https://www.faz.net/-gtl-a0kxo

Plan von Radprofi Schachmann : Was passiert nach Tag 13?

  • -Aktualisiert am

Der letzte Sieger: Schachmann nach seinem Erfolg bei Paris–Nizza. Bild: EPA

Radprofi Schachmann war der letzte Sieger eines großen Sportevents vor dem Lockdown. Nun plant er die nächsten Karriereschritte – und auch bei der Tour de France will er etwas herausfinden.

          3 Min.

          Während Maximilian Schachmann auf mehr als 2000 Meter Höhe per Videokonferenz zu Medienvertretern spricht, ziehen hinter ihm die Wolken die Hänge herunter. Irgendwann wirkt die Landschaft hinter dem Panoramafenster wie in Watte gepackt. Das gilt jedoch nicht für die Profis der deutschen Equipe Bora-hansgrohe.

          Die schuften derzeit im Ötztal auf ihren Rädern. Arbeiten 18 Tage lang alpin einer Saison entgegen, auf die alle hoffen, auf die alle hinplanen, von der aber niemand weiß, ob sie wirklich stattfinden kann. Das Peloton, dieser transeuropäische Wanderzirkus, will laut neuem, verschlanktem Rennkalender vom 1. August an der Pandemie davonradeln. Und so strampeln Schachmann und Co. derzeit über Berge und durch Täler in Österreich und sind letztlich doch nur so etwas wie blinde Passagiere in der Corona-Entwicklung.

          Der 26 Jahre alte Schachmann ist der Sieger des letzten großen Sportevents, das vor dem Lockdown noch ausgetragen worden ist. Der Berliner gewann das traditions- wie prestigeträchtige Etappenrennen Paris–Nizza, wobei er das Gelbe Trikot auf der ersten Etappe errang und bis zum Schluss verteidigte. Von der obersten Stufe des Siegertreppchens winkte Schachmann am 14. März – anschließend standen in der (Sport-)Welt nicht nur die Räder still.

          Ein Mann für Klassiker oder Rundfahrten? Das gelte es herauszufinden, sagt Schachmann.
          Ein Mann für Klassiker oder Rundfahrten? Das gelte es herauszufinden, sagt Schachmann. : Bild: dpa

          Der Triumph bei Paris–Nizza war ein fulminanter Erfolg und Entwicklungsschritt für einen, der von sich sagt, „nicht mehr der Jüngste, aber auch nicht alt“ zu sein. Was ihn in dieser Saison abermals in eine kommode Lage versetzt. Schachmann nimmt zwar laut persönlichem Rennplan ein hartes Programm auf sich mit der Tour de France und etlichen der verbliebenen Eintagesklassiker. Doch darf er von der Teamleitung aus immer noch eine Art Welpenschutz für sich in Anspruch nehmen – obwohl er bei einigen Rennen als Kapitän starten wird. „Wenn es klappt, ist es gut. Wenn es nicht klappt, ist es auch okay“, sagt der Sportliche Leiter Enrico Poitschke, der Schachmann auch Premieren bei Paris–Roubaix und der Flandern-Rundfahrt in Aussicht stellt.

          Starke Beine und klarer Kopf

          Schachmann hat sich in der starken Bora-hansgrohe-Mannschaft im Schnelldurchlauf von einem Neuling mit Potential zu einer Hoffnung für die größten Rennen aufgeschwungen. In seiner Karriere hat er zwar schon manchen heftigen Sturz mit Verletzungsfolgen gehabt, aber mehr noch viele sich bietende Chancen im Sturm genommen. Was ihn auszeichnet, sind starke Beine im Verbund mit einem klaren Kopf. „Ich habe bewiesen, dass ich die Fähigkeiten habe, verschiedene Arten von Rennen zu gewinnen“, sagt Schachmann, der stets offensiv fährt und floskellos spricht.

          Der tatendurstige Rennfahrer ist tempofest genug für harte Eintagesritte, hat den Nachweise erbracht, ein guter Zeitfahrer zu sein, und weiß sich auch am Berg zu behaupten. Da wollen die nächsten Schritte der Laufbahn gut abgewogen sein. Die zentralen Fragen lauten: In welchem sportlichen Umfeld kann er am besten zu den Größten der Zunft aufschließen? Und wird eines Tages aus dem Allrounder ein Mann, der bei den großen Landesrundfahrten erfolgversprechend auf das Gesamtklassement fährt?

          Selbstbewusst sagte Schachmann, dessen Vertrag bei Bora-hansgrohe am Jahresende ausläuft, vor dem Ötztaler Panoramaglas: „Ich hatte gute Gesprächen mit verschiedenen Teams.“ Der aktuelle deutsche Meister ist ein „heißes Eisen“ auf dem Fahrermarkt. Auch wenn der Radsport krisenbedingt wohl deutlich abspecken muss, Schachmann weiß, dass aufstrebende, hochveranlagte Fahrer wie er immer noch hohe Preise erzielen können.

          Nun schwärmt er zwar von der trainingswissenschaftlichen Betreuung und dem Klima im erfolgreichen Raublinger Rennstall, in dessen Hierarchie er schon oben dabei ist – aber das Kokettieren mit anderen beruflichen Optionen kann finanziell nicht schaden. Allerdings spielt auch das eine gewichtige Rolle: Will er den zehrenden Weg in Richtung Gesamtklassement-Fahrer gehen, wo er sich bei Bora-hansgrohe der deutschen Konkurrenz von Emanuel Buchmann und dem jungen Lennard Kämna erwehren müsste – oder möchte er ein Athlet bleiben, der für kleinere Rundfahrten und Tagessiege auf allen Terrains gut ist?

          Die Online-Flatrate: F+
          FAZ.NET komplett

          Zugang zu allen exklusiven F+Artikeln. Bleiben Sie umfassend informiert, für nur 2,95 € pro Woche.

          Jetzt 30 Tage kostenfrei testen

          Dies gelte es in näherer Zukunft herauszufinden, sagt Schachmann. Und zwar im Sattel, auf der Straße. Denn bislang hat er mit dem Giro d’Italia 2018 erst eine dreiwöchige Grand Tour komplett absolviert. Sein Tour-Debüt 2019 sollte der große Härtetest in der Helferrolle werden. Doch er schlug hart auf: Schachmann stürzte beim Zeitfahren der 13. Etappe schwer und musste die Frankreich-Rundfahrt mit gebrochenem Mittelhandknochen beenden. „Ich sehe das als Teil eines Lernprozesses“, sagt Schachmann. Und nun wolle er wissen, „wie mein Körper nach Tag 13 bei der Tour reagiert“.

          Obwohl ein anderes Programm vorgesehen war, ist er, auch auf eigenen Wunsch, für die Tour nominiert worden. In derselben Rolle wie im Vorjahr: Diese sah Helferdienste für den Kapitän Buchmann vor sowie vereinzelte Chancen, auf eigene Faust auf Etappensiege zu gehen.

          Die großen Landesrundfahrten werden im (Hoch-)Gebirge entschieden – und dort sieht Schachmann noch Nachholbedarf bei sich. „Ich muss meine Kletterfähigkeiten verbessern“, sagt er. Seit seinem Umzug vom heimischen Berlin auf die Schweizer Seite des Bodensees findet er vor der Haustür auch das passende Trainingsareal dafür vor.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Das türkische Forschungsschiff Oruç Reis im Hafen von Antalya

          EU ringt um Türkei-Sanktionen : Bleibt der osmanische Korsar im Hafen?

          Soll die EU die Türkei mit Sanktionen belegen, weil sie in einem von Griechenland beanspruchten Teil des östlichen Mittelmeers nach Öl- und Gasverkommen sucht? Die EU-Staaten sind in dieser Frage gespalten.
          Wo geht es lang? Wegweiser zu einer kommunalen Zulassungsstelle

          Warten aufs Nummernschild : Chaos in der Zulassungsstelle

          Wer sein Auto zulassen will, muss wegen der Corona-Einschränkungen teils wochenlang auf einen Termin beim Amt warten. Bürger verzweifeln, Händler und Industrie toben. Was läuft da schief? Ein Ortstermin.
          Corona-Debatte bei Anne Will

          TV-Kritik: Anne Will : Mit Plattitüden gegen die Pandemie

          Wer die gegenwärtige Misere der Talkshows im öffentlich-rechtlichen Fernsehen erleben wollte, bekam bei Anne Will einen bemerkenswerten Anschauungsunterricht. Eine Debatte fand nicht statt, stattdessen gab es ein Poesiealbum von Allgemeinplätzen.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.