https://www.faz.net/-gtl-a1hug

Profi-Radfahrerin Tanja Erath : „Ich hing nur noch am seidenen Faden“

  • -Aktualisiert am

Eine Etappe hat sie schon gewonnen: Die Darmstädterin Tanja Erath ist bei der virtuellen Tour als Sprinterin in ihrem Viererteam eine feste Größe. Bild: Picture-Alliance

Im F.A.Z.-Interview spricht Profi-Radfahrerin Tanja Erath über ihre ganz besonderen Erlebnisse bei der virtuellen Tour de France, wo sie derzeit für Aufsehen sorgt und die bald auf den Champs-Elysées zu Ende geht.

          3 Min.

          Als Abschluss der virtuellen Tour de France steht an diesem Sonntag eine Etappe mit Zielankunft in Paris an. Sind Sie jemals auf den Champs-Elysées, dem heiligen Pflaster des Radsports, gefahren?

          Nein, noch nie. Ich war mal als Schülerin in der zwölften Klasse auf Studienfahrt in Paris, das war tatsächlich zwei Tage nach Tour-Ende auf den Champs-Elysées, da lagen noch überall Prospekte rum und Winkehände. Ich habe ein paar auf dem Boden aufgesammelt, das war meine einzige Erfahrung bisher mit den Champs-Elysées.

          Ihr Team Canyon-Sram hat Sie für drei der sechs Etappen der virtuellen Tour nominiert.

          Ja, ich fahre die überwiegend flachen Etappen, weil das meinem Fahrerprofil als Sprinterin entspricht.

          Sie haben über die Trainingsplattform Zwift, auf der die Profis – Frauen wie Männer – nun sechs Tour-Etappen fahren, einen Profivertrag im World-Tour-Team Canyon-Sram bekommen. Von der Rolle auf die Straße – und nun wegen Corona wieder zurück. Was hatten Sie sich vorgenommen für die virtuelle Tour?

          Bei meiner ersten Tour-Etappe bin ich ein bisschen auf Sicherheit gegangen, weil ich erst seit einem Tag aus dem Trainingslager mit meinem Team zurück war, die Beine waren noch etwas schwer. Ich wollte unbedingt das Grüne Trikot der punktbesten Fahrerin holen, und deshalb habe ich meinen Fokus auf die Zwischensprints gelegt. Das ging ganz gut. Den ersten Zwischensprint habe ich gewonnen, den zweiten auch, dann noch mal Dritte und Fünfte, dann habe ich gedacht, okay, ich spare ein bisschen was fürs Finale, aber das Rennen hatte mich bis dahin doch schon ziemlich zerlegt, ich hing nur noch am seidenen Faden. Für Platz sechs am Ende hat es noch gereicht. Das war für mich ganz okay. Ich hatte das Grüne Trikot geholt und war von der Gruppe, die um den Sieg fuhr, nicht weit weg, obwohl es einen Schlussanstieg gab, der mir ja nicht so liegt. Das hat mir Selbstvertrauen gegeben für meinen zweiten Einsatz, für die nächste flache Etappe.

          Die Sie dann tatsächlich gewonnen haben...

          Ja, da habe ich von Anfang an meinen drei Teamkolleginnen gesagt: Mädels, ich würde meine Kräfte gern fürs Finale sparen und dann schauen, was geht. Der Kurs liegt mir, flach, aber mit kurzen Kickern drin. Das ist dann super gelaufen, ich hatte immer zwei meiner Mädels vorne dabei, ich musste nicht immer in den Vollsprint gehen, um unterwegs maximale Punkte zu holen, musste mich nicht voll verausgaben. Als es auf die letzten drei Kilometer ging, habe ich mich gut gefühlt und habe dann, wie ich es geplant hatte, den Sprint eröffnet, ungefähr bei 290 Metern vor dem Ziel.

          Dann wurde es knapp.

          Ich habe nicht mehr wirklich auf den Monitor geschaut, erst wieder kurz vor der Ziellinie, als ich merkte, okay, die Beine werden immer schwerer, da habe ich hochgeguckt und eine lila Hose als Erstes über den Bildschirm fahren sehen. Ich dachte: Ist das meine lila Hose, die Hose meines Avatars? Oder die meiner Teamkollegin? Dann ploppte direkt das Ergebnis auf. Es war meine. Ich hatte von vornherein eine Etappe gewinnen wollen bei dieser Tour. Ich hatte drei Chancen, den Etappensieg abzuschießen – und die zweite genutzt. Ich war sehr erleichtert.

          An diesem Sonntag folgt die dritte. Der virtuelle Sprint royal auf den Champs-Elysées. Ihr Ziel dürfte klar sein.

          Ja, es wäre natürlich toll, zwei Etappensiege mitzunehmen und auch in Paris zu gewinnen. Ich würde lügen, wenn ich sagen würde, es wäre nicht mein Ziel, auf den Champs-Elysées zu gewinnen.

          Wie funktioniert die Absprache für eine solche Etappe unter den vier Teamfahrerinnen?

          Wir machen das immer erst recht spät, wenn feststeht, dass die Fahrerinnen, die nominiert sind, auch gesund sind und fahren können. Dann schickt der Sportliche Leiter seinen Plan in unsere Whatsapp-Gruppe, und wir können uns dazu äußern, ob wir etwas ändern wollen oder wir einverstanden sind mit dem, was er plant. Eine Stunde vor dem Start haben wir noch einmal ein Online-Gespräch über Discord, einen Chat, über den hauptsächlich Gamer kommunizieren, da geht es noch mal um den gemeinsamen Plan und eventuelle Änderungen. Dann geht es los. Während des Rennens sind wir online miteinander verbunden, wieder in einem Chat.

          Wo sitzen Ihre drei Teamkolleginnen am Sonntag auf dem Rad, auf der Rolle?

          Lisa Klein in Deutschland, Alexis Ryan in den Vereinigten Staaten, Alice Barnes in England. Wir fahren zusammen und sind doch überall verteilt für das große Finale. Die Trikots werden nur über die Teamleistung vergeben. Manchmal ist es besser, dass man alle vier Fahrerinnen in den Top Ten hat, und jeder sammelt die Punkte, als nur einer auf dem Sprint. Das Team mit den meisten Punkten nimmt das Trikot mit. War bei uns ein bisschen ungünstig. Samstags haben wir es geholt, sonntags wieder verloren. Jetzt wieder geholt. Hoffe, wir haben es Sonntag noch, dann könnte ich es am Sonntag auf den Champs-Elysées tragen, virtuell, das wäre toll.

          Vom Triathlon zum Radsport

          Die 30 Jahre alte Tanja Erath begann ihre sportliche Laufbahn als Triathletin und wechselte 2016 zum Radsport. Sie hat Medizin studiert und fährt seit 2018 für das deutsche World-Tour-Team Canyon-Sram. Die Darmstädterin gehört zu den besten Sprinterinnen der Welt. (ede.)

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Demonstrationen im Libanon : „Jeder ist bereit für einen Kampf“

          In Beirut treibt die Wut auf die Politik Abertausende Menschen auf die Straßen. Die Lage in der Stadt ist unübersichtlich. Dieses Mal wollen die Demonstranten die korrupte Elite des Landes nicht davonkommen lassen.
          Die amerikanische Schriftstellerin Lily Brett

          Amerika in der Krise : Wie New York unter Trump und Corona leidet

          Donald Trump hat einen Grausamkeitskoeffizienten, der den größten Diktatoren zum Neid gereichen könnte, schreibt die Schriftstellerin Lily Brett. Über die Hoffnung der Amerikaner auf eine gerechtere Zukunft.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.