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Tour de France : Evans vor Gesamtsieg - Martin gewinnt Etappe

  • -Aktualisiert am

Ein Australier fährt in Gelb: Cadel Evans Bild: REUTERS

Der frühere Mountainbiker Cadel Evans lässt Andy Schleck im Zeitfahren weit hinter sich und fährt ins Gelbe Trikot. Damit steht der „ewige Zweite“ vor dem Triumph bei der Tour de France. Der Etappensieg geht an Tony Martin.

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          Es ist für Cadel Evans ein langer Weg zur Farbe des Glücks gewesen, er war beschwerlich, er steckte voller Tücken. Evans wurde als Bruchpilot abgestempelt, sogar als „Clown mit traurigem Gesicht“. So spottete einst die französische Zeitung „L'Equipe“ über ihn. Aber Evans ist seinen Weg beharrlich weitergegangen, und es war eine lohnende Sache für ihn, denn der Australier steht jetzt dicht vor der Krönung seiner Karriere, vor dem ersten Triumph bei der Tour de France. Evans ist nur noch einen einzigen Schritt davon entfernt, nur noch 95 Kilometer, so weit ist die letzte Strecke bei der 98. Tour zwischen Creteil und den Champs-Elysees in Paris.

          Rainer Seele
          Sportredakteur.

          Vielleicht wird Evans schon während der 21. Etappe an diesem Sonntag an einem Gläschen Champagner nippen, das ist an einem solchen Tag guter Brauch für den Mann im Gelben Trikot. Weil eigentlich kaum noch Gefahr besteht, dieses Hemd, das größte Schmuckstück des Radsports, auf der Ehrenfahrt in die Kapitale Frankreichs zu verlieren. Evans hat 1:34 Minuten Vorsprung vor Andy Schleck, dem Zweiten, und 2:30 Minuten vor Fränk Schleck, dem Dritten. Erst am Samstag, beim Etappensieg von Tony Martin, ist Evans bei einer Tour mit großer Spannung der Sprung auf Platz eins gelungen. Das allerdings kam nicht überraschend, denn der Australier galt als einer der Favoriten für das 42,5 Kilometer lange Zeitfahren rund um Grenoble, er verfügt schließlich - wie der Deutsche Martin - über hohe Qualitäten in dieser Disziplin.

          Andy Schleck war der Führende für einen Tag

          Der Kapitän des amerikanischen Teams BMC-Racing hatte als Dritter des Klassements 57 Sekunden hinter Andy Schleck gelegen, der Galionsfigur des Luxemburger Radsports. Erst am Freitag, in L'Alpe d'Huez, hatte Schleck die Führungsrolle vom Elsässer Thomas Voeckler übernommen. Aber er dürfte da schon geahnt haben, dass es nur eine kurze Episode in Gelb werden würde. Der Samstag dokumentierte dann auch deutlich, dass Schleck im Zeitfahren nicht mithalten kann mit Evans. Er war zweieinhalb Minuten langsamer als der Australier.

          Zweieinhalb Minuten schneller als Andy Schleck: der frühere Mountainbiker Cadel Evans
          Zweieinhalb Minuten schneller als Andy Schleck: der frühere Mountainbiker Cadel Evans : Bild: REUTERS

          Martin, sieben Sekunden schneller als Evans, hatte den welligen Kurs am Nachmittag in 55:33 Minuten bewältigt. Im Juni schon hatte der Wahl-Schweizer auf identischem Parcours Stärke bewiesen, er entschied damals das Zeitfahren bei der Dauphiné-Rundfahrt für sich. Martin hatte sich so gut in Form gefühlt, dass er selbstbewusst sagte, in den Kreis der besten Zehn bei der Tour vorstoßen zu wollen - in den Pyrenäen jedoch wurde diese Hoffnung bereits zunichte gemacht. Es seien deprimierende Wochen gewesen, sagte Martin. Am Samstag wenigstens lief es wieder prächtig für ihn. „Ich bin super zufrieden, ich könnte die ganze Welt umarmen“, sagte Martin, dessen Rennstall HTC-Highroad in diesen Tagen bemüht ist, seine Zukunft zu gestalten; schließlich ist offen, ob der Hauptsponsor sein Radsport-Engagement fortsetzen wird.

          Schon 2007 und 2008 kam Evens als Zweiter ins Tour-Ziel

          So oder so wird Martin sich über das Morgen nicht sorgen müssen. Und vermutlich auch nicht der wandelbare Evans. Dem Australier, der schon zweimal, 2007 und 2008, Tour-Zweiter gewesen war, haftete lange der Ruf an, nicht den rechten Mumm zu besitzen für einen Tour-Erfolg.

          Wie er grundsätzlich als Mensch wirkte, nachdenklich und zurückhaltend, präsentierte er sich auch auf dem Rad: nicht wirklich angriffslustig, große Risiken scheuend. Bei dieser Frankreich-Rundfahrt aber war ein anderer Evans zu sehen. Zwar ist er keineswegs zu einem Hasardeur geworden, doch der Australier zeigte sich entschlossener als früher. Er gewann schon in der ersten Tour-Woche eine Etappe, knapp vor Alberto Contador, der nun Fünfter der Tour ist.

          Und auf dem Anstieg zum Galibier hatte Evans in der Verfolgung von Andy Schleck die Initiative ergriffen. Noch nicht einmal der Radwechsel am Freitag in den steilen Rampen des Col du Telegraphe hatte Evans aus der Bahn geworfen. Er behielt in der Not die Nerven, er war ein Muster an Beständigkeit. Und er konnte bei seinem ehrgeizigen Unterfangen in Frankreich und Italien sogar auf wertvolle deutsche Hilfe bauen, auf die Unterstützung des Sachsen Marcus Burghardt, der seinem Boss auch am Freitag zur Seite stand.

          Sein Werdegang wirft Fragen auf

          Evans hat sogar selbst eine deutsche Vergangenheit, er stand einst beim Bonner Telekom-Rennstall unter Vertrag, ohne dort aber heimisch zu werden. Ihm war vorgeworfen worden, den technischen Ansprüchen eines Profis nicht zu genügen. Der ehemalige Mountainbiker hatte später jedoch seine Kritiker widerlegt, zum Beispiel 2009, als er in Mendrisio in einem Solo Straßen-Weltmeister wurde. In gewisser Weise blieb Evans sich dennoch treu: Er gerierte sich als ein nichts sagender Champion. Auf eine Frage nach der Dopingproblematik im Radsport antwortete er ausweichend, dass es nicht seine Sache sei, solche Diskussionen zu führen. Dabei hatte er sich zu diesem Thema schon einmal ein bisschen dezidierter geäußert, etwa 2008. „In den letzten Jahren bin ich von Betrügern geschlagen worden“, sagte Evans damals. Er bezog das auf die Tour.

          Aber wofür steht der Australier, ein Mann mit großen Erfahrungen in seinem Metier? Es gibt keine Anschuldigungen gegen ihn, doch auch sein Werdegang wirft Fragen auf. Man weiß ja, wie es bei seinen ehemaligen Arbeitgebern Mapei oder Telekom in Doping-Angelegenheiten zugegangen war. Immerhin verkörpert Evans, der „ewige Zweite“ von früher, nun doch einen Fortschritt bei der Tour de France. Aus ganz persönlicher Sicht. Und gemessen allein an den nackten Zahlen.

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