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Tour de France : Die Tour trägt Mull

Die Tour überschlägt sich - die Leidtragenden sind die Fahrer Bild: AFP

Barfuß oder Lackschuh, alles oder nichts: Die Rundfahrt durch Frankreich gibt ein Bild des Jammers ab. Und der Tross, der das rasende Peloton begleitet, ist nicht jederzeit unter Kontrolle zu halten.

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          Was soll man von einer Tour de France halten, bei der ärztliche Bulletins mehr Aufmerksamkeit erregen als Ergebnislisten? Die Tour gibt ein Bild des Jammers ab, sie wird ihrem Ruf als Tour der Leiden in diesen Tagen auf besonders drastische Weise gerecht – dabei stehen die schwierigsten und vermeintlich gefährlichsten Etappen mit extremen Kletterpartien und waghalsigen Abfahrten in den Pyrenäen und den Alpen noch bevor. Doch schon die erste Woche der „Großen Schleife“ durch Frankreich und Italien wurde überschattet von schweren Stürzen. Bis die Knochen brechen: Nicht selten führte die Fahrt zuletzt direkt ins Krankenhaus.

          Rainer Seele

          Sportredakteur.

          Gravierende Mängel im System

          Und über allem steht nun wieder die Frage: Ist tatsächlich größtmögliche Sicherheit gewährleistet für die Radprofis, die innerhalb von drei Wochen knapp 3500 Kilometer zurücklegen müssen? Nicht jedes Risiko ist natürlich auszuschließen bei der Tour, die sich als ein lärmendes, schrilles Spektakel mit einem rasenden Peloton darstellt. Die jüngsten Zwischenfälle, vor allem das Chaos am Sonntag im französischen Zentralmassiv, deckten dennoch gravierende Mängel im System dieser Rundfahrt auf. Sie hat, wie etwa die Irrfahrt des Wagens eines französischen Fernsehsenders zeigte, ihren Tross nicht jederzeit unter Kontrolle. Das Auto rammte den Spanier Juan Antonio Flecha, der den Niederländer Johnny Hoogerland mit sich riss – beide Profis trugen schmerzhafte Wunden davon. Der Berliner Jens Voigt versuchte die Dimension dieser Karambolage so zu verdeutlichen: „Da treffen 2000 Kilogramm auf 65 Kilogramm. Was hier passiert, ist nicht akzeptabel.“ Die Wut der Fahrer war verständlich, die Organisatoren der Tour reagierten prompt: Sie schlossen den Unfallverursacher von der Tour aus. Vermutlich wird es aber auch künftig zu heiklen Situationen kommen, schließlich hat die Karawane der Tour eine beträchtliche Größe, und wie Motten umschwirren beispielsweise Motorräder, besetzt mit Kameraleuten, das Peloton – immer auf der Jagd nach spannungsgeladenen Momenten.

          Der Niederländer Johnny Hoogerland geriet in einen Stacheldrahtzaun...

          Rüde zu Fall gebracht

          Jene, die für den Moloch Tour Verantwortung tragen, müssen sich nun Vorwürfe gefallen lassen, auch wegen des Crashs auf der neunten Etappe, dem der Kasache Alexander Winokurow und der Belgier Jürgen van den Broeck zum Opfer fielen. Es geht um mangelhafte Warnhinweise an brisanten Stellen, um zu enge, zu unübersichtliche Straßen. Tatsächlich könnten von Fall zu Fall Routen mit mehr Bewegungsfreiheit für die Profis gewählt werden, abseits etwa von pittoresken, aber für den Radsport zu kleinen Dörfern. Einen umfassenden Schutz jedoch wird es nie geben in diesem Sport, dessen Protagonisten auf schmalen Reifen von Ort zu Ort hetzen. Und ihrer Konkurrenz ebenso trotzen müssen wie den Launen der Natur und manchmal auch einem enthusiastischen Publikum, das seinen Stars häufig zum Greifen nahe ist – der Radsport bewegt sich schließlich im öffentlichen Raum, und er rühmt sich dieser Volksverbundenheit, die manchen Fahrer schon rüde zu Fall gebracht hat.

          Doch auch die Profis, die in diesem Jahr schon den Tod des Belgiers Wouter Weylandt beim Giro d’Italia beklagen, haben ihren Anteil an den offenbar wachsenden Härten im Radsport. Der Kampf um Plätze und Positionen scheint immer rücksichtsloser geführt zu werden, vor allem bei der Tour, dem größten Monument der Branche. „Bei der Tour geht es um alles oder nichts, barfuß oder Lackschuh“, sagte jetzt der Routinier Voigt. Obendrein sind die Hierarchien in der Zunft flacher geworden; das schürt ebenso die Angriffslust wie das Ringen um Arbeitsplätze in einem Sport, der wegen der Dopingproblematik schon manche Sponsoren verloren hat. Die Tour überschlägt sich nun jedenfalls, die Tour trägt Mull. Der Kasache Winokurow wurde bereits in Paris wegen eines komplexen Bruches des rechten Oberschenkelkopfes operiert. Dem Deutschen Andreas Klöden, ebenfalls am Sonntag zu Boden gegangen, machen Rückenprobleme zu schaffen. Der dreimalige Tour-Sieger Alberto Contador verletzte sich am rechten Knie. „Das ist“, lamentierte der Spanier, „irgendwie nicht meine Tour“. Er steht damit keineswegs alleine.

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