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Tour de France : Ein bisschen Reue nach dem „Schurkenstück“

Rivalen in weiß und gelb: Andy Schleck vor Alberto Contador Bild: AP

Die Attacke von Alberto Contador hat im Peloton eine hitzige Debatte über Fair Play ausgelöst. Manche halten das Ideal von der Ritterlichkeit im Radsport für romantisch verklärt. Nun nimmt sich die Tour nochmal einen letzten Ruhetag.

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          Ein bisschen Reue hat Alberto Contador dann doch noch gezeigt. Ob dies wirklich aus freien Stück geschah oder auf Empfehlung seiner Berater, ist nicht bekannt. Contador, der plötzlich zum Buhmann der Tour de France wurde, versuchte jedenfalls, die Wogen zu glätten. Er ging auf Andy Schleck zu, dem er in einer vermeintlich unwürdigen Aktion das Gelbe Trikot entrissen hatte. Der Spanier, der eigentlich mit dem Luxemburger befreundet ist, rang sich zu einer Entschuldigung durch. „Als ich attackierte, hatte Andy ein mechanisches Problem. Vielleicht habe ich einen Fehler gemacht. Es tut mir leid“, behauptete Contador in einer Videobotschaft.

          Rainer Seele
          Sportredakteur.

          Der Spanier, der kein Erbarmen kennt, wie die französische Sportzeitung „L’Equipe“ feststellte, gerierte sich sogar als ein Mann, dem Fair play sehr wichtig sei. „Ich bin nicht glücklich über die Umstände“, ließ Contador wissen. Über den Moment also, in dem Schleck einen Kettenschaden hatte und Contador schnell schaltete: Mit einer forschen Attacke eilte er dem Luxemburger davon, letztlich erwuchs daraus im Gesamtklassement ein Vorsprung von acht Sekunden vor Schleck. Eigentlich sei das gar nicht sein Stil, sagte Contador, und weil er sich gerade so konziliant gab, pries er auch gleich seine enge Beziehung zu dem Kapitän des dänischen Teams Saxo-Bank. „Ich hoffe, dass mein Verhältnis zu Andy so gut bleibt wie bisher.“

          Ritterliche Züge werden bei den Protagonisten erwartet

          Contador hat auf alle Fälle eine hitzige Debatte im Peloton darüber ausgelöst, was ein Profi sich im Rennen erlauben kann – und wann er sich ungeschriebenen Gesetzen der Branche beugen muss. Schleck, der Geschlagene, war sehr wütend auf Contador, der sich zunächst noch die Aussage gestattet hatte, gar nichts von einem Defekt bei Schleck mitbekommen und intuitiv gehandelt zu haben. Im Rennen denke man nur daran, schnell zu fahren. Das sei der Radsport von heute, sagte lapidar der Deutsche Andreas Klöden, Kompagnon von Lance Armstrong im Team RadioShack. Der südafrikanische Sprinter Robert Hunter dagegen ging hart ins Gericht mit Contador – er empfahl ihm, auf dem Podium nicht die Arme zu heben und sich und seine Spitzenstellung zu feiern.

          Contador genießt den gelbwerten Vorteil
          Contador genießt den gelbwerten Vorteil : Bild: AP

          Natürlich wird im Radsport immer wieder Rücksicht auf Fahrer genommen, die in Schwierigkeiten stecken. In diesen Tagen wird gerne auf solche Gesten hingewiesen. Auf Armstrongs Warten im Jahr 2001 beispielsweise, als Jan Ullrich eine Böschung hinabgestürzt war. Der Deutsche revanchierte sich zwei Jahre später, als der Amerikaner strauchelte – allerdings fuhr Armstrong ihm dann davon. Unlängst hatte auch Contador – samt dem Feld – auf Stürze von Andy und Fränk Schleck reagiert, die Kollegen ließen die beiden Luxemburger wieder aufschließen. „Wenn er das nicht gemacht hätte, wäre ich schon dort aus dem Rennen gewesen“, sagte Andy Schleck. Contador erzählte aber nun, dass sein damaliges Verhalten umstritten gewesen sei. „Einige Leute haben mich dafür kritisiert.“

          Ansonsten scheint Betrug systembedingt zu sein

          Es ist tatsächlich eine eigenartige Geschichte mit dem Fair Play im Radsport, in dem mancher vor allem bei den Duellen in den Bergen ritterliche Züge bei den Protagonisten erwartet – in einer offenbar romantisch verklärten Vorstellung. Und wie passt eine Diskussion über Fair Play nach einer Rad-Panne zu den sonstigen Gepflogenheiten im Metier, zum andauernden Betrug etwa, der im Radsport teilweise als systembedingt betrachtet zu werden scheint? Just berichtete die „Gazzetta dello Sport“, dass die italienische Justiz Dopingermittlungen gegen Alessandro Petacchi eingeleitet habe. Der Italiener vom Team Lampre gewann bei dieser Tour bereits zwei Etappen. Petacchi war schon einmal wegen der Einnahme eines Asthmamittels gesperrt gewesen.

          Contador hatte am Montag keinen Regelverstoß begangen, er hatte lediglich aus einer besonderen Rennsituation einen Vorteil für sich gezogen. „Wie kannst du das tun?“ hatte Andy Schleck ihn danach gefragt. Aber eigentlich war es, trotz Contadors späterer vermeintlicher Einsicht, eine überflüssige Bemerkung. Dass Schlecks Chef beim Team Saxo-Bank, der Däne Bjarne Riis, sich eher zurückhaltend über das angebliche Schurkenstück äußerte, könnte übrigens einen triftigen Grund gehabt haben. Riis ist angeblich an einer Verpflichtung des Stars vom Team Astana interessiert – es heißt, er wolle Contador mit Hilfe des amerikanischen Fahrradherstellers Specialized holen. Der Spanier hat mit diesem Unternehmen bereits einen Privatvertrag, der 1,5 Millionen Euro wert sein soll. Riis benötigt neue Kräfte, da die Schleck-Brüder – wie dem Vernehmen nach auch die deutschen Profis Linus Gerdemann und Fabian Wegmann – zu einem neuen luxemburgischen Rennstall wechseln werden. Vermutlich wird das Geschehen vom Montag das Faible von Riis für den Sportfreund Contador keineswegs gemindert haben.

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