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Tour de France : Holczers Hoffnungslosigkeit

  • -Aktualisiert am

„Eigentlich froh”, nicht mehr im Radsport zu sein: der ehemalige Gerolsteiner-Teamchef Michael Holczer Bild: dpa

Hans-Michael Holczer ist auch Gast bei der Tour de France - als Betreuer von Sponsorengruppen. Dem Radsport gibt der einstige Gerolsteiner-Teamchef trotzdem keine Zukunft mehr. 2010 kehrt er in den Schuldienst zurück.

          Das Metier reizt ihn immer noch, Hans-Michael Holczer mag das nicht leugnen, immerhin hatte er jahrelang in der ersten Klasse des Radsports mitgemischt. Da lassen sich nicht alle Bande von heute auf morgen kappen, und so sagt Holczer: „Ein bisschen juckt's natürlich schon.“ Das ist gerade in diesen Tagen so, da sich der ehemalige Chef des untergegangenen Teams Gerolsteiner wieder bei der Tour de France aufhält, allerdings nicht mehr in ersten Reihe wie noch im vergangenen Jahr.

          Rainer Seele

          Sportredakteur.

          Der Schwabe ist jetzt für einen Automobilhersteller tätig, der sich bei der Tour engagiert. Holczer betreut während der Rundfahrt Gäste dieses Unternehmens. Die Verbindung zu den Machern im Radsport ist allerdings immer noch vorhanden, und gerade ist Holczer von Tour-Direktor Christian Prudhomme nach Paris eingeladen worden. Das Treffen soll im September stattfinden, Holczer vermutet, dass Prudhomme eine „neutrale Einschätzung“ von ihm haben wolle - über die Tour, über den Radsport.

          Niemand glaubt an sauberes Rennen

          Wahrscheinlich wird der Franzose dann nichts Erfreuliches von seinem deutschen Gast hören, Holczer steht der Branche inzwischen sehr distanziert gegenüber. Er sagt: „Die Tour ist chancenlos.“ Und noch einmal: „Der Sport hat hier keine Chance, gut beurteilt zu werden.“ Das soll heißen, dass selbst eine Tour ohne einen einzigen Dopingfall kaum zur Glaubwürdigkeit des Sports beitragen kann - im Gegenteil. Sollte kein Dopingsünder enttarnt werden, sagte Holczer, glaube trotzdem niemand an ein wirklich sauberes Rennen. Er findet auch, dass selbst die intensivierten Kontrollen nicht dazu taugen würden, die Bereitschaft zur Manipulation entscheidend einzudämmen. „Ich sehe keinen Ausweg.“

          Holczers härtester Fall: Sein Fahrer Stefan Schumacher fuhr gedopt ins Gelbe Trikot

          Holczer hatte sich stets als Wortführer im Kampf gegen Doping geriert, doch durch die Dopingskandale um seine Fahrer Stefan Schumacher, Bernhard Kohl und Davide Rebellin war er selbst in die Bredouille geraten. Und er sah sich harter Kritik ausgesetzt: Ob er das denn nicht hätte ahnen müssen? Ob er in seiner Mannschaft vielleicht nicht genau hingeschaut habe? Sicherlich, entgegnet Holczer, habe er gewusst, in welchem Umfeld er sich bewege. Und trotzdem: „Du merkst es nicht“, behauptet der Schwabe. Zumal die Profis ja in der Regel auch dann sehr überzeugend auftreten, wenn sie den geraden Weg verlassen haben.

          Keine Illusionen mehr

          Holczer erzählt von Fahrern, die „jeden Vertrag dieser Erde“ unterschreiben, jede Ehrenerklärung und die dazu noch „lachenden Auges“ zum Dopingtest gehen. Er sagt, dass er sich spätestens seit dem Fall Rebellin keinen Illusionen mehr hingebe. Mit dem Nürtinger Schumacher steckt der Schwabe noch in einer juristischen Auseinandersetzung, Holczer fordert von dem gesperrten Profi ein halbes Jahresgehalt zurück. Die Angelegenheit wird aber so bald wohl nicht geregelt werden können, „sie zieht sich hin“.

          In Frankreich immerhin hat Holczer nun eine ungebrochene Begeisterung am Radsport festgestellt. Bei einer Fahrt durch eine ländliche Region waren gelbe Trikots aus Pappe aufgestellt worden, auf ihnen standen die Namen von Tour-Siegern - und Holczer fiel auf, dass selbst gefallene Stars wie Floyd Landis geehrt wurden. Der Amerikaner war 2006 des Testosterondopings überführt worden, der Spanier Oscar Pereiro rückte dadurch auf Platz eins der Tour vor.

          Rückkehr in den Schuldienst

          Die Tour de France produziert einige eigenartige Geschichten in diesem Jahr. Sie handeln von dem exzellenten, aber auch exzentrischen britischen Sprinter Mark Cavendish, der durch seine forschen Töne auch schon manche Kollegen gegen sich aufgebracht hat. Oder von dem Italiener Rinaldo Nocentini, den eine Laune des Schicksals in das Gelbe Trikot fahren ließ. Und schließlich auch von dem Duell zwischen Lance Armstrong und Alberto Contador, wobei Holczer schwant, dass dies vielleicht gar kein wirklicher Zweikampf, sondern eine „weitere Stufe der Show“ sein könnte. Immerhin, in der Gunst der Franzosen steht Armstrong nach Ansicht des Beobachters Holczer weit oben, „sie fliegen auf seine Kampagne“.

          Selbstredend würdigt der Schwabe auch den Aufstieg des Eschborners Tony Martin, „er scheint sich nirgendwo abhängen zu lassen“. Mit dem Weißen Trikot, das Martin trägt, verknüpft Holczer jedoch eine unangenehme Erinnerung. Dieses Hemd, das den besten Jungprofi kennzeichnet, hatte im Jahr 2006 einen seiner Profis, Markus Fothen, geschmückt - bis der Italiener Damiano Cunego „wie Phönix aus der Asche“ auftauchte und Fothen das Trikot abnahm. Cunego hatte einen beträchtlichen Rückstand auf den Deutschen, aber plötzlich, so Holczer, legte er im Zeitfahren „wie ein Henker“ los.

          Eigentlich, sagt Holczer, sei er ja, „wenn ich mir manches Ergebnis anschaue“, doch froh, im Radsport nicht mehr in der Verantwortung zu stehen. Zudem, sagt er, sei sein Netzwerk auch nichts mehr wert. Im September 2010 wird Holczer vermutlich in den Schuldienst zurückkehren. Manche Affären von gestern werden ihn womöglich aber auch dann noch verfolgen.

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