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Tour de France: Dritter überführter Fahrer : Die „Kobra“ im Netz

  • -Aktualisiert am

Ricco wird von der französischen Polizei abgeführt Bild: AFP

Riccardo Ricco ist bei der Tour de France als dritter Radprofi binnen sechs Tagen positiv getestet worden. Der Italiener hatte zwei Etappen gewonnen und trug das Trikot des besten Bergfahrers. Es gibt Hinweise, dass noch mehr Fahrer enttarnt werden könnten.

          Er hatte zuletzt noch ein schmuckes Trikot getragen, jenes mit den roten Punkten, das den besten Bergfahrer bei der Tour de France auszeichnet. Am Donnerstag morgen aber ist Riccardo Ricco dieses Hemd abgenommen worden, weil er es, wie sich jetzt herausstellte, gewissermaßen erschwindelt hatte.

          Rainer Seele

          Sportredakteur.

          Der Mann, der das im Jahr 2004 gestorbene italienische Radsportidol Marco Pantani verehrt und der bei dieser Tour - wie einst sein großes Vorbild - mit verblüffender Leichtigkeit die Berge erklommen hatte, ist als Dopingsünder entlarvt worden. Ricco konnte deswegen nicht mehr zur zwölften Etappe antreten, und mit ihm verließ die gesamte Mannschaft von Saunier Duval die Frankreich-Rundfahrt.

          In die Falle getappt

          Der 24 Jahre alte Italiener, zweifacher Etappensieger bei der Tour, hatte auf ein gebräuchliches Mittel zurückgegriffen, um seine Leistungsfähigkeit zu steigern. Ricco wurde des Epo-Dopings überführt - wie vor ihm bereits die beiden Spanier Manuel Beltran und Moises Duenas Nevado. Auch die 95. Tour wird also von Dopingaffären überlagert, diese Entwicklung erinnert an die Skandale des vergangenen Jahres auf französischem Boden. Die Tour aber, das zeigen die Enthüllungen der vergangenen Tage, ist offensichtlich bereit, aufzuräumen. Das Netz scheint deutlich enger geworden zu sein für jene, die ohne Betrug in ihrem Beruf nicht voranzukommen glauben.

          Ricco trug das Trikot des besten Jungprofis...

          Ricco, der sich so unbekümmert und selbstbewusst gab, hatte bereits seit Beginn der Tour unter Verdacht gestanden - dass er nun ertappt wurde, ist mithin keine große Überraschung. Die französische Anti-Doping-Agentur hatte bei ihren Kontrollen ein auffälliges Blutbild bei dem Italiener festgestellt. Ricco hatte kategorisch behauptet, dass er über einen natürlich erhöhten Hämatokritwert verfüge - von Kindesbeinen an. Nach der vierten Etappe, dem Zeitfahren rund um Cholet, das der Nürtinger Stefan Schumacher gewann, tappte der forsche Radprofi in die Falle. Er soll sich des Präparats Cera bedient haben, es wird der dritten Epo-Generation zugerechnet.

          „Stellen unsere sportlichen Aktivitäten im Moment ein“

          Ricco, der Zweite des Giro d'Italia, schien manchmal mit der Konkurrenz zu spielen. Aber der Rennfahrer, der „Kobra“ genannt wurde, trieb ein falsches Spiel, man weiß das jetzt endgültig. Mit frappierendem Antritt war der Italiener, Vertreter der jungen, aufstrebenden Garde im Profiradsport, seinen Rivalen in Super-Besse und in Bagneres-de-Bigorre enteilt. Und er half schließlich auch seinem italienischen Kollegen Leonardo Piepoli, der für den dritten Etappenerfolg von Saunier Duval bei der Tour sorgte. Just Piepoli also, der im vergangenen Jahr beim Giro offensichtlich so sehr unter Asthma gelitten hatte, dass er eine sehr hohe Dosis des Wirkstoffs Salbutamol zu sich nahm - und daraufhin von seiner Equipe vorläufig suspendiert wurde.

          Jetzt musste auch Piepoli abreisen, angeblich zog sein Rennstall aus freien Stücken zurück. „Wir stellen unsere sportlichen Aktivitäten im Moment ein“, sagte der sportliche Leiter Pietro Algeri. Zuvor sollen sich in Lavelanet wahre Jagdszenen ereignet haben. Ricco wollte sich am Startort angeblich in einem Wagen seines Teams absetzen, die Polizei verfolgte ihn und nahm ihn in Gewahrsam.

          Spritzen, Nadeln und Transfusionsbeutel

          Saunier Duval fährt unter spanischer Flagge, sein Teamchef stammt jedoch aus der Schweiz: Es ist Mauro Gianetti, ein ehemaliger Profi, der 1998 einige Tage im Koma gelegen hatte, nachdem er bei der Tour de Romandie kollabiert war - nach Auskunft von Ärzten befand sich ein Blutersatzstoff für Nierentransplantationen in seinem Körper. Im Vorjahr hatte Gianetti, ein Mann mit Vergangenheit, den Basken Iban Mayo bei Saunier Duval entlassen; Mayo war bei der Tour mit Epo erwischt worden.

          Durch den Radsport Spaniens zieht sich also offenbar eine breite Spur des Dopings. So wurde nun auch bekannt, dass Nevado eine ganze Palette von Utensilien bei sich gehabt hat. Wie die Staatsanwaltschaft, die den Profi verhörte und ein Verfahren gegen ihn einleitete, am Donnerstag mitteilte, habe man bei der Durchsuchung von Nevados Hotelzimmer Spritzen, Nadeln und Transfusionsbeutel gefunden. Auch ein in Frankreich noch nicht zugelassenes Medikament namens ADP sei sichergestellt worden. Andere Produkte, die im Besitz des Spaniers waren, hat man noch nicht zuordnen können. Nach französischem Recht drohen Nevado eine Gefängnisstrafe bis zu fünf Jahren sowie eine Geldbuße bis zu 75.000 Euro.

          „Dann wird es grausam“

          Experten wundern sich, dass die Profis immer noch sehr häufig Epo benutzen, obwohl es nicht schwer nachzuweisen ist. Auch Abwandlungen des klassischen Epo sollen inzwischen ohne allzu große Mühe zu identifizieren sein. Offensichtlich aber ist dieser „Beschleuniger“ immer noch fest verankert im Manipulationssystem des Radsports. Es gibt auch Hinweise darauf, dass bei der Tour demnächst noch mehr Fahrer enttarnt werden könnten. Hans-Michael Holczer, Macher des Teams Gerolsteiners, spricht beispielsweise von Gerüchten, dass eine größere Zahl von Profis ins Visier geraten sei - Fahrer, die nicht spanischer Herkunft sein sollen. Sollten auch sie auffliegen, „dann wird es grausam für den Radsport“, sagt Holczer. „Dann können sie auch die Sponsorensuche irgendwann vergessen.“ Trotz des Falles Ricco will er noch nicht von einem GAU für die Branche reden. „Ich empfinde es noch als Säuberung“, betont Holczer. „Es gibt immer noch Unbelehrbare, die aussortiert werden müssen.“ Ihr Kreis ist offensichtlich sehr groß.

          Der unehrenhafte Rückzug von Saunier Duval machte Holczers Team am Donnerstag zu einem Profiteur: Durch das Ausscheiden von Ricco und des Spaniers David de la Fuente, die in der Bergwertung der Tour auf den ersten beiden Plätzen gelegen hatten, rückte der Dritte, Sebastian Lang, unverhofft an die Spitze: Der Erfurter musste am Donnerstag jedoch auf das Kleidungsstück mit den roten Punkten verzichten - es war keines mit dem passenden Teamnamen vorhanden.

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