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Tour de France : Große Rad-Show - wie immer ohne Gewähr

Champagnerlaune: Alberto Contador hat die Tour gewonnen Bild: REUTERS

Mark Cavendish ersprintet zum Abschluss der Tour de France seinen sechsten Etappensieg. Alberto Contador aber ist der Souverän. Ein Doping-Nachspiel ist nicht ausgeschlossen: Im Herbst sollen neue Analyseergebnisse vorliegen.

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          Vielleicht hätte er schon am Samstag, während der Fahrt auf den kahlen Gipfel des Mont Ventoux, an einem Gläschen Champagner nippen können. Alberto Contador hatte ja alles im Griff, sich selbst und seine Rivalen. Vielleicht hätte er auch, statt über Funk in Kontakt mit seinen Betreuern zu treten, kurz mit seiner Liebsten plauschen können, um einen gemütlichen Abend in dieser Woche zu planen – zwischen all den offiziellen Ehrungen, denen Contador sich nun in seiner Heimat stellen muss. Spanien wird zweifelsohne aus dem Häuschen sein wegen A.C., dessen Name seinen Landsleuten wohl wie Musik vorkommen wird – andere verbinden damit eher einen schrillen Ton.

          Rainer Seele

          Sportredakteur.

          Aber Contador hat sich bei dieser Tour de France nichts anhaben lassen, in keinerlei Hinsicht, er war der Souverän im Peloton, unbestritten. Und so stand er also am Sonntag in Paris, wo Mark Cavendish mit seinem sechsten Etappensieg (siehe: FAZ.NET-Tour-de-France-Liveticker) zum siegreichsten Tour-Fahrer seit dem sieben Mal erfolgreichen Eddy Merckx in den siebziger Jahren avancierte, wieder auf dem höchsten Treppchen, wie 2007. (siehe: Tour de France: Gesamtwertung) Und die Tour war damit aufs Neue in spanischer Hand. Wie 2006, als Oscar Pereiro sich zwar auf den Champs-Elysees nicht in Gelb hatte präsentieren können – das Trikot war ihm erst später, nachdem Floyd Landis als Dopingtäter aufgeflogen war, überreicht worden. Wie 2007, als Contador davon profitierte, dass der schlecht beleumundete Däne Michael Rasmussen während der Tour seine Koffer packen musste. Wie 2008, als Carlos Sastre, der diesmal nur hinterherhechelte, sich zum Champion küren ließ.

          Selbst der Ventouxy war kein Schrecken

          Ja, die spanische Radsportschule – einzigartig. Die Profis aus diesem Land verstehen ihr Geschäft. Und weil das eine Menge Ruhm verheißt, hat man offensichtlich gewisse Akten, die dunkle Seiten mancher Vertreter dieser Zunft belegen könnten, einfach beiseitegelegt – es lebt sich so wesentlich angenehmer. Contador fährt somit weiter unbehelligt der Sonne entgegen, er ist ein Seriensieger geworden, auf jedem Terrain, ob in den Bergen oder im Zeitfahren, scheinbar unantastbar.

          Angekommen als Sieger: Der gelbe Alberto Contador am Triumphbogen in Paris

          Am Samstag war selbst der gefürchtete Mont Ventoux, wo der Eschborner Tony Martin (siehe auch: "Unter den ersten zehn - das hätte dem Image geschadet") Etappenzweiter hinter dem Spanier Juan Manuel Garate wurde, kein Schrecken mehr für ihn. Und die Attacken der flotten luxemburgischen Brüder Andy und Frank Schleck hatten auch nicht mehr Contador gegolten, sondern dem amerikanischen Kompagnon des Spaniers, Lance Armstrong. Der Texaner verfügt zwar nicht mehr über die Spannkraft früherer Jahre, was bei einem Alter von 37 Jahren keineswegs verwunderlich ist, von Platz drei ließ er sich jedoch von Frank Schleck nicht mehr verdrängen. Wenigstens konnte sich die radsportbegeisterte Familie aus Luxemburg, die im Zusammenhang mit Dopingverdächtigungen auch schon stürmische Zeiten erlebt hat, damit trösten, dass Andy Schleck direkt hinter Contador landete. Und dazu ein kleines Schmuckstück mit nach Hause nahm, nämlich das Weiße Trikot für den besten Jungprofi.

          Sieger ohne Gewähr? Die Analyse-Ergebnisse sollen im Herbst vorliegen

          Der schmächtige Contador hatte sich schon am Samstag, vor den letzten 164 Kilometern der Tour 2009, sehr erleichtert gegeben. Und der Hauptdarsteller mit zweifelhaftem Ruf antwortete sogar, als Fragen zum Thema Doping gestellt wurden. Allerdings verhielt er sich dabei wie bei einer gefährlichen Abfahrt – sehr vorsichtig. Er sei froh, sagte der Spanier, dass es bei dieser Tour keinen Dopingskandal gegeben habe, er sprach – ganz allgemein – von einem Mentalitätswandel und von einem Erfolg für den Radsport. Und überhaupt: Jeder Profi könne doch inzwischen 365 Tage im Jahr überprüft werden. Als wäre allein das schon ein Beleg für mehr Sauberkeit im Radsport. Immerhin wurde am Sonntag bekannt, dass – die Tour 2008 betreffend – bei 15 Profis, die angeblich auf den ersten 20 Rängen zu finden waren, nachträgliche Doping-Untersuchungen vorgenommen werden sollen. Nach Informationen der „L’Equipe“ wird in ihren Blutproben nach dem Mittel Cera gefahndet. Die Analyse-Ergebnisse sollen im Herbst vorliegen. Ein weiteres, schweres Nachbeben einer Tour also, die schon durch einige schmutzige Affären überlagert worden war?

          Contador hatte am Wochenende auf alle Fälle prominente Mitstreiter, Christian Prudhomme etwa äußerte sich ähnlich zuversichtlich wie der Spanier. Es sei zwar nicht alles gut, sagte der Tour-Direktor einschränkend, doch es habe sich etwas geändert. „Das Betrügen ist schwerer geworden“, behauptete der Franzose, dem allen Anschein nach auch die – vorübergehende – Auseinandersetzung zwischen Contador und Armstrong gefiel. „Wir haben bei der Tour ein großes Duell erlebt, genau das, was der Sport braucht.“ Armstrong, zu dem die Franzosen einst ein kühles Verhältnis gepflegt hatten, ist damit selbstredend auch im nächsten Jahr bei der Tour hochwillkommen.

          Er sei noch leidensfähig, sagte der Texaner, der sich kokett als Veteran bezeichnete und tatsächlich an manchen Tagen sehr mitgenommen aussah. Armstrong wird nun in einer amerikanischen Equipe einen neuen Versuch unternehmen, und womöglich wird auch Contador künftig nicht mehr für das Team Astana antreten. Schließlich musste er feststellen, dass mit den kasachischen Partnern, die wohl lieber den Dopingsünder Alexander Winokurow als Galionsfigur ins Rennen schicken, nicht immer gut Kirschen essen ist.

          Deutsche Hoffnungsträger

          Die Landkarte des Radsports wird somit neu gestaltet, an deutschen Elementen wird es dabei nicht fehlen. Dass aufstrebende Profis wie Martin oder der Deutschaustralier Heinrich Haussler bei der Tour Aufsehen erregten, stimmt die nationale Branche optimistisch. „Sie geben“, sagte Rudolf Scharping, der Präsident des Bundes Deutscher Radfahrer, „dem deutschen Radsport ein frisches Gesicht und eine neue Perspektive.“ Eine Gewähr jedoch gibt es nicht. Auch nicht dafür, dass das jüngste Tour-Kapitel tatsächlich am Sonntag geschlossen wurde.

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