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Tour de France : Mörderische Anstiege und Schußfahrten "am offenen Grab"

Der Gipfel: Die Tour in den Pyrenäen Bild: AP

Alphonse Steinès war einsilbig, als er im Juni 1910 das Ergebnis einer Expedition auf den Tourmalet mitteilte: Die Strecke sei praktikabel, telegraphierte er nach Paris. Damit war eine Legende geboren: Die Tour de France hatte ihren ersten Zweitausender, ihren Schicksalsberg.

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          Alphonse Steinès war einsilbig, als er im Juni 1910 das Ergebnis einer Expedition auf den Tourmalet mitteilte: Die Strecke sei praktikabel, telegraphierte er nach Paris. Damit war eine Legende geboren: Die Tour de France hatte ihren ersten Zweitausender, ihren Schicksalsberg. Mag sein, daß dieses 2115 Meter hohe Hindernis aus Fels die Antwort auf einen Satz ist, der Henri Desgrange, den Patron der Tour, herausfordern mußte. Nachdem der Luxemburger François Faber das Rennen 1909 gewonnen hatte, sagte er, die Tour sei "besser bezahlt und weniger ermüdend" als sein Job als Lagerarbeiter. Ermüdung konnte er haben. Desgrange schickte Steinès in die Berge. Mit einem verwegenen Chauffeur bis kurz vor den Gipfel gefahren, machte sich der journalistische Nachwuchs aus Paris zu Fuß an den Aufstieg des Tourmalet. Er verlief sich, wurde von der Dunkelheit überrascht und von Schafhirten gerettet. Sofort gab er das Signal, für Radprofis sei ein solcher Berg gerade recht. Am 17. und 19. Juli 1910 standen auf dem Programm der Tour: Col de Port (1249 Meter), Portet d'Aspet (1069), Les Ares (797), Peyresourde (1563) und, nach einem Ruhetag, Aspin (1489), Aubisque (1709) und schließlich der sagenhafte Tourmalet (2114).

          Michael Reinsch

          Korrespondent für Sport in Berlin.

          Man muß nicht die Legenden wiederholen vom Tour-Sieger Octave Lapize, der Journalisten zurief, sie seien Mörder, und vom braven Eugène Christophe und seinem Gabelbruch drei Jahre später. Vielmehr soll daran erinnert werden, daß es die Pfade von Schäfern, Wanderarbeitern und Schmugglern waren, die damals durch die Berge führten, und die Erfindung der Kettenschaltung noch ausstand. Augenzeugen berichteten, daß die Fahrer auf ihren Eisenrädern mit Tempo fünfzig talwärts donnerten. "Die Konkurrenten sind eingeladen, ihre Vorsicht zu verdoppeln", gaben die Veranstalter ihnen mit auf den Weg, "weil zahlreiche Pferde, Mulis, Esel, Rinder, Kühe, Kälber, Ziegen, Schafe, Schweine frei laufen an der Strecke. Die Abfahrten sind oft Hohlwege, die Kurven extrem kurz und scharf." Das ging nicht gut. "Abfahrt am offenen Grab" nannten Fahrer und Journalisten die Schußfahrten, die, mehr noch als die sogenannten mörderischen Anstiege, eine Gefahr für Leib und Leben der Radrennfahrer waren und sind. Jan Ullrich verpaßte vor zwei Jahren auf der Abfahrt vom Peyresourde eine Kurve und glücklicherweise auch eine Leitplanke, schoß in einen Busch und flog kopfüber eine Böschung hinunter. Er blieb unversehrt. Von diesem Samstag an führt die Tour de France wieder in die Pyrenäen. Auf dem Programm stehen 14 Anstiege in vier Tagen.

          Mit dem Höhepunkt Tourmalet (2114 Meter), der die Drohung im Namen trägt: schlechte Rückkehr. Doch der Portet d'Aspet hat sich als der wahre Unglücksberg erwiesen. Hier starb am 18. Juli 1995 Olympiasieger Fabio Casartelli aus der Mannschaft von Lance Armstrong, als er auf der Abfahrt am Ende des Feldes stürzte. 1973 kam Raymond Poulidor hier auf der Abfahrt von der Straße ab. Mit dem Kopf voran stürzte er von der Straße. Er mußte, obwohl blutüberströmt, zur Aufgabe seiner elften Tour gezwungen werden. Luis Ocaña verlor 1971 durch einen Unfall die Tour; in einer Kurve am Col de Menté, keine zwanzig Kilometer vom Portet d'Aspet entfernt. Der Spanier führte in der Gesamtwertung mit fast siebeneinhalb Minuten vor Eddy Merckx. Immer wieder attackierte bei Regen und Hagel Merckx, immer wieder konterte Ocaña. In der Abfahrt stürzten die beiden, sprangen auf - und Ocaña wurde von Joop Zoetemelk niedergefahren, der aus dem Nebel herausschoß. Zwei weitere Fahrer stürzten über den Spanier. Der Mann im Gelben Trikot beendete die Tour im Rettungshubschrauber.

          Jeder wußte, daß es ein Wunder war, wenn ein solcher Sturz mit ein paar Schürfwunden und Rippenbrüchen abging. 1922 stürzte Honoré Barthélemy, der die Tour schon mit gebrochenem Arm zu Ende gefahren war und sich mit einem Glasauge in die Endspurts stürzte, bei einer rasenden Abfahrt in eine Schlucht. Die Legende will es, daß seine Tasche mit Bananen und Küchlein den Sturz dämpfte und ihn rettete. Ähnlich muß es 1951 beim Absturz des Holländers Wim van Est gewesen sein, der, im Gelben Trikot, mit großem Rückstand auf die Abfahrt vom Aubisque ging: erschöpft und unerfahren. Kaum in Fahrt, flog er schon von der geschotterten Straße. Aus einigen Meter Tiefe hörten die Helfer seine Schreie. Van Est hatte Rippenbrüche erlitten. Vor allem aber hatte er Angst, daß seine Retter Felsbrocken lostreten würden, die über ihm aus der Wand ragten. Zwei Jahre danach der Sturz von Tour-Sieger Hugo Koblet. "Koblet attackierte wie eine Rakete", staunte Gino Bartali. "Der Junge ist selbstmörderisch." Das ließ sich auch über den leichtgewichtigen Jean Robic sagen. Er versuchte in jenem Jahr, die Abfahrt vom Tourmalet mit einer präparierten Trinkflasche zu beschleunigen. Die soll, mit Blei gefüllt, neun Kilo gewogen haben. Robic flog aus der Kurve und aus der Tour.

          Die guten Seiten der Pyrenäen lernte Ullrich bei seinem Tour-Sieg 1997 kennen, als er im Anstieg nach Arcalis in Andorra das Gelbe Trikot holte. Aber das ist eine andere Geschichte.

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