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Tour de France : Erfolgsteam auf Abschiedstour

Greg Van Avermaet im Gelben Trikot: „Wir fahren für Andy“ Bild: Reuters

Die Mannschaft von BMC trumpft bei der Frankreich-Rundfahrt auf – und muss sich neu orientieren. Noch hat sich kein Hauptsponsor für die kommende Saison gefunden.

          Die Heroen sind allgegenwärtig, Eddy Merckx zum Beispiel, gerngesehener Gast bei der Tour de France. Das war auch diesmal so, und im nächsten Jahr steigt bei der Tour ohnehin eine große Sause, wegen Merckx. Die Tour wird dann zu seinen Ehren in Brüssel gestartet, denn 50 Jahre zuvor hatte der Belgier, der „Kannibale“ genannt wurde wegen seines ausgeprägten Erfolgshungers, den ersten seiner fünf Tour-Siege errungen. Das Peloton wird bei dieser Gelegenheit das Städtchen Woluwe-Saint-Pierre passieren, in dem Merckx 1969 erstmals das Gelbe Trikot getragen hatte.

          Rainer Seele

          Sportredakteur.

          Egal, wie das sportlich alles zustande gekommen ist: An der Radsport-Ikone Merckx wird nicht gerüttelt, im Gegenteil, nicht in Frankreich und natürlich auch nicht in Belgien. Zwei Nationen, in denen der Radsport einen enormen Stellenwert hat, auch wenn sie die Tour seit langem nicht mehr haben einnehmen können. Immerhin gibt es immer wieder kleinere Feuer auf französischem Boden, am Montag hatte ein Belgier ein solches entfacht: Werbung für sich selbst und auch ein bisschen für das belgische Radsportfest 2019.

          Da spielte es keine Rolle, dass Greg Van Avermaet das nicht im Alleingang geschafft hatte, sondern in einem gemeinschaftlichen Werk mit seinem amerikanisch-schweizerischen Team BMC. Etappe gewonnen, gelbes Hemd geholt, das allein zählte nach dem Teamzeitfahren in Cholet. Und auch Merckx wird sich mächtig gefreut haben.

          „Wir fahren für Andy“

          Der wackere Van Avermaet, Olympiasieger von 2016, sprach nach dem Coup seiner Equipe aber nicht über seinen großen Landsmann, sondern über einen im Frühjahr gestorbenen Schweizer: Andy Rihs. Über den Mann also, der das Team BMC mit seinem Geld groß gemacht hatte. „Eine außergewöhnliche Persönlichkeit“, sagte der Belgier anerkennend über Rihs, der eine barocke Erscheinung war und das Leben und den Radsport genoss. Bereits vor seinem Tod war aber klar, dass der schwerreiche Rihs sein Engagement im Radsport beenden würde, das ihn etliche Millionen Franken im Jahr kostete.

          Der Zug ins Gelbe Trikot: BMC gewinnt das Mannschaftszeitfahren

          Für Van Avermaet und seine Kollegen könnte das nun das Ende bedeuten, zumindest im Trikot von BMC, das dieser Tage grundsätzlich seines einstigen Förderers gedenkt mit dem Slogan „Wir fahren für Andy“. Der amerikanische Teamchef Jim Ochowicz führt zwar angeblich ständig Gespräche mit potentiellen neuen Geldgebern, allerdings hat sich bis jetzt kein Hauptsponsor für die kommende Saison gefunden.

          Würde das Team BMC aus dem Radsport verschwinden, träfe dies auch die Schweizer Szene, als deren bester Vertreter Stefan Küng gilt – allerdings besitzt er noch längst nicht das Format wie einst Fabian Cancellara. Für Küng wäre es jedoch sogar hilfreich, eine neue Herausforderung zu suchen, abseits von Van Avermaet oder dem Australier Richie Porte, die er beim Team BMC unterstützen muss, bei Klassikern oder Rundfahrten. Auch der deutsche Nationaltrainer der Schweiz, Danilo Hondo, glaubt, dass Küng mehr Freiheiten brauchte, um sich weiterzuentwickeln. „Vielleicht muss sich Küng neu orientieren“, sagte Hondo.

          Dazu könnte Küng jetzt gezwungen werden wie Van Avermaet oder Porte. Das dürfte für sie, da allesamt begehrte Fahrer, kein allzu schweres Unterfangen sein. Porte etwa wird mit dem Team Trek-Segafredo in Verbindung gebracht, bei dem John Degenkolb unter Vertrag steht. Der Rennstall hält nach einem Profi Ausschau, der bei großen Rennen wie der Tour eine exponierte Rolle in vorderer Reihe spielen kann.

          Porte, früher Gefährte von Christopher Froome beim Team Sky, entschied in diesem Jahr immerhin die Tour de Suisse für sich und wurde hoch gehandelt für die Tour. Doch auch der Australier erlitt früh ein Malheur: Sturz und Zeitverlust. Und die Fortsetzung seiner Pannenserie im Radsport. Besonders schlimm hatte es Porte im Vorjahr bei der Tour erwischt, als er auf der neunten Etappe bei der Abfahrt vom Mont du Chat zu Fall kam und gegen eine Felswand prallte. Schlüsselbein gebrochen, Becken schwer lädiert, abruptes und schmerzhaftes Ende einer Dienstreise.

          Porte nimmt nun einen neuen Anlauf im Kampf gegen den Briten Froome, mit einem Team, das sich vermutlich auf einer Abschiedstour befindet. Mit einem stark emotionalen Anstrich, der mehrere Facetten hat: belgische inzwischen durch das gelbe Intermezzo von Van Avermaet, in erster Linie jedoch sticht ein Schweizer Element hervor. Verkörpert durch den ehemaligen Patron Rihs, um den die Gedanken beim Team BMC kreisen, Tag für Tag. Vor allem aber in bewegenden Stunden wie am Montag in Cholet.

          Hüter des Zahnrades

          In den Sattel schwingen und losfahren? So einfach geht das nicht. Wer Radsportler sein will, muss Regeln beachten. Und zwar 95, wie eine Gruppe selbsternannter Gralshüter behauptet. Die „Velominati“ haben einen „Kodex für Radsportjünger“ aufgeschrieben. Wir zitieren im Etappenrhythmus kluge, lustige und sinnfreie Vorschriften. Regel #42: „Einem Radrennen sollte niemals ein Schwimmen vorausgehen und/oder ein Lauf folgen.“ Erläuterung: „Wenn ein Schwimmen vorausgeht und/oder ein Lauf folgt, nennt man es nicht Radrennen, sondern Duathlon oder Triathlon. Keines von beidem hat etwas mit Radsport zu tun. Denk daran, dass man nur schwimmen sollte, um nicht zu ertrinken. Und dass der einzige Grund zu laufen darin besteht, dass jemand hinter einem her ist. Selbst dann sollte man nur so schnell laufen, dass man nicht eingeholt wird.“ Empfehlung: Wer läuft und schwimmt, lernt das Rad zu schätzen. (Entnommen aus: „Die Regeln“, Kodex für Radsportjünger, Covadonga Verlag 2018)

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