Amphetaminen entdeckt worden waren. Dieser Vorfall sei inakzeptabel gewesen, sagt Holczer.

          Holczer wurde von den Teamchef-Kollegen unter Druck gesetzt

          Er bestrafte Schumacher mit einer Geldbuße und einem einwöchigen Wettkampfverbot Anfang 2008 - auch weil er sich dazu gegenüber der „Bewegung für einen glaubwürdigen Radsport“ (MPCC), der das Team Gerolsteiner angehört, verpflichtet fühlte. „Die Kollegen von der MPCC machten Druck.“ Über seine Maßnahmen informierte Holczer auch den Tour-Veranstalter, die Amaury Sport Organisation. „Ich hätte es nicht akzeptiert“, sagt er zu seinem Vorgehen gegen Schumacher, „ihn in die Saison hineinplätschern zu lassen.“

          Für ihn ist die Angelegenheit damit abgeschlossen, und Holczer erkennt darin einen wesentlichen Unterschied zu dem Fall Tom Boonen, der wegen seines Kokainkonsums nicht zur Tour zugelassen wurde. Er wünschte sich deswegen nun auch, dass Schumacher allgemein mehr Anerkennung erhalte, auch wenn er eine Vergangenheit mit Ungereimtheiten habe: „Er ist kein Fuentes-Kunde gewesen, er ist nicht in einen großen Skandal verwickelt.“

          „In der Öffentlichkeit bin ich abgestempelt“

          Aber der Schwabe war schon einmal ins Gerede gekommen: 2005 bei der Rheinland-Pfalz-Rundfahrt, als er auf den Wirkstoff Cathin zurückgegriffen hatte, ein Mittel gegen eine Pollenallergie. Der Nürtinger legte jedoch eine Genehmigung für diese Substanz vor. Und er beteuerte stets, nie gedopt zu haben - nur mit der Trunkenheitsfahrt, sagte Schumacher, habe er eine Riesendummheit begangen. „Ich habe ein Vorbild zu sein.“

          Allerdings muss er hinnehmen, dass ihm wieder Skepsis entgegenschlägt, dass er den Makel nicht los wird. „In der Öffentlichkeit bin ich abgestempelt“, sagt Schumacher, der auch schon das Rosa Trikot des Giro d'Italia trug. „Es deprimiert mich, dass man als Radrennfahrer immer gleich ein Betrüger ist und einem keiner glaubt.“

          Umarmen, abklatschen - Holczer hält die Leistung für keine große Überraschung

          Holczer jedenfalls war am Dienstag in Cholet unvoreingenommen auf Schumacher zugegangen. „Ich habe ihn abgeklatscht und danach umarmt.“ Dass der Nürtinger das Zeitfahren auf bemerkenswerte Art gewann, war für ihn keine allzu große Überraschung. Schumacher hat schon einige solcher Wettbewerbe für sich entschieden. „Er kam nicht wie Phönix aus der Tasche.“ Trotzdem verblüffte seine Darbietung.

          Dass Schumacher danach für das Team Gerolsteiner warb, dessen Fortbestand wegen der bisher erfolglosen Sponsorensuche gefährdet ist, gefiel ihm - aber vielleicht erstaunte es ihn auch ein wenig. „Er müsste am ehesten Distanz halten und sagen: Gott sei Dank bin ich den Schulmeister los“, sagt Holczer. Aber Schumacher pries die Vorzüge des Teams, das von Holczer geformt wurde, und sagte: „Wir können noch Sprünge machen.“

          Für Schumacher dürfte dürfte es nicht schwierig sein, anderswo unterzukommen

          Für ihn dürfte es, sollte nach dieser Saison doch das Ende für die Equipe kommen, nicht schwierig sein, anderswo unterzukommen. „Um meine Existenz geht es nicht.“Vermutlich hat Schumacher seinen Marktwert - trotz aller Irritationen um seine Person - nun auch um einiges gesteigert.

          Es ist eine kuriose Fügung, dass just der „Problemfall“ Schumacher die Zuversicht Holczers nährte, in Kürze vielleicht doch einen neuen Geldgeber zu finden. Er glaubt, dass der „Knaller“ von Cholet dabei nützlich sein könnte. „Ich hoffe, dass es hilft“, sagte Holczer. „Unser Konzept scheint ansatzweise aufzugehen.“ Noch am Dienstag wollte er eine Präsentation zusammenstellen, da sich vor einigen Tagen ein weiterer Interessent per E-Mail gemeldet hatte. „Ich habe noch ein bisschen zu tun“, sagte er in einer Stunde, die er seit langem ersehnt hatte. Es war ja auch eine Krönung - mit Kratzern.

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